Nach dem Beben – Wie #MeToo unseren Blick geschärft hat

#MeToo hat verändert, wie wir mit dem Thema Sexismus und Grenzverletzungen am Arbeitsplatz umgehen.

© Mihai Surdu - Unsplash

Anderthalb Jahre sind nun vergangen, seit der Weinstein-Skandal eine riesige digitale Bewegung in Gang setzte. Millionenfach wurde der Hashtag #MeToo seitdem weltweit verwendet, um auf das Ausmaß an sexueller Belästigung und Übergriffen aufmerksam zu machen. Geradezu kathartisch mutet die kollektive Aufarbeitung der schmerzhaften Erfahrungen an. Die überwältigende Anzahl an Kommentaren zeigte, wie allgegenwärtig das Problem war, wie viele Frauen ähnliche Geschichten erlebt hatten und immer noch erleben.

Der Fokus lag auf sexueller Belästigung und Übergriffen im Arbeitskontext. Ich bin der festen Überzeugung, dass der Umgang mit Grenzüberschreitungen heute ein anderer ist als vor zwei Jahren. Sicher hat #MeToo das Problem nicht weggezaubert und es wird immer Männer (oder Frauen) geben, die aufgrund ihrer Stellung glauben, sich alles leisten zu können. Dennoch hat #MeToo Entscheidendes geleistet, um einen großen Schritt weiter zu kommen im Kampf gegen sexualisierten Machtmissbrauch.

Das Thema beschäftigte jedermann

Viele diskutierten, was in den Medien über #MeToo und die Auswirkungen zu lesen war, manche Geschichte sorgte auch für Lacher. Da war die Story von der Praktikantin, die mit ihrem Vorgesetzten auf Geschäftsreise ging. Aus Kostengründen sei nur ein Doppelzimmer möglich, erklärte der ihr, und wurde, welch Überraschung, in der Nacht übergriffig. Wie naiv musste man sein, um in eine solche Situation zu geraten? Auch andere Fragen wurden laut: Wo ist die Verantwortung der Frauen, nutzen auch sie nicht zuweilen erotische Reize aus, um berufliche Ziele zu erreichen und spielen so vielleicht das Spiel mit, über das sie sich im nachhinein beklagen und sich als Opfer darstellen? Manch einem wurde im Zuge der Debatte überhaupt erst klar, was alles als grenzverletzend angesehen werden kann. So wie die arglos hervorgebrachte Bemerkung des FDP-Politikers Rainer Brüderle gegenüber einer Stern-Journalistin: „Sie können ein Dirndl auch ausfüllen.“ Wo verlaufen die Grenzen zwischen einem Kompliment und sexueller Nötigung? Im Zweifel beißt sich der ein oder andere heute lieber auf die Lippe, bevor er etwas Unangebrachtes äußert. 

Not funny

Um das unliebsame Thema sexuelle Nötigung wird gerne ein Geheimnis gemacht. Wir verdanken der #MeToo-Bewegung, dass sie den Menschen die Augen geöffnet hat. Sie diskutierten und durchdachten das Thema. Sie haben Geschichten gehört und ein klareres Bild entwickelt, was nicht in Ordnung ist, vor allem am Arbeitsplatz. Das schärft den Blick. Potentielle Täter wissen nun, was ihnen blühen kann, auch wenn sie sich „nur“ in der breiten Grauzone unangemessenen Verhaltens bewegen, der strafrechtlich keinen Tatbestand erfüllt. Um Grenzverletzungen zu vereiteln, kann schon die bloße Möglichkeit einer Aufdeckung genügen, die für den Schuldigen verheerende Auswirkungen haben kann. Und wird eine Frau heute im Job Opfer von sexueller Belästigung, wie sie sie zu Dutzenden im Netz gelesen hat, weiß sie, wie viele hinter ihr stehen und wie machtvoll es sein kann, den Mund aufzumachen. Die Machtverhältnisse haben sich ein Stück weit verschoben. Und eine ganze Gesellschaft geht heute wachsamer mit dem Thema um.

