Work-Life-Balance adé: Die Arbeitszeit verdient mehr Bedeutung – oder?

Eine Gründerin erklärt, wieso wir die Zeit bei der Arbeit nicht vom Rest des Lebens trennen sollten. Doch Kritik an dieser New Work Idee wird schnell laut – mit Recht.

© Aziz Acharki - Unsplash

Arbeitszeit ist Lebenszeit und eine Work-Life-Balance braucht es nicht. Mit dieser Aussage provozierte Anna Kaiser, Gründerin und Geschäftsführerin von Tandemploy, jüngst in einem Blogeintrag. Wie zu erwarten, erntete sie für ihre Gedanken gemischte Reaktionen. Dennoch hält sie an der Idee fest und verteidigt ihren Standpunkt. Doch was ist überhaupt der Kern ihrer Aussage und meint sie diese so radikal, wie sie klingt? Und ist die Kritik vielleicht nicht ganz unberechtigt?

Die Work-Life-Balance zerteilt das Leben und sieht es nicht als Ganzes

Der Schrei nach einem ausgewogenem Verhältnis von Arbeit und Freizeit ist lauter denn je. Überall wird die gesunde Work-Life-Balance propagiert. Sie dient als Indikator in Rankings über die besten Arbeitsverhältnisse, wird von Unternehmen als Lockmittel genutzt und steht zentral in vielen New Work Debatten. Genau hier hakt Kaiser ein. Denn in ihren Augen ist der Begriff selbst schon falsch gewählt. Oft wird die Work-Life-Balance als strikte Trennung zwischen unserem Leben und der „bösen Arbeit“ gesehen. Das Problem daran? Laut Kaiser halbieren wie dadurch unsere Lebenszeit. Die Arbeit ist ein großer, bedeutender Teil unseres Lebens, weshalb Arbeitszeit ebenfalls als Lebenszeit betrachtet werden sollte.

Ihre Ansichten unterstützt die Gründerin mit der Einschätzung des Wirtschaftswissenschaftlers und Philosophen Philip Kovce. In seinen Ausführungen spricht er von einer Work-Life-Schizophrenie. Im Prinzip ist damit gemeint, dass wir zwei verschiedene Leben leben, die wir strikt von einander trennen. Die Arbeit wird als nötiges Übel dargestellt, dem wir in unserer Freizeit, „dem echten Leben“, so gut es geht den Rücken kehren solllen. Laut Kovce führt diese Einstellung jedoch dazu, dass wir früher oder später in beiden Bereichen des Lebens unglücklich werden. Unsere Arbeit würde dadurch entwertet werden und gleichzeitig entsteht ein Druck im Privatleben: nämlich unsere Zeit ausgiebig zu nutzen.

Work-Life-Balance durch den Begriff „Lebenszeit“ ersetzen

Kovce sowie Kaiser bieten einen Lösungsansatz für das oben genannte Dilemma an. Nämlich das Leben als Ganzes zu betrachten und Arbeitszeit deswegen auch zur Lebenszeit dazu zu zählen. Und wie soll das funktionieren? Indem wir die gleichen Ansprüche an die Arbeit stellen wie an unser Privatleben. So erklärt Kaiser:

Wieso fordern wir nicht ebenso vehement gute Arbeit? Wir sollten eine Arbeit anstreben, die zu unserem Leben, in unser Leben passt! Die es komplett macht, und nicht halbiert. Eine Arbeit, in der wir etwas bewegen können, uns einbringen, in der uns Wertschätzung entgegengebracht wird.

Die Gründerin fordert, dass wir New Work nutzen und aktiv unsere Arbeitswelt umgestalten und zu einem besseren Environment machen. So soll der negativ-konnotierte Ruf der Arbeit langsam schwinden und durch einen Purpose ersetzt werden. Denn fühlen wir uns bei der Arbeit wohl und erkennen ihren Wert an, wird die strikte Trennung von Work und Life überflüssig. Doch was ist mit den Menschen, die nicht jeden Morgen mit Begeisterung zu ihrem Job gehen? Und sich nicht mal eben neu orientieren können? Diese Frage beantwortet Kovce im Interview mit dem WDR. Kern seiner Antwort ist es, dass sinnvolle Jobs, die nicht von Menschen übernommen werden müssen (und eben dafür sorgen, dass diese unglücklich mit der Arbeit sind), nach und nach automatisiert werden. So könne man für eine Freiheit sorgen, die den Arbeitenden erlaubt sich wirklich auszuleben in einem Job, den sie lieben. Den vollen Ausschnitt aus dem Interview kannst du hier hören:

