Arbeitszufriedenheit der Deutschen gering: Strukturwandel als Lösung?

Fünf Millionen Deutsche hätten innerlich gekündigt. Was wünschen Angestellte sich und muss sich wirklich jeder mit seinem Job identifizieren?

© Pim Chu - Unsplash

Innerhalb der letzten Woche berichteten diverse Nachrichtenportale über das Ergebnis einer aktuellen Gallup-Umfrage zur Mitarbeitermotivation. Die Schlagzeile: Mehr als fünf Millionen Arbeitnehmer hätten bereits innerlich gekündigt. Die Schlussfolgerungen: Deutsche Arbeitnehmer seien nicht motiviert, hätten keine emotionale Bindung zu ihren Jobs und machten nur noch den sogenannten Dienst nach Vorschrift. Doch was wünschen sich Angestellte hierzulande und muss sich wirklich jeder mit seinem Job identifizieren?

Die Ergebnisse der Umfrage im Überblick

Von Mitte Februar bis Mitte März dieses Jahres befragte Gallup 1.000 zufällig ausgewählte Arbeitnehmer per Telefon. Die Personen waren über 18 Jahre alt und darunter befanden sich auch Führungskräfte. Seit 2001 führt das Unternehmen diese Befragung jährlich durch. Das repräsentative Ergebnis fiel im Vorjahr ähnlich aus.

Das bedeutet, dass nur jeder fünfte Angestellte ein angenehmes Arbeitsklima genießen würde und ganze 14 Prozent der deutschen Arbeitnehmer bereits innerlich gekündigt hätten. Immerhin gaben 15 Prozent im Gegenzug an, dass sie stets hochmotiviert und konzentriert arbeiten könnten. Doch dass über fünf Millionen Angestellte sich nicht engagieren und sich nicht sonderlich in ihrem Job verpflichtet fühlen, übertönt die 15 Prozent der motivierten Arbeitnehmer. Marco Nink, Regional Lead Research & Analytics EMEA beim Beratungszentrum Gallup, erklärte dem Handelsblatt:

Die Mitarbeiter, die innerlich gekündigt haben, wirken sich wie ein Energiestaubsauger auf die anderen aus.

Viele Angestellte würden unter einer schlechten Unternehmens- und Führungskultur leiden. Es fehle zum Beispiel vielerorts eine angemessene Feedbackkultur. Doch wo lassen sich Lösungen für die Demotivation der von Nink betitelten Energiestaubsauger finden? Und muss sich wirklich jeder mit seinem Job emotional verbunden fühlen?

72 Prozent arbeiten fürs Geld – 11 Prozent zur Selbstverwirklichung

Statista veröffentlichte die Ergebnisse einer Umfrage, aus welchen Antrieb heraus Arbeitnehmer arbeiten würden. Der ausschlaggebende Grund ist für 72 Prozent das Geldverdienen, während elf Prozent angeben, dass sie zur Selbstverwirklichung arbeiten würden. Die drei weiteren Hauptgründe waren der Kontakt zu anderen Menschen, Selbstbestätigung und körperliche und geistige Aktivität.

Der Großteil der Angestellten arbeitet also nicht, um sich selbst zu entfalten, sondern hauptsächlich, um Geld zu verdienen oder das eigene Leben zu finanzieren. Ist das Ergebnis der Gallup-Umfrage vor diesem Hintergrund wirklich so beunruhigend? Müssten eigentlich nicht mehr Menschen aus dem Antrieb zur Selbstverwirklichung arbeiten?

Arbeitssoziologe: Dienst nach Vorschrift ist gesund

Der Arbeitssoziologe Falk Eckert meint nicht, dass Menschen eher aus dem Antrieb zur Selbstverwirklichung arbeiten müssten. In einem Interview mit der ZEIT macht er deutlich, dass es zwar einen schlechten Ruf habe, Dienst nach Vorschrift zu erledigen, er als Arbeitssoziologe sehe allerdings nichts Negatives darin. Es sei schließlich legitim, Arbeit als Pflichterfüllung zu betrachten. Zudem sei es etwas Gutes und sogar Gesundes, so Eckert, eine klare Grenze zwischen Arbeit und Privatleben zu ziehen. Er erklärt:

Diese Zahl zeigt auch, dass der Anspruch, sich in der Arbeit selbst zu verwirklichen, nicht auf alle Berufsgruppen zutrifft. Auch heute macht die Hauptzahl der Beschäftigten jeden Tag dasselbe und hat nicht viele Gestaltungsmöglichkeiten. Eine pragmatische Haltung zur Arbeit zu haben, ist in diesem Fall weniger frustrierend.

Der Arbeitssoziologe ist sich zwar sicher, dass Angestellte, die sich mit einem Unternehmen identifizieren können, produktiver und motivierter sind, doch dabei müssten sich nicht alle Arbeitnehmer ihrem Arbeitgeber emotional verbunden fühlen. Die Erwartung, die sich innerhalb des 20. Jahrhunderts entwickelt hat, dass Arbeit für uns Menschen ein Ort der Selbstentfaltung sein muss, übt massiven Druck auf unsere Erwartungen bezüglich des Arbeitsplatzes aus. Das sieht auch Eckert. Wir würden unsere Biographien heutzutage mehr um unsere Arbeit definieren. Die Erwartungen an uns selbst seien gestiegen. Jeder solle am Arbeitsplatz gut drauf und motiviert sein. Eckert betont, dass vor 100 Jahren niemand auf die Idee gekommen wäre, Angestellte zu fragen, ob sie eine emotionale Bindungen zu ihrem Arbeitgeber hätten.

