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Büroalltag
Cheffing: Können Mitarbeiter ihre Vorgesetzten an die Leine nehmen?
© laurent mandine - Unsplash

Cheffing: Können Mitarbeiter ihre Vorgesetzten an die Leine nehmen?

Michelle Winner | 17.12.20

Unfähige Führungskräfte sorgen für Frust bei den Mitarbeitern und stören das Arbeitsklima. Doch kann man gegen Mikromanaging und Kontrollzwang vorgehen? Ja, indem du Einfluss ausübst.

Viele haben es bereits erlebt: Eine Führungskraft, die scheinbar keine Ahnung vom Führen hat. Mangelnde Kommunikation, Mikromanagement, fehlende Empathie und scheinbare fachliche Defizite treiben einige Arbeitnehmer an den Rand des Wahnsinns. Doch was dagegen tun? Kündigen? Nein, es gibt auch Wege deinen Vorgesetzten zu Erziehen, ohne dass du den Job wechseln musst. Die Lösung heißt „Cheffing“.

Was ist Cheffing?

Der Begriff steht simpel erklärt für das Führen von unten. Das bedeutet, dass die Mitarbeiter ihren Vorgesetzten so beeinflussen, dass derjenige Entscheidungen im Sinne des Teams trifft. Das klingt im ersten Moment vielleicht nach Manipulation, doch genau das soll es nicht sein. Zumindest nicht im negativen Sinne. Cheffing soll nicht dazu führen, dass Hierarchien umgeworfen werden. Du sollst damit auch nicht deinen Vorgesetzten vorführen oder den Eindruck erwecken, du wärst der listige Strippenzieher im Hintergrund. Es geht um eine subtile, positive Beeinflussung, die zu einer besseren Kommunikation und zum Bewusstsein für Probleme führt – ohne dass die Führungskraft selbst bemerkt, dass einige ihrer Aufgaben von den Mitarbeitern übernommen werden. Das Ziel sollte eine Win-Win-Situation für beide Seiten sein, mit gutem Arbeitsklima und effektiven Arbeitsprozessen.

Wie funktioniert Cheffing?

Grundlage für das Cheffing ist eine Analyse des Vorgesetzten: Welche Probleme gibt es? Wie schadet der Führungsstil dem Arbeitsklima? Welche Eingriffe erschweren Arbeitsprozesse? Wenn du und deine Kollegen das herausgefunden habt, solltet ihr euch ein Ziel setzen. Was wollt ihr erreichen, beziehungsweise in welche Richtung möchtet ihr die Führungskraft schieben? Abgesehen davon solltet ihr aber auch die Persönlichkeit des Vorgesetzten nicht vergessen. Jemand, der schlecht führt, weil er zu locker ist, kann oft schon mit einem ehrlichen Gespräch bekehrt werden. Bei einem autoritären Vorgesetzten ist mehr Feingefühl gefordert. Lasst euch nicht Abwimmeln und nutzt Fakten, um eure Argumente zu unterlegen. Doch welche Maßnahmen können du und dein Team konkret ergreifen? Christian Thiele, Experte und Trainer für Positive Leadership, hat für Xing einige zusammengefasst:

  • Alternativen aufzeigen: Läuft etwas schief, sind Alternativen die Lösung. Biete diese der Führungskraft an, um Maßnahmen zu verhindern, die eure Arbeit als Team stören.
  • Konstruktive Kritik: Manchmal muss man den Vorgesetzten einen Spiegel vorhalten. Doch wenn du das tust, solltest du respektvoll bleiben, das Gespräch unter vier Augen suchen und dich zuvor auch in die Sichtweise deines Gegenübers hineinversetzen.
  • Ärger ersparen: Gibt es Dinge, die deinen Vorgesetzten regelmäßig triggern und aufregen? Dann solltet ihr als Mitarbeiter diese Reibungspunkte so gut es geht umschiffen. Das ist zwar nicht immer möglich oder nötig, kann aber dabei helfen, das Arbeitsklima zu verbessern.
  • Schlechte Neuigkeiten: Diese überbringst du der Führungskraft am besten persönlich. Sie zu verheimlichen bringt sowieso nichts. Anstatt aber nur Hiobsbotschaften zu verkünden, solltest du im voraus bereits über Lösungsansätze nachdenken und diese vorschlagen.
  • Schwächen ausgleichen: Nobody is perfect, auch nicht dein Vorgesetzter. Einige dieser Schwächen kannst du jedoch versuchen, auszugleichen und damit die positiven Führungsqualitäten hervorzuheben. Einer unorganisierten Führungskraft könntest du beispielsweise organisatorisch unter die Arme greifen.
  • Wertschätzung zeigen: Auch Führungskräfte wünschen sich ab und an ein Lob oder nette Worte – gerade, weil es sich an der Spitze oft einsam schwimmt. Also sollten du und deine Kollegen eurer Führungskraft ab und an Wertschätzung zeigen und diese dabei nicht sofort „Arschkriechen“ abtun.

Die Risiken von Cheffing

Wichtig beim Cheffing ist es, dass ihr als Team zusammenarbeitet und es so schafft, euren Vorgesetzten subtil zu beeinflussen und die Situation vor Ort zu verbessern. Ein Problem ist es hingegen, wenn ein Mitarbeiter zu sehr hervorsticht. Wer zu dominant auftritt, riskiert Konflikte mit der Führungskraft und außerdem, dass die eigenen Aufgaben vernachlässigt werden. Das kann Konflikte mit den Kollegen verursachen. Abgesehen davon kann es vorkommen, dass euer Vorgesetzter dem Cheffing auf die Schliche kommt. Im schlimmsten Fall führt das zu ernsten Konflikten und bösem Blut.

Cheffing ist außerdem kein Garant für langfristige Veränderungen. Nur weil eure Maßnahmen zunächst fruchten, heißt das nicht, dass die Führungskraft ein neuer Mensch ist. Rückfälle sind immer möglich. Doch wenn du und der Rest des Teams es geschickt anstellt, könnt ihr zumindest eine zeitweilige Verbesserung der Situation erreichen, was gerade in Krisenzeiten wichtig ist.

Fazit: Lohnt sich Cheffing?

Jeder Mensch hat Fehler, auch eine Führungskraft. Es lohnt sich nicht, Cheffing für kleine Unstimmigkeiten anzuwenden – dafür sind die Risiken und ihre negativen Folgen zu groß. Doch wenn du und deine Kollegen es mit einer wirklich unfähigen Führungskraft zu tun habt, die durch ihr Verhalten Arbeitsprozesse und -klima stört, solltet ihr handeln. Wichtig ist es dabei, dass ihr als Team agiert und nicht zu weit geht. Doch richtig angewandt kann Cheffing dabei helfen, die Arbeitssituation im Unternehmen nachhaltig zu verbessern.

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