Strukturwandel Digitalisierung: Hinter der Angst die Chancen

Die Digitalisierung wird unheimlich viele Arbeitsplätze überflüssig machen. Doch zugleich birgt sie für den Arbeitsmarkt und den Alltag innovative Chancen.

© Suganth 🇮🇳🇸🇬 - Unsplash

Von Robotern ersetzt? Nur noch Zuarbeiter der KI? Der Prozess der Digitalisierung schürt auf dem Arbeitsmarkt viele Ängste. Doch wo führt dieser Prozess mittelfristig eigentlich hin, sind die Ängste berechtigt und was ermöglicht uns der Fortschritt schließlich? Googles Chef-Ökonom meldet sich zu Wort.

Googles Hal Varian relativiert die Angst vor der digitalen Übernahme

Er ist der Chef-Ökonom des wohl größten digitalen Players überhaupt, Google: Hal Varian. Und Varian glaubt, dass eine Digitalisierung, die Arbeitsplätze obsolet macht, nur langsam voranschreitet.

Ein Beruf ist erst dann automatisiert, wenn jede einzelne Aufgabe des Berufs automatisiert ist. Aber das geschieht sehr selten,

sagte Varian bei der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik, einem Verbands der deutschsprachigen Ökonomen, in Freiburg. So berichtet Philip Plickert bei der FAZ. Seine Meinung ist, dass der demographische Wandel dafür sorgen wird, dass so viele Arbeitskräfte fehlen werden, dass der Arbeitsplatzabbau durch die Digitalisierung teilweise abgefangen werden kann. Als Beispiel führte er die USA an. So gehen nach Schätzungen dort pro Jahr 1,8 Pozent der Jobs verloren, wohingegen der Anteil der Arbeitskräfte an der Bevölkerung um etwa 2,7 Prozent jährlich zurückgeht. In Deutschland sorgt der demographische Wandel sogar für noch mehr Abbau bei den Arbeitskräften. Daher geht Varian davon aus, dass die Arbeitsplätze nur langsam verloren gehen. Länder mit hoher Alterung investieren demnach bewusst in automatisierte Arbeitsabläufe. Diese können und werden jedoch gerade Routinearbeiten künftig aus der Hand der Menschen nehmen. Doch das muss nicht nur Nachteile haben.

Die Chancen der Digitalisierung für den Arbeitsmarkt

Mit einer immer rascher fortschreitenden Digitalisierung gehen auch neue Perspektiven und Möglichkeiten einher, die die Struktur des Arbeitsmarkts bedeutend verändern. Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass die Digitalisierung und gerade automatisierte Prozesse ebenso neue Arbeitsfelder schaffen. So wurden in Deutschland in den vergangenen Jahren tausende neue Stellen für Digitalisierungsexperten ausgeschrieben. Vom Chief Digital Officer bis zum IT-Experten werden immer mehr Tech-Könner gesucht. Das ergibt sich aus der Analyse von Joblift zum digitalen Arbeitsmarkt in Deutschland. Diese Fachkräfte  sind gefragt und werden gebraucht, um einer effektiven Digitalisierung Struktur zu verleihen.

Joblifts Analyse zeigt, dass Stellen bei der Digitalisierung immer mehr werden, © Joblift

Demnach können heutzutage auch ganz neuartige Studiengänge absolviert werden. Daniel Hüfner hat in Die WELT einige zusammengestellt. Darunter befinden sich die Studiengänge:

  • Betriebswirtschaftslehre – Digitale Wirtschaft (B.Sc.)

  • Automation und Industrie 4.0 (B.Eng.)

  • Gründung, Innovation, Führung (B.A.)

  • E-Commerce und Digital Retail Management (B.A.)

  • Digital Transformation Management (M.A.)

  • Smart Production and Digital Management (B.Sc.)

  • Data Science (B.A.)

  • Digital Management & Transformation (M.Sc.)

  • Digital Business Management (B.A.)

