Gender Pay Gap ist 2018 geschrumpft – Ein Schritt in die richtige Richtung

Die bereinigte Lohnlücke wird immer kleiner. Unterschiede gibt es besonders im regionalen Vergleich. Im Osten verdienen die Frauen gleich viel – oder sogar mehr.

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Eine Untersuchung der Hamburger Vergütungsberatung Compensation Partner von knapp 220.000 Fachkräften zeigt, dass die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen in diesem Jahr kleiner geworden ist. Bei diesem Wert handelt es sich um die bereinigte Gender Pay Gap. Um einen Durchschnittswert zu erhalten, wurden bei der Erhebung zwei Gruppen gebildet, eine mit höherem Verdienst und eine mit geringerem Verdienst. Zudem wurden weitere Maßnahmen getroffen, um die Ergebnisse so exakt wie möglich darzustellen:

Um einen aussagekräftigen Wert zu erhalten, haben die Urheber der Analyse deshalb unterschiedliche Stellenprofile gegenübergestellt, beispielsweise berufserfahrene Akademiker und junge Beschäftigte kurz nach ihrer Ausbildung. Gleichzeitig wurden identische oder sehr ähnliche Stellenprofile miteinander verglichen. Somit wurden für die Erhebung nicht nur Berufe, sondern auch die Anforderungsniveaus in zwei unterschiedlichen Personengruppen berücksichtigt.

Gender Pay Gap um 0,7 Prozentpunkte geschrumpft

Während die Lohnlücke im letzten Jahr noch bei 5,2 Prozent lag, sank sie in diesem auf 4,5 Prozent. Unterschiede gibt es besonders im Hinblick auf die Branchen und Verdienstgruppen. Bei den geringer Vergüteten ist die Gender Pay Gap in der Softwareentwicklung am größten mit 7,5 Prozent. Danach kommen Versicherungswesen und Metallindustrie (jeweils 5,4 Prozent). Doch je mehr Fachkräfte verdienen, desto größer werden auch die Gehaltsunterschiede zwischen den Geschlechtern. Im Gesundheitswesen verdienen Männer 10,4 Prozent mehr. Es folgen Logistik (9,9 Prozent) und Werbung und PR (9,8 Prozent).

Um die Ergebnisse zu untermauern, wurde in der Studie ebenfalls mit vier Beispielen gearbeitet. Dafür wurde ein Vergleich zwischen jeweils einem Mann und einer Frau in den jeweiligen Branchen angestellt (Marketing, Krankenpflege, Unternehmensberatung und Rechtsanwälte). Position, Alter, Firmengröße und akademischer Hintergrund waren sich ähnlich. Trotzdem ergab sich jedes mal ein Lohnunterschied zu Ungunsten der Frauen. Doch trotz all dem gibt es auch Branchen, in denen die weiblichen Fachkräfte besser bezahlt werden, vor allem in der niedrigeren Vergütungsklasse. In der Touristik- und Freizeitindustrie verdienen Frauen 5,5 Prozent mehr und in der Lebensmittelbranche 3,2 Prozent.

Unterschiede je nach Landkreis und Region

Auch wenn das Schrumpfen der Lohnlücke Hoffnung verspricht, ist der Wert unbereinigt immer noch erschreckend. Das wird besonders deutlich, wenn man sich den Tag der betrieblichen Entgeltgleichheit ansieht, welcher von Gewerkschaften berechnet wurde. Dieser fiel auf den 16. Oktober. Bis zu diesem Datum bekommen Männer und Frauen das gleiche Gehalt. Danach jedoch, arbeiten die Frauen theoretisch kostenlos, während die Männer fleißig weiter verdienen. Die Unterschiede lassen sich zudem bis in Landkreise und Städte zurückverfolgen, dank den Berechnungen der Bundesagentur für Arbeit. Diese arbeitet statt mit dem Durchschnittsgehalt mit dem Medianeinkommen, da dieses nicht durch „Ausreißer-Werte“ beeinflusst wird. Die folgenden Werte sind unbereinigt. Jedoch werden nur in Vollzeit beschäftigte Männer und Frauen verglichen, da Teilzeitbeschäftigungen das Ergebnis stärker verfälschen würden.

Der leidige Ost-West-Vergleich betrifft auch die Lohnlücke

Obwohl wir inzwischen seit fast 30 Jahren wiedervereint sind, gibt es immer noch Unterschiede was den ehemaligen Osten und Westen betrifft. Dies spiegelt sich auch bei den Werten der Gender Pay Gap wieder. Bayern und Baden-Württemberg führen die Liste an. Dort verdienen Männer zum Teil 1.800 Euro mehr als Frauen (Landkreis Böblingen und Ingolstadt). Der Gehaltsunterschied ist insgesamt in 18 Regionen Deutschlands vierstellig und jede von diesen liegt in den „alten Bundesländern“.