„Such dir doch einen neuen Job, wenn du unzufrieden bist“

Allerdings empfindet er das Ergebnis der Gallup-Umfrage als relativ unrealistisch. Er ist sich unsicher, ob wirklich 14 Prozent bereits innerlich gekündigt hätten. Dennoch erkennt er diesen Wert als Alarmsignal an und warnt vor Erkrankungen. Wenn der Arbeitsalltag nur noch aus Erdulden, Erleiden und Aushalten bestünde, ließen Krankheiten wie ein Burnout nicht lang auf sich warten. Doch wo sieht der Experte die Lösung für Arbeitnehmer, die unzufrieden sind?

Der Lösungsansatz, dass Angestellte sich einfach einen neuen Job suchen sollen, wenn sie unglücklich sind, sei laut dem Arbeitssoziologen zu einfach gedacht. Schließlich fänden viele Arbeitskräfte keine besseren Alternativen. Nicht der Mensch müsse sich ändern, sondern die Organisation, so Eckert. Bedeutet also, dass wir in Deutschland eine Veränderung der Arbeitskultur durchleben sollten, dass sich Strukturen ändern müssen und Unternehmen an der Motivation von Angestellten arbeiten müssen, damit sich die Arbeitseinstellung überhaupt erst ändern kann. Auch wenn der Arbeitssoziologe es nicht für unbedingt notwendig hält, dass Angestellte sich mit ihrem Job identifizieren müssen, sei es trotzdem nicht hinnehmbar, dass viele ihren Arbeitstag absitzen.

Studie: Was wünschen sich Arbeitnehmer wirklich?

Die Ergebnisse der Gallup-Umfrage schlugen hohe Wellen. Doch sie lassen die Frage nach den Lösungsansätzen offen. Was würde Angestellte wieder mehr motivieren? Was wünschen sie sich von ihren Arbeitgebern? Welche primären und sekundären Eigenschaften machen Unternehmen attraktiv?

Berufsstart hat eine quantitative Analyse zu den Top 100 Arbeitgebern 2018 durchgeführt und in dem Rahmen auch diese Fragen untersucht. Dazu wurden deutschlandweit über 3.500 Studierende, Absolventen und Young Professionals befragt.

Zu den drei beliebtesten Eigenschaften eines Arbeitgebers gehören demnach die Möglichkeit zur Weiterbildung, Aufstiegschancen und die richtige Bezahlung. Aber auch die Branche, der Wohnort sowie die Jobsicherheit sind von großer Bedeutung. Hinsichtlich  der sekundären Eigenschaften wünschen sich Arbeitnehmer vor allem drei Dinge: eine gute Arbeitsatmosphäre, Abwechslung sowie eine ausgeglichene Work-Life-Balance.

 

Viele Arbeitnehmer unmotiviert: Lösung bedeutet Änderungen der Strukturen

Wenn Arbeitgeber versuchen, dass diese Faktoren in ihrem Unternehmen gewährleistet werden, dann können Mitarbeiter zufriedener gestimmt werden. Wie der Arbeitssoziologe Eckert hervorhebt, besteht die Lösung der Probleme darin, bestehende Strukturen zu ändern. Natürlich können sich Personen auch bei Lustlosigkeit und Demotivation eine neue Stelle suchen. Doch essentiell ist auch hier, dass die neue Position bessere Bedingungen aufweist, die die Motivation und das Engagement steigert. Diese Erkenntnis bedeutet also wieder, dass die Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt konsequent geändert, ja gebessert, werden müssen, wenn Angestellte langfristig zufrieden und somit produktiv sein sollen.

Dennoch sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass wir uns das Ziel, uns mit unserem Job selbst zu verwirklichen und zu identifizieren, selbst auferlegt haben. Zufriedenheit im Job ist wichtig, ja. Aber muss komplette Selbstverwirklichung unbedingt sein? Und ist diese Idealvorstellung überhaupt für alle von uns erreichbar? Vielleicht ist die persönliche Entfaltung im Job nicht primär das Ziel. Dennoch ist ein Wandel innerhalb der Arbeitswelt spürbar. Und der hat vor allem ein Ziel: Die Zufriedenheit der Angestellten. Denn so wird die Produktivität und gleichzeitig die Wirtschaftlichkeit erhöht. An den von Berufsstart herausgefundenen Kriterien können Arbeitgeber sich orientieren, was Angestellte sich wirklich wünschen.

Und wenn sich die Arbeitskultur wirklich wandelt, Firmen die Ergebnisse ernst nehmen und zu handeln gewillt sind, dann werden die Ergebnisse der Gallup-Umfrage bezüglich der Arbeitszufriedenheit in kommenden Jahren vielleicht anders aussehen.

Über Maja Hansen

Maja Hansen

Seit 2017 unterstützt Maja die Redaktion von OnlineMarketing.de. Dabei widmet sie sich primär dem Karrieremagazin mit den Themenfeldern rund um Jobs und Karriere, schreibt aber auch über digitales Marketinggeschehen.

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