Should I stay or should I go?

Arbeit, die sich nicht wie Arbeit anfühlt – wer wünscht sich das nicht? Aber nur die Hälfte der Arbeitnehmer ist happy mit ihrem Job. Für die anderen stellt sich die Frage: Kündigen oder bleiben?

© Tachina Lee - Unsplash

Die Gründe sind vielfältig: Probleme mit dem Chef, zu viel Druck und Stress, gähnende Langeweile oder Ärger mit den Kollegen. Manchmal passt der aktuelle Job auch einfach nicht mehr zu den eigenen Wünschen, zum Beispiel wenn er regelmäßiges Reisen erfordert, worauf du einfach keine Lust mehr hast. Wird der Job zur Dauerbelastung, kann er sogar krank machen. Es gibt also gute Gründe, sich eine neue Herausforderung zu suchen. 

50 Prozent sind unzufrieden im aktuellen Job

Die Hälfte der Deutschen ist wechselwillig – das ergab eine repräsentative Studie der Manpowergroup. Der Wunsch nach mehr Gehalt ist dabei der häufigste Grund, auf Jobsuche zu gehen. Tatsächlich ist ein neuer Job die beste Chance, sein gehaltliches Niveau nennenswert zu verbessern. Während auf ein und derselben Position über Jahre meist keine großen Sprünge zu erwarten sind, kann ein Jobwechsel mit erfreulichen Zuwächsen einhergehen.

Das ist auch gut so, denn die neue Stelle bietet nicht nur Chancen, sondern immer auch Risiken. Ist das Team freundlich und wird man mit dem Chef auskommen? Sind die Aufgaben tatsächlich so spannend wie gedacht? Nicht zuletzt gibt man mit einem womöglich unbefristeten Arbeitsvertrag Sicherheit auf und muss sich erneut einer Probezeit stellen. 

Bevölkerungsbefragung Jobzufriedenheit 2018, © ManpowerGroup Deutschland

Es heißt, Mitarbeiter kommen für Jobs und gehen wegen Chefs. In der Umfrage von 2018 gaben 12 Prozent an, aufgrund eines schlechten Arbeitsklimas den Job wechseln zu wollen. Aber auch fehlende Wertschätzung der eigenen Arbeit oder der Wunsch nach Abwechslung ist häufig ausschlaggebend.

Wenn du innerlich schon gekündigt hast

Es macht natürlich einen großen Unterschied, ob du bereits ein attraktives Angebot in der Tasche hast oder ob du ohne neue Stelle deine alte kündigen willst. Aber auch eine Kündigung ohne Anschlussjob kann sinnvoll sein, wenn der Leidensdruck zu groß ist oder wenn du für eine Neuorientierung Zeit brauchst. Dann solltest du bestenfalls über die Ressourcen verfügen, drei Monate ohne Einkommen zu überbrücken, denn so lange hält die Sperre des Arbeitslosengeldes maximal an. Unterschätze auch nicht, welchen Stress wirtschaftliche Sorgen verursachen können, denen du dich aussetzt, wenn du nicht weißt, wann du eine neue Anstellung findest.

Allen Bedenken zum Trotz: Wir verbringen viel wertvolle Lebenszeit im Job und unsere Tätigkeit sollte uns mehr geben als der Tauschhandel bei früheren Generationen nach der Devise: Zeit gegen Geld.

Es gibt auch die innere Kündigung, die aus einem Zustand dauerhafter Frustration resultiert. Es gibt Menschen, die jahrelang in einem Job bleiben, mit dem sie eigentlich schon abgeschlossen haben. Diese Mitarbeiter machen dann nur noch Dienst nach Vorschrift, stellen jede Eigeninitiative ein und sind dauerhaft unmotiviert.

Ob eine akute Krise im Job der Beginn eines solchen Prozesses ist oder aber nur vorübergehend, dabei können dir die folgenden Fragen eine Entscheidungshilfe bieten. Sie sind die Essenz aus der jahrelangen Erfahrung von Business Coaches, die mit Klienten genau diese Fragen klären. Sie zielen einerseits darauf ab, dein Verhältnis zum aktuellen Job zu klären, und zweitens Chancen und Risiken eines möglichen Wechsels zu erkennen.

1. Kläre deine Gründe

Was vermisst du in der aktuellen Position? Unter welchen Bedingungen würdest du gerne bleiben? Welche Rolle spielt das Gehalt für dich? Was müsste sich ändern, damit du wieder Freude an der Arbeit hast? Hast du bei deinem Arbeitgeber bereits ausgelotet, ob solche Veränderungen machbar sind?

2. Was sind deine Ziele?

Jetzt wird’s schwierig. Wo möchtest du beruflich in 5 Jahren stehen? Diese Frage können die wenigsten sofort beantworten. Aber deine Vision zu kennen, ist wichtig, um im Hier und Jetzt die richtigen Weichen zu stellen.

Ein Trick aus dem Coaching ist ein Gedankenspiel: Stelle dir den perfekten Tag in fünf Jahren vor, vom Aufstehen bis zum Schlafengehen. Was tust du? Was ist dein Job und wie soll dein Leben idealerweise aussehen? Du siehst dich mit deiner eigenen kleinen Segelschule am Strand leben? Oder du arbeitest in leitender Position für ein internationales Unternehmen und jettest um die Welt? Du hast einen entspannten Halbtagsjob und verbringst den Nachmittag mit deinen Kindern? Auch wenn wir nicht alle unsere Träume verwirklichen können, sind sie wichtige Wegweiser, um zu erkennen, was uns wirklich glücklich macht.