Andersherum ist dafür der ehemalige Osten, der sonst gehaltstechnisch immer schlechter abschneidet, im Vorteil. Denn hier verdienen die Frauen teilweise mehr als die Männer, beziehungsweise die Gender Pay Gap ist kaum nennenswert. Insgesamt ist die Lohnlücke in den meisten Landkreisen zweistellig und beträgt zum Beispiel in Vorpommern-Rügen nur 34 Euro. Am meisten wirkt sich die umgekehrte Gender Pay Gap in der Stadt Cottbus aus, wo Frauen 485 Euro brutto mehr verdienen. Es folgen Frankfurt an der Oder (439 Euro) und Dessau-Roßlau (344 Euro). Natürlich ist diese Art der Lohnlücke auch nicht unbedingt gerecht. Am fairsten geht es zum Beispiel in Brandenburg an der Havel zu, wo die Gender Pay Gap vier Euro beträgt und damit wirklich kaum von Bedeutung ist (Übrigens vier Euro mehr für die Frauen).

Quelle F.A.Z. Grafik: Jens Giesel

Regionale Unterschiede durch Wirtschaftsstruktur erklärbar

Zum einen, so Christian Weinert von der Agentur für Arbeit, sind die Menschen in Ostdeutschland eher in kleinen Betrieben mit geringem Entgelt beschäftigt, während im Westen die großen Industrien sitzen. Dadurch ergeben sich automatisch Unterschiede beim Gehalt, unabhängig vom Geschlecht. Hinzu kommt, dass Frauen wesentlich häufiger im Öffentlichen Dienst tätig sind, wo Tarifverträge für einheitliche Gehälter sorgen. So erklärt der Experte an einem Beispiel:

Nehmen Sie zum Beispiel zwei Familien, eine in Westdeutschland und eine in Ostdeutschland. Die Frauen beider Familien arbeiten im öffentlichen Dienst und werden ähnlich bezahlt. Der westdeutsche Mann arbeitet in einem großen Automobilkonzern, der ostdeutsche in einem Kleinunternehmen. Also verdient die Frau der ostdeutschen Familie im Vergleich zu ihrem Mann mehr, obwohl beide Frauen das gleiche Entgelt erzielen.

Hinzu kommt, dass im Osten Deutschlands mehr Frauen arbeitstätig sind. Mit 60 Prozent gleicht dieser Wert dem der arbeitstätigen, ostdeutschen Männer. Im Westen hingegen sind es 66 Prozent der Männer, aber nur 53 Prozent der Frauen, woraus sich ebenfalls Erklärungen für die starken regionalen Unterschiede schließen lassen. Übrigens kann eine Teilschuld für die hohe Pay Gap im Süden bei der Autoindustrie gesucht werden. In den Regionen wie Ingolstadt, wo der Gehaltsunterschied 1.800 Euro beträgt, sitzen große Automobilkonzerne wie Audi. Diese bezahlen ihre vor allem männlichen Angestellten besonders gut, wodurch die riesige Lücke zu den Frauen entsteht.

Bereinigt oder unbereinigt – spielt das überhaupt eine Rolle?

In diesem Artikel wurden jeweils zwei Werte vorgestellt, die sich stark voneinander unterscheiden. Nun könnte man behaupten, dass die bereinigte Gender Pay Gap ja gar nicht so groß sei und dementsprechend zu viel Trubel um das Thema gemacht werde. Jedoch sollten Personen, die so argumentieren im Kopf behalten, dass diese 4,5 Prozent nicht logisch erklärbar sind. Der Wert ist, wie der Begriff „bereinigt“ bereits suggeriert, frei von Unterschieden wie Vollzeit/Teilzeit, Branche, Erfahrung und Co. Diese 4,5 Prozent Lohnlücke basieren auf Geschlechterunterschieden und sind demnach alles andere als gerecht.

Die Kernaussage der Debatte ist nicht, dass Frauen mehr verdienen sollen als Männer – sie sollen gleichviel verdienen in vergleichbaren Jobs und Positionen. So bietet das Entgelttransparenzgesetz zumindest die Möglichkeit, dass Frauen in Unternehmen mit mehr als 200 Mitarbeitern, dass Gehalt der Kollegen einsehen können – und so mögliche Misstände aufzudecken. Von rationaler Seite gibt es also keine legitime Begründung einer qualifizierten Frau weniger Lohn zu zahlen, nur weil sie eine Frau ist. Dies gilt rechtlich gesehen als Diskriminierung, ist einem Arbeitgeber jedoch nur schwer nachzuweisen. Es bleibt also zu hoffen, dass immer mehr Unternehmen in Deutschland sich der Problematik annehmen und beginnen die Löhne anzugleichen. Die Werte vom Osten Deutschlands der Agentur für Arbeit zeigen, dass es möglich ist, ebenso wie die Studie von Compensation Partner beweist, dass wir uns langsam aber sicher in die richtige Richtung bewegen.

Über Michelle Winner

Michelle Winner

Nachdem Michelle Winner Erfahrungen in einer Lokalzeitung und im Eventbereich gesammelt hat, unterstützt sie nun seit 2017 die Redaktion und schreibt für das OnlineMarketing.de Karrieremagazin über Themen rund um den Büroalltag.

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