Der Traum von der 4-Tage-Woche: So ist er wirklich

Viele träumen davon, kaum einer realisiert es: die Reduzierung der Arbeitszeit. Wir haben mit jemandem gesprochen, der den Sprung vor Kurzem gewagt hat. Er berichtet von seinen Erfahrungen.

© Vu Thu Giang - Unsplash

Es ist der Traum von vielen Arbeitnehmern: die Arbeitszeit zu reduzieren und in Teilzeit zu arbeiten. Vor einigen Jahren wurde man noch schief angeschaut, wenn man als Angestellter diesen Wunsch äußerte, obwohl man weder Kinder hatte, um die man sich kümmern musste, noch andere Verpflichtungen, die die Reduzierung der Arbeitslast in den Augen der Anderen rechtfertigten. Heute ist das anders. Man kann unverblümt sagen, dass man gerne weniger arbeiten würde – denn den meisten Kollegen oder Freunden geht es ähnlich. Ganz egal, ob man einfach nur mehr Freizeit oder sich in eigenen Projekten selbst verwirklichen möchte – die Gründe sind vielfältig. Den Arbeitnehmern spielt hier der Wandel der Arbeitswelt und auch der Fachkräftemangel etwas in die Hände. Denn dadurch sind viele Firmen zum einen sehr viel flexibler geworden was ihre Arbeitszeitmodelle betrifft. Zum anderen beißen die Unternehmen oft lieber in den sauren Apfel und stimmen einer Verkürzung der Arbeitszeit zu, anstatt das Risiko einer Kündigung und die drohende Neubesetzung der Stelle einzugehen.

Der ein oder andere gerät sicher direkt ins Träumen, wenn er die Zeilen oben liest. „Ach, wie wäre das schön. Dann könnte ich endlich XXX realisieren oder hätte mehr Zeit für XXX.“ Aber ist es denn tatsächlich so toll, wie man es sich vorstellt? Ein Kollege hat vor etwa sechs Wochen den Schritt gewagt und seine Arbeitszeit verkürzt. Er hat ein erstes Resümee gezogen.

Ausgangslage

40 Stunden im Bereich Marketing einer kleineren Agentur. Dank flexiblen Arbeitszeiten und der Möglichkeit im Home Office zu arbeiten, bestand schon immer eine gewisse Freiheit. Nun sollte es aber der Schritt auf nur noch 32 Stunden sein. Die freie Zeit soll in eigene kreative Projekte fließen, um damit evtl. auch die Gehaltseinbußen wieder aufzufangen.

Stand der Dinge nach sechs Wochen

Fangen wir mal mit den nicht so positiven Aspekten an. An erster Stelle steht ganz klar der finanzielle Faktor. Wenn man 20 Prozent seines Gehaltes von heute auf morgen einbüßt, muss man sich daran natürlich erst gewöhnen. Da reichen sechs Wochen wohl noch nicht aus. Selbst wenn man das Geld nicht zwingend braucht (sonst käme eine Stundenreduzierung wahrscheinlich auch gar nicht infrage), ist es natürlich eine große Umstellung.

Kommen wir zur Arbeit selbst. Der Kollege muss dieselbe Arbeit und Aufgaben erledigen wie mit 40 Stunden. Das mag vielleicht gemein sein – denn schließlich verzichtet man auch auf einen Teil seines Gehalts – aber in diesem Beispiel ist es nun mal Fakt. Das bringt einen viel höheren Stressfaktor in die tägliche Arbeit, der Druck kann dadurch (massiv) steigen. Man muss anders planen, schneller arbeiten, effizient sein. Da bleiben unter anderem Kaffeepausen, kurze Pläusche über den Schreibtisch hinweg oder andere Kleinigkeiten, die aber zum Büroalltag gehören, leider etwas auf der Strecke.

Die Punkte bezüglich der Arbeit betreffen aber nicht nur die eine Person, die nun weniger arbeitet. Nicht zu vergessen sind die direkten Kollegen, denn die sind in der Regel der Ansprechpartner, wenn der entsprechende Mitarbeiter eben nicht im Büro ist. Ja, die Kollegen wissen, wann der freie Tag ist. Jedoch lässt es sich oft nicht vermeiden, dass genau an diesen Tagen etwas Dringendes aufkommt, das keinen Aufschub duldet. Das bedeutet im Umkehrschluss also auch teilweise mehr Arbeit bzw. Aufwand für die Kollegen.

Klappt das dann wenigstens mit der Selbstverwirklichung? Dazu gab es ein Jein. Denn der freie Tag wurde zwar produktiv genutzt, jedoch erstmal für andere Dinge als ursprünglich geplant. Es gab kein faules Rumlümmeln, keinen Tag im Bett oder Sonstiges – es wurde etwas getan. Dieses „Projekt“ sei nun aber so gut wie abgeschlossen, so mein Kollege, und ab sofort wird er sich seinem tatsächlichen Plan widmen.

Fazit

Es dauert noch etwas länger, bis er sich an den neuen Arbeitsrhythmus und die andere Zahl auf der monatlichen Gehaltsabrechnung gewöhnt hat. Der Kollege hat den Schritt aber bisher nicht bereut und ist glücklich mit seiner Entscheidung sowie der neu gewonnenen Zeit. Sein Rat: „Traut euch einfach! Vielleicht könnt ihr auch eine „Reduzierung auf Probe“ mit eurem Arbeitgeber arrangieren und das Ganze für ein paar Monate testen. Aber vermutlich werdet ihr – so wie ich – schon nach kurzer Zeit nicht mehr zur 40-Stunden-Woche zurückkehren wollen.“

Über Christina Reif

Die gelernte Medienfachwirtin war jahrelang der Print-Branche treu. Nach Tageszeitung und Magazin folgte der Wechsel auf die digitale Seite. Neben der Social Media-Arbeit ist sie als freie Redakteurin für die unterschiedlichsten Bereiche tätig.

Christina Reif

3 Gedanken zu „Der Traum von der 4-Tage-Woche: So ist er wirklich

  1. Anika

    Microsoft Japan hat auch die 4-Tage-Woche getestet. Die Ergebnisse zeigten, dass es Mitarbeitern ermöglicht, ihre Aufmerksamkeit effektiver zu fokussieren und eine bessere Work-Life-Balance zu haben.

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  2. xhq43726

    Ihr habt echt einen (!) Menschen nach sechs Wochen (!) gefragt, wie er die Vier-Tage-Woche erlebt und daraus „So ist sie wirklich“ gemacht?

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