3. Kannst du deine Talente einbringen?

Wir machen am liebsten das, was wir gut können. Es geht uns leicht von der Hand und wir haben häufiger Erfolgserlebnisse. In kaum einem Job liegen uns alle Aufgaben gleich gut. Aber frage dich, was deine persönlichen Stärken sind und ob du sie auf deiner aktuellen Position nutzen kannst. Sind deine größten Talente im aktuellen Job nicht gefragt, kannst du von einer Umorientierung nur profitieren, sei es intern oder extern.

4. Wie ist die Arbeitsatmosphäre?

Wie gut verstehst du dich mit deinen Kollegen? Bist du mit einzelnen sogar befreundet und triffst sie auch privat? Ist das Miteinander durch Hilfsbereitschaft und Teamgeist geprägt? Oder ist jeder als Einzelkämpfer unterwegs und es herrschen Missgunst und Niedertracht? Und wie gut kommst du mit deiner Führungskraft aus? Gibt es Anerkennung und Unterstützung durch den Chef? Oder bist du nur froh, wenn er dich in Ruhe lässt, weil er sowieso immer nur kritisiert oder dich unter Druck setzt?

5. Passt dein Job zu deinem Leben?

Wie gut kannst du private Interessen mit deinen Arbeitszeiten vereinbaren? Bleibt genug Freizeit für deine Interessen? Ständige Überstunden können zum Problem werden, und wenn das Privatleben dauerhaft zu kurz kommt, sinkt die Zufriedenheit. Auch wenn sich die familiäre Situation über die Jahre ändert, können das Leben und die Erfordernisse des Jobs kollidieren. Versuch mal, als Unternehmensberaterin mit 30 Stunden nach der Elternzeit zurück zu kommen. Man wird das zu verhindern wissen. Manche Branchen sind deutlich Teilzeit-feindlicher als andere und machen es Müttern wie Vätern, die Betreuungsaufgaben übernehmen, schwer.

6. Kannst du dich mit den Unternehmenszielen identifizieren?

Es klingt banal, aber es macht tatsächlich einen riesen Unterschied, ob du hinter einer Sache stehst, für die du arbeitest. Wenn du in der Arbeit keinen Sinn siehst, weil du zum Beispiel in einer Kreativagentur arbeitest, Werbung aber insgeheim verabscheust, ist das ein echtes Problem, das zwischen dir und deiner Zufriedenheit im Job steht.

Eine Haltung kann sich auch ändern und man denkt mit Mitte 40 anders als als Berufseinsteiger. Hier hilft nur Ehrlichkeit zu sich selbst und wenn nötig der Wechsel in eine Branche, die besser zu den eigenen Werten passt. Vielleicht willst du auch gar nicht mehr angestellt arbeiten sondern dein eigenes Business aufziehen? In meinem Bekanntenkreis gibt es einige Selbstständige in unterschiedlichen Feldern und mein Eindruck ist: Obwohl sie teils 50 Stunden und mehr in der Woche arbeiten, tun sie das hochmotiviert. Allein schon die freie Zeiteinteilung ist ein echtes Plus an Selbstbestimmung, das viele Selbstständige nicht mehr missen möchten. Zum Glück stellen heute auch Unternehmen mehr und mehr Arbeitsergebnisse in den Vordergrund und nicht mehr abgesessene Zeit.

7. Wie fühlst du dich am ersten Tag nach dem Urlaub? 

Laut einer Umfrage von Jobs.de sind 44 Prozent der Urlauber frustriert, wenn sie wieder im Büro sitzen. Natürlich hat es der Alltag schwer im Vergleich zu ein, zwei Wochen am Strand oder voller neuer Eindrücke auf Entdeckungsreise. Trotzdem ist das Gefühl in den ersten Tagen zurück im Job ein Gradmesser. Wir haben etwas Abstand gewonnen, uns hoffentlich gut erholt. Wie startest du nach dem Urlaub? Bist du gut erholt und voller Tatendrang? Freust du dich, die Kollegen wieder zu sehen? Oder würdest du am liebsten gleich wieder die Koffer packen?

Es gibt in der Literatur Hinweise darauf, dass Jobwechsel die persönliche Zufriedenheit auf lange Sicht steigern. Die Forscher vermuten, dass dafür auch das bessere Gehaltsniveau ausschlaggebend ist. Hat man sich erst einmal dazu entschlossen, zu kündigen, hören die Fragen nicht auf. Ganz im Gegenteil, denn jetzt heißt es, sich darüber klar werden, ob nur der Arbeitgeber, der Aufgabenbereich oder sogar die Branche einer Runderneuerung bedarf. Das Schöne ist: All das bringt dich in deiner persönlichen Entwicklung weiter, denn du lernst eine Menge über dich auf dem Weg.

Über Johanna Hoffmann

Johanna Hoffmann

Johanna Hoffmann ist Soziologin und untersuchte viele Jahre als Marktforscherin in einer internationalen Medienagentur den Erfolg von Werbekampagnen. Sie interessiert sich insbesondere für das, was Menschen antreibt und schreibt seit März als Autorin für OnlineMarketing.de.

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