Auch wenn das Machtgefälle fehlt, sollten sexistische Tendenzen heute in jeder Ausprägung ernst genommen werden. In der Werbeagentur eines guten Freundes von mir gab es diesen Praktikanten. Er besaß eine Nerfgun mit kleinen Styropor-Kügelchen und machte sich einen Spaß daraus, den Kolleginnen, die vorüber liefen, damit auf den Allerwertesten zu schießen. Es war ja nur als Scherz gemeint, sagte er, um die Atmosphäre etwas aufzulockern. Aber auch im hippen Werbeumfeld fand dieses Verhalten keiner lustig. Es wurde eilig ein Gespräch einberufen und man las dem frechen Praktikanten gehörig die Leviten. Die Nerfgun blieb fortan zu Hause.

Ein Kartenhaus fällt in sich zusammen

Sehr eindrucksvoll konnte die Öffentlichkeit miterleben, was mächtigen Männern widerfuhr, wenn Vorwürfe wegen sexueller Belästigung gegen sie laut werden. Als die Beliebtheit der US-Serie „House of Cards“ auch in Deutschland auf ihrem Höhepunkt war, wurde der Hauptdarsteller Kevin Spacey wegen sexueller Nötigung angeklagt. Nun also auch dieser Serienheld, der in der Serie als skrupelloser US-Präsident reüssiert. Neben Weinstein ein weiterer Gigant in Hollywood, den seine Eskapaden zu Fall bringen. Die 6. Staffel „House of Cards“ wurde ohne Kevin Spacey gedreht, er wurde aufgrund der Vorwürfe gefeuertUnd das, obwohl er bis heute nicht verurteilt wurde. Das „House of Cards“ ohne Kevin Spacey weitergehen könnte, schien nahezu undenkbar. Aber sexuelle Nötigung ist kein Kavaliersdelikt und wird sehr ernst genommen, dieses deutliche Signal senden die Produzenten der Erfolgs-Serie in die Welt. Niemand ist mehr unantastbar.

Sexismus hat viele Gesichter

Die von der #MeToo-Bewegung losgetretene Entwicklung schreibt sich fort. So gingen die Mitarbeiterinnen von Google weltweit auf die Straße, um gegen den Umgang des Unternehmens mit sexueller Belästigung und patriarchalischen Strukturen zu protestieren. Und jüngst wehrte sich Palina Rojinski gegen sexistische Kommentare auf ihrer Instagram-Seite auf ziemlich unkonventionelle Art. Immer wieder wurden auf ihrer Seite respektlose Nachrichten gepostet, die ihre Oberweite thematisierten. Jetzt postete die Schauspielerin ein Foto auf Instagram, das auf den ersten Blick ihr De­kolle­té in Nahaufnahme zeigt. Tatsächlich aber hatte sie die Po-Ritze eines älteren Mannes in Szene gesetzt, wie ihr in diesem Video sehen könnt

Sexuelle Nötigung am Arbeitsplatz lebt wie jeder sexuelle Missbrauch vom Schweigen. Die Opfer schweigen aus Scham oder dem Gefühl einer Mitschuld heraus, im Job oft auch aus Angst vor möglichen Folgen. #MeToo hat das dieses Schweigen unwiderruflich gebrochen. Und das so dammbruchartig, dass danach nichts mehr ist wie zuvor. Auch wenn die Millionen von Storys, die Nutzerinnen in den sozialen Medien teilten, nur die Spitze des Eisberges sind. Es wurde ans Licht gebracht, was lange in völliger Dunkelheit lag. Es gibt jetzt einen Namen für das zuvor Unaussprechliche. Keiner ist mehr damit allein.

Über Johanna Hoffmann

Johanna Hoffmann

Johanna Hoffmann ist Soziologin und untersuchte viele Jahre als Marktforscherin in einer internationalen Medienagentur den Erfolg von Werbekampagnen. Sie interessiert sich insbesondere für das, was Menschen antreibt und schreibt seit März als Autorin für OnlineMarketing.de.

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