Die Übersicht zeigt bereits auf, dass die künftige digitale Struktur wiederum Arbeit ermöglicht – immerhin wollen solche neuen Studiengänge auch Lehrende und natürlich Studierende haben. Trotzdem kann dieser positive Aspekt nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier nur vergleichsweise wenige Stellen geschaffen werden, während in Lagern, im Verkauf, in der Fertigung etc. massenhaft Stellen wegfallen. Und wer dort seinen Arbeitsplatz verliert, dem steht ein langer Weg bevor, will er sich als digitale Fachkraft neu orientieren. Hier sind digitale Bildung und politisch initiierte Um-und Weiterbildungsmaßnahmen notwendig, damit ein digitalisierter Arbeitsmarkt keinen Exklusivcharakter entwickelt.

Arbeitszeitenmodelle werden flexibler

Ein Vorteil, den man der Digitalisierung noch entnehmen kann, ist die flexiblere Arbeitszeit. Vor Jahrzehnten war es wohl undenkbar, dass viele Arbeitnehmer nur 30 Stunden arbeiten oder erst am späten Vormittag zur Arbeit erscheinen. Doch die Automatisierung und neue digitale Mittel nehmen dem Menschen Arbeit ab, sodass bei einer effizienten und sinnvollen Belastung der Arbeitenden auch weniger tatsächliche Arbeitszeit der Effekt sein kann.

Da viele sich das wünschten, sei das ein durchaus positiver Effekt der Digitalisierung, so Varian. Und in der Tat machen uns digitale Helfer das Leben oft leichter. Wenn deshalb in großem Maße die Arbeitszeit verringert wird, dann eröffnet das sicherlich Möglichkeiten für die Menschen, ihre Zeit anders zu nutzen. Doch damit ein solches Modell gesellschaftlich erfolgreich und förderlich bleibt, muss auch ein Umdenken in Politik und Unternehmenspolitik stattfinden. Denn wenn Menschen nur noch weniger Arbeit haben, die restliche Zeit dann aber auf Zweitjobs verwenden müssen, weil ihre Gehälter deutlich verringert werden, obwohl ein Unternehmen große Gewinne macht, dann wird dieses Modell nicht dauerhaft funktionieren. In diesem Fall ist die Angst vor der Digitalisierung berechtigt; gesellschaftliches Unbehagen wird die Folge sein – vorsichtig formuliert.

Wir können also festhalten: der Arbeitsplatzabbau wird im Rahmen der Digitalisierung vorerst nur langsam und schrittweise vonstatten gehen. Menschen werden solange noch für die Wahrung der digitalen Struktur benötigt. Allerdings wird ihre Produktionskraft gerade in der Fertigung immer weniger gebraucht. Gleichzeitig fehlt vielen Berufsfeldern der Nachwuchs, sei es im Handwerk oder in der Pflege. In all diesen Bereichen wird die Digitalisierung Einzug halten, mehr oder weniger. Daher sollte auf dem gesamten Arbeitsmarkt ein Klima geschaffen werden, das faire Entlohnung für verantwortungsvolle Aufgaben in jedem Bereich bietet. Das würde sicherlich weiterhin für gute Beschäftigungsverhältnisse sorgen und dafür, dass sich an relevanten Stellen mehr Gedanken über den Zeitpunkt gemacht werden, wenn tatsächlich die Digitalkultur so weit sein wird, dass nur noch wenig Produktions- und Arbeit allgemein von Menschen verrichtet wird. Denn auch dann wollen diese noch gut leben.

Diese Weitsicht und monetäre Fairness entspricht momentan wohl eher Wunschdenken. Doch trotz all der Potentiale der Digitalisierung ist genau dieser Punkt eine der größten Gefahren derselben. Und zwar global und gesamtgesellschaftlich. Doch digitale Medien und Lösungen können schon jetzt helfen, diesem Problem vorzubeugen. Auch das ist Teil einer erfolgreichen Digitalisierungskultur.

Über Niklas Lewanczik

Niklas Lewanczik

Niklas hat an der Uni Hamburg Deutsche Sprache und Literatur sowie Medien- und Kommunikationswissenschaften studiert und schreibt als Redakteur über Social Media, SEO und innovative Themen im Kontext des digitalen Marketing. Wenn er sich nicht gerade dem Marketing zuwendet, dann womöglich den Entwicklungen im modernen Fußball oder dem einen oder anderen guten Buch.

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