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Büroalltag
Home Office als Karriere-Killer: Behindert die Krise unsere berufliche Laufbahn?
© Marcel Strauß

Home Office als Karriere-Killer: Behindert die Krise unsere berufliche Laufbahn?

Michelle Winner | 02.11.20

Die Arbeit im Home Office hat seit Beginn der Coronakrise stark zugenommen und viele Arbeitnehmer freuen sich über die so entstandenen Vorteile. Doch führt der Wechsel gleichzeitig zu einem Karrierestillstand?

2020 fühlt sich an wie ein verlorenes Jahr. Diese Beschreibung empfinden viele als treffend, denn sie mussten aufgrund der Coronapandemie ihre Pläne streichen, Ziele verwerfen und fühlen sich, als würden sie keine Fortschritte machen. Die Umstellung aufs Home Office bei knapp einem Drittel aller Beschäftigten unterstützt diesen Effekt bei einigen noch. Doch ist die Arbeit von Zuhause aus – trotz aller Vorteile – sogar ein Karriere-Killer? Untersuchungen der Universität Stanford scheinen diese These zu bestätigen.

Fehlender Kontakt führt zu Nachteilen in der Karriere

Das größte Problem der Arbeit im Home Office ist der fehlende Kontakt zu Kollegen und Vorgesetzten. Das stellte Wissenschaftler Nicholas Bloom von der Stanford University bereits in einer Studie aus dem Jahr 2014 fest. Dafür begleitete er neun Monate lang die Mitarbeiter eines chinesischen Call Centers. Die eine Hälfte dieser arbeitete von zu Hause aus, die andere im Büro. Und obwohl die Arbeiter im Home Office produktiver und seltener krank waren, wurden sie seltener befördert. Es scheint also wahrscheinlich, dass fehlender persönlicher Kontakt und weniger Präsenz im Büro der Karriere Steine in den Weg legen. Diese These wird auch von einer Untersuchung der University of California unterstützt. Hier stellten die Wissenschaftler fest, dass die Anwesenheit im Büro die Mitarbeiter engagierter, produktiver und härter arbeitend erscheinen lässt. Und auch Susanne Steffes, Juniorprofessorin an der Uni Köln, rät gegenüber BusinessInsider:

Wer Karriere machen will, sollte präsent sein und Arbeitsengagement zeigen.

Die Studienergebnisse und Expertenmeinungen weisen alle darauf hin, dass viele Arbeitgeber, aber auch Mitarbeiter, Verfechter des sogenannten „Präsenzfetisch“ sind. Das heißt, die Präsenz am Arbeitsplatz ist für sie ein Zeichen harter, produktiver Arbeit. Der Präsenzfetisch ist zudem einer der Gründe, warum das Home Office lange verpönt wurde. Die Coronakrise hat diese Einstellung jedoch grundlegend geändert: Durch den gezwungenen Wechsel zur Heimarbeit, hat sich die Meinung zu dem Thema in großen Teilen geändert und die meisten Arbeitnehmer wünschen sich auch nach Corona die Chance zur Arbeit von zu Hause aus. Und auch viele Arbeitgeber haben erkannt, dass Home Office nicht automatisch sinkende Leistung bedeutet. In diesem Sinne ist es fraglich, ob die Studienergebnisse auf die aktuelle Situation der Arbeitswelt und die Post-Corona-Ära anwendbar sind.

Meinung über Home Office ändert sich

Auch Katharina Wolff, Inhaberin der Personalberatung D-Leve, entkräftet die Studienergebnisse. Gegenüber BusinessInsider erklärt sie, dass der Kontext der Arbeitssituation ausschlaggebend sei. Arbeitet die ganze Firma oder ein Großteil der Belegschaft regelmäßig im Home Office, so wie es unter Corona derzeit häufig vorkommt, würden keine Nachteile für Einzelpersonen entstehen. Im Gegenteil, denn unter diesen Bedingungen seien auch die Arbeitgeber meist überzeugt von dem Konzept und hätten bereits positive Erfahrungen damit gemacht. Dieser Ansicht stimmt auch Steffes zu. Dauerhaftes Home Office war zu Zeiten der Studie von 2014 unüblich, heute jedoch fast schon Normalität. Es komme immer auf die Einzelsituation an. Jemand der häufig im Home Office arbeitet, während der Rest der Belegschaft im Büro sitzt, kann einen negativen Eindruck hinterlassen, so die Expertinnen. Doch hier gibt es Ausnahmen, beispielsweise bei Eltern, die aufgrund der Kinderbetreuung zu Hause arbeiten oder auch derzeit bei Personen, die zur Covid-Risikogruppe zählen und daher auf die Präsenz im Büro verzichten.

Home Office nicht zwingend Schuld am Karrierestopp

Aktuelle Befragungen von Beschäftigten im Home Office würden außerdem zeigen, dass weniger als zehn Prozent ihre Karriere durch die Heimarbeit gefährdet sehen. Doch wieso kommt es vielen dann so vor, als wenn sie seit Beginn der Krise auf der Stelle laufen würden? Grund für dieses Empfinden ist die Gesamtsituation. Die Priorität vieler Unternehmen ist derzeit finanzielle Stabilität und das Verhindern von Stellenabbau. Da bleibt oft nicht genug Raum für Beförderungen oder die Einstellung neuer Talente. Soll heißen: Ja, in diesem Jahr kommen viele Arbeitnehmer auf ihrem Karriereweg nicht weiter. Doch Schuld daran ist nicht die Umstellung aufs Home Office, sondern die schwierige wirtschaftliche Lage durch die Coronakrise.

Ob das Arbeitsmodell Home Office auch nach Corona weiter umgesetzt wird, so wie es sich viele wünschen, bleibt abzuwarten. Die Zeichen dafür stehen jedoch gut. Derzeit erscheint es unwahrscheinlich, dass es eine Rückkehr zum Präsenzfetisch gibt. Um jedoch den fehlenden persönlichen Kontakt auszugleichen, werden viele Unternehmen vermutlich auf einen Mix aus Präsenz und Arbeit im Home Office setzen.