Zu einseitig gedacht? Kritik an den Theorien wird laut

Zugegeben, gerade dem letztgenannten Statement von Kovce werden wohl viele widersprechen, besonders die Menschen, deren Jobs tatsächlich durch die Digitalisierung aussterben und die dadurch ihre gesamte Existenz in Gefahr sehen. Doch dies soll Thema einer anderen Diskussion sein. Denn auch an der Grundidee von Kaisers Artikel gibt es herbe Kritik. Diese ist zum Teil wenig sachlich und stellt New Worker als solche und das Arbeitsverständnis der Gründerin selbst in Frage. Doch es gibt auch rationale Gegenargumente. Unter anderem geht es darum, wie sooft bei New Work Debatten, dass die Theorien vielleicht in manchen Jobs (vor allen Dingen Büroarbeit) umsetzbar sind, jedoch bei Weitem nicht überall. Einzelhandel, Gastronomie und viele andere Arbeitsfelder haben vermutlich eine andere Einstellung zum Thema Arbeitszeit.

Auch wird kritisiert, dass das Abtun der Work-Life-Balance zu einer Form von Ausbeutung von Arbeitnehmern führen kann. Denn oft ist es tatsächlich so, dass Menschen, die ihren Job lieben, eher bereit sind Überstunden zu leisten und schwerer zwischen Arbeitszeit und Freizeit trennen können – was am Ende fatale Folgen für Gesundheit und Psyche haben kann. Jedoch gibt es auch Unterstützung für die Ansichten der Gründerin. So wird betont, dass eine Arbeit mit Inhalt und Wert wichtig für das eigene Wohlbefinden ist und sich positiv auf uns auswirkt. Und ebenso wird begrüßt, dass Arbeit nicht länger als „das Negative“ gesehen werden soll. Gemeint in Kaisers Artikel ist auch nicht, dass es keine Grenze mehr zwischen Arbeitszeit und Freizeit geben soll. Schließlich gibt es in ihrem eigenen Unternehmen flexible Wochenstunden und Tandemmöglichkeiten, sodass sogar die 4-Tage-Arbeitswoche möglich sei. Es ginge also vor allem darum, der Arbeit einen Wert zu zuschreiben .

Das Thema ist noch lange nicht ausgekaut

New Work Gegner und Befürworter stoßen sich die Hörner aneinander ab. Die Diskussionen sind oft zu unsachlich. So werden die einen als „neunmalkluge Akademiker“ abgetan, die noch nie in ihrem Leben hart arbeiten mussten, während die anderen als konservativ, stur und unflexibel gelten. Gedanken wie die von Kaiser lassen durchaus auch einen kritischen Blick auf die Theorien und deren Praktikabilität zu. Doch genau deshalb braucht es Dialog. Pros und Kontras müssen erörtert und mögliche Probleme bei der Umsetzung gelöst werden. Gleichzeitig sollten New Worker auch aktiv auf die Gegenseite zu gehen. So sagt Kaiser selbst in einem Kommentar:

Gerade dort, wo es eventuell noch nicht so wertschätzend und/oder flexibel zugeht, sollten wir hinschauen, unbedingt auch über den Tellerrand hinaus. Insbesondere im produzierenden Gewerbe und dort, wo Menschen einfach an feste Schichten und Arbeitszeiten gebunden sind, haben wir ja in gewisser Hinsicht viel mehr Restriktionen – aber auch so viel Veränderungs- und Verbesserungspotential.

Dieses „Verbesserungspotential“ sollte von New Workern ebenfalls thematisiert und auch konkrete Ideen aufgezeigt werden, wie denn tatsächlich etwas an Schichtarbeit und Co. verbessert werden könnte. Dies wäre dann tatsächlich ein starkes Gegenargument, mit dem Kritiker überzeugt werden könnten. Doch unter dem Strich ist es so: New Work ist kein festes System, welches man nach Schema F auf ein Unternehmen anwendet. New Work bedeutet neue Arbeitsansätze und Ideen zu entwickeln und zu kommunizieren – um so Denkanstöße zu geben, die am Ende tatsächlich zu einer Verbesserung unseres Arbeitsleben führen. In allen Bereichen.

Über Michelle Winner

Michelle Winner

Nachdem Michelle Winner Erfahrungen in einer Lokalzeitung und im Eventbereich gesammelt hat, unterstützt sie nun seit 2017 die Redaktion und schreibt für das OnlineMarketing.de Karrieremagazin über Themen rund um den Büroalltag.

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