Wenn Studien sich widersprechen: Wie zufrieden sind Arbeitnehmer wirklich?

Wie sind unterschiedliche Ergebnisse zu deuten und was kann man glauben? Wichtig ist in jedem Falle, die Statistiken und Umfragen kritisch zu reflektieren.

© Emily Morter - Unsplash

Vor wenigen Wochen kursierte in diversen Medien die Nachricht, dass bereits fünf Millionen Deutsche innerlich gekündigt hätten. So zumindest eine Studie von Gallup. Debatten entbrannten darüber, wie man die Arbeitsmotivation von Mitarbeitern steigern könne und ob es eines generellen Strukturwandels bedarf. Doch noch bevor eine Lösung gefunden wurde, ist nun eine neue Studie von AVANTGARDE Experts erschienen – welche das genaue Gegenteil besagt. Die Deutschen würden immer zufriedener bei der Arbeit werden. Welcher Studie soll man nun also glauben und wie ist mit solch unterschiedlichen Ergebnissen umzugehen?

Die neue Studie zeigt Wachstum zum Vorjahr

In der von AVANTGARDE Experts durchgeführten Umfrage gaben 73 Prozent der Befragten an, zufrieden mit ihrem Job zu sein. Im Vergleich zum vergangenen Jahr ist das ein Anstieg um fünf Prozent. Die Wirtschaftskraft eines Bundeslandes sei dabei unerheblich. So seien die Sachsen weitaus zufriedener als zum Beispiel die Bayern. Im Allgemeinen drückt sich AVANTGARDE Experts, im Gegensatz zur Gallup-Studie, weniger negativ aus. So ist bei AVANTGARDE nicht die Rede davon, dass bereits fünf Millionen Arbeitnehmer innerlich gekündigt hätten. Zwar plane tatsächlich jeder Fünfte einen zukünftigen Jobwechsel, vor allem im Saarland und Rheinland-Pfalz, jedoch hinge dieser Wunsch nicht zwingend mit Unzufriedenheit zusammen.

Oft ist das Streben nach Selbstverwirklichung und neuen Herausforderungen der Grund für die berufliche Neuorientierung. In Hamburg sei der Wunsch nach einem neuen Arbeitsumfeld am geringsten. Besonders interessant sind die Ergebnisse, welche die Vorbereitung auf die Digitalisierung betreffen. Allgemein stehen die Befragten dieser positiv gegenüber. Jedoch fühlen sich ausgerechnet die Digital Natives weniger gut darauf vorbereitet als die „ältere“ Generation.

Ein Großteil der Befragten ist zufrieden mit den Arbeitsbedingungen. © AVANTGARDE Experts

Was bedeutet überhaupt repräsentativ?

Beide Studien rühmen sich damit, repräsentativ zu sein. Es wurden jeweils 1000 Menschen befragt. Doch können diese überhaupt die Meinung von 82 Millionen widerspiegeln? Diese Frage lässt sich Pauschal nicht beantworten, denn wissenschaftlich gesehen ist nicht klar definiert, wann eine Studie repräsentativ ist. Nur wann sie es nicht ist, zum Beispiel wenn die Stichprobe zu einseitig gemischt ist. Nichtsdestotrotz können Statistiken und Studien wichtige Einblicke geben. Sie sollten jedoch niemals als 100 Prozent zutreffend oder allgemein gültig gesehen werden. So zeigt sich auch oft im Marketing, dass trotz offenbar eindeutiger Marktforschungsergebnisse der Launch eines Produkts schief gehen kann. Und so sieht beispielsweise auch der Arbeitssoziologe Falk Eckert die negativen Ergebnisse von Gallup als zweifelhaft an, wie er im Interview mit der Zeit erklärt.

 Wie sind die unterschiedlichen Ergebnisse zu erklären?

Das Problem bei der Einschätzung der Arbeitszufriedenheit in Deutschland besteht darin, dass eine Menge individueller Präferenzen entscheidend ist. Während die Einen tatsächlich nach Selbstverwirklichung im Job suchen, reicht den Anderen der schlichte Dienst nach Plan. Wichtig sei bei letzterem nur, dass man sich am Arbeitsplatz wohlfühle. Beide Studien zeigen außerdem, dass der wichtigste Faktor für Zufriedenheit immer noch das Gehalt ist. Heißt das, Geld ist wichtiger als Selbstverwirklichung? Nein, denn beides hängt oft voneinander ab. Sich selbst zu verwirklichen kann auch im Privatleben stattfinden und dabei ist eine anständige Bezahlung oft hilfreich. Denn auch wenn Geld nicht alles ist, kann es doch zur Erfüllung vieler unserer Wünsche beitragen. Was ein Arbeitnehmer als annehmbares Gehalt ansieht, ist jedoch wieder individuell.

Welche Punkte die Arbeitsbedingungen positiv beeinflussen. © AVANTGARDE Experts

AVANTGARDE Experts Studie liefert außerdem ein weiteres Indiz für die steigende Zufriedenheit von Mitarbeitern – die Forderung bei der Arbeit. Während im Vorjahr noch 25 Prozent angaben, im Job stark gefordert zu werden, stieg der Wert in diesem Jahr um fast 40 Prozent an. Besonders Berufsgruppen, die viel Verantwortung tragen, gaben an, sich teilweise sogar überfordert zu fühlen – gleichzeitig gehörte diese Gruppe von Befragten auch zu den zufriedensten. Dies suggeriert, dass Forderung für die Meisten zwar Stress bedeutet, jedoch mit positiven Auswirkungen. Die Mitarbeiter fühlen sich gebraucht und erkennen zudem den Sinn und die Wichtigkeit ihrer Arbeit. Doch auch hier gilt wieder: Ob berufliche Forderung als positiv oder negativ wahrgenommen wird, ist stark individuell abhängig.

Traue also keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast?

Die hier genannte Redensart lässt sich verneinen. Natürlich sollten Studien und deren Ergebnisse auch immer kritisch betrachtet und hinterfragt werden. Jedoch generell davon auszugehen, dass sie nicht repräsentativ wären, ist auch nicht richtig. Trotz aller Vorbehalte, können Studien Indizien für Trends sein, die sich in der kommenden Zeit entwickeln. Deshalb sollten gerade alarmierende Ergebnisse, wie das von Gallup, im Auge behalten werden. In Bezug auf die Arbeitszufriedenheit der Deutschen lässt sich jedoch folgendes sagen: Betrachtet man alle individuellen Faktoren, welche die Zufriedenheit beeinflussen (von Alter und Geschlecht bis hin zur Stressresistenz), so erscheint eine Befragung von 1.000 Menschen bei etwa 44 Millionen Erwerbstätigen in Deutschland nicht unbedingt repräsentativ. Positiv ist dennoch, dass aktuelle Trends und Entwicklungen zeigen, dass immer mehr Arbeitgebern etwas an der Zufriedenheit ihrer Mitarbeiter liegt und sie deshalb auch versuchen, diese zu steigern. Unter anderem eben durch neue Arbeitsmodelle und Strukturwandel.

Über Michelle Winner

Michelle Winner

Nachdem Michelle Winner Erfahrungen in einer Lokalzeitung und im Eventbereich gesammelt hat, unterstützt sie nun seit 2017 die Redaktion und schreibt für das OnlineMarketing.de Karrieremagazin über Themen rund um den Büroalltag.

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