Die 4-Tage-Woche: Vieles spricht dafür – ist aber mit Vorsicht zu genießen

Die Einführung einer 4-Tage-Woche ist für viele Arbeitnehmer ein Traum. Auch Arbeitgeber können profitieren; doch birgt das Konzept durchaus Nachteile.

Mehr Freizeit bei einer 4-Tage-Woche, © Esther Tuttle - Unsplash

Wenn du einen Tag pro Woche mehr frei hättest…? Für viele Arbeitnehmer ist die Vorstellung der 4-Tage-Woche traumhaft, Arbeitgeber sind oft skeptisch. Immer mehr Studien und Experimente stellen die Auswirkungen dieses Konzepts für Unternehmen dar, während die fortschreitende Digitalisierung unsere Arbeitsabläufe langfristig verändern wird. Aber wie effektiv ist die kurze Woche schon heute und für wen?

Die 4-Tage-Woche: Firmen wie Erento machen es vor

Das Konzept, nach dem statt fünf Tagen pro Woche nur vier gearbeitet werden soll, hat schon heute sehr viele Versuche angestoßen, die die Auswirkungen desselben untersuchen sollen. Ein Unternehmen, das in Deutschland die 4-Tage-Woche getestet hat, ist Erento. Der Online-Marktplatz für Mietartikel – vom Wohnmobils bis zum Ventilator – stellte im Juli 2018 für alle Mitarbeiter die kürzere Arbeitswoche ein; bei gleichem Gehalt. Auslöser für das Experiment war auch dort die Annahme, dass außerbetriebliche Verpflichtungen, denen man aufgrund geringer Freizeitkapazitäten nicht hinreichend nachkommen kann, sich langfristig negativ auf Arbeitsmoral und Gesundheit auswirken werden. Zudem argumentierte man in der Pressemitteilung zum Test, dass die Arbeitnehmer in Deutschland im Schnitt einen 44-minütigen Arbeitsweg haben. Mit einem Arbeitstag weniger pro Woche fielen also auch wertvolle Minuten und Stunden an Pendelzeit weg, die sich anderweitig nutzen ließen.

Die Erkenntnisse aus dem Testmonat waren positiv. Das Sales-Team verzeichnete genauso viele Abschlüsse wie in anderen Monaten; obwohl der Juli bei Erento eigentlich als „schwacher Monat“ gilt. Die Abteilung der Vermieterbetreuung konnte sogar fünf Prozent Zuwachs bei der Neukundenbetreuung vermelden. Darüber hinaus war das Komplexitätslevel der Aufgaben insgesamt höher, während die „Balance zwischen Beruf und Privatleben […] deutlich besser organisiert werden“ konnte, so Luka Dremelj, CEO von Erento.

Trotz der guten Ergebnisse ist die Einführung einer 4-Tage-Woche bei Erento aber nicht besiegelt. Vorerst erhalten die Mitarbeiter jedoch die Optionen ihre Arbeitszeiten – auch im Home Office – flexibel zu gestalten und an ihre individuellen Lebensumstände anzupassen.

Mit der richtigen Einstellung klappt die Umstellung. Wir haben schließlich gesehen, dass die Mitarbeiter deutlich produktiver waren,

so Dremelj weiter. Wie sich diese Flexibilität konkret gestaltet, wird allerdings nicht dargestellt. Denn klar ist auch: eine produktive Arbeitszeitreduzierung muss immer mit einer Struktur einhergehen, die der Effizienz für Arbeitnehmer und Arbeitgeber gerecht wird.

Weitere Experimente zeigen Vor- und Nachteile auf

Bekannt ist sicherlich das neuseeländische Unternehmen Perpetual Guardian, das nach erfolgreicher Testphase ab November den 240 Angestellten bei gleichem Gehalt nur noch vier Arbeitstage (ohne zusätzliche Stunden) vorschreibt. Dabei können die Arbeitnehmer auch bei der 5-Tage-Woche bleiben, so ihnen das lieber ist. Der Gründer der Firma, Andrew Barnes, hatte gegenüber dem Guardian erklärt:

For us, this is about our company getting improved productivity from greater workplace efficiencies … there’s no downside for us.

Statistisch war die Testphase von zwei Monaten ein Erfolg. Arbeit und außerbetriebliche Verpflichtungen ließen sich für 54 Prozent besser kombinieren, nach der Testphase sogar für 78 Prozent. Dabei stieg die allgemeine Zufriedenheit mit dem Leben um fünf Prozent bei den Mitarbeitern, während Stresslevel zeitgleich um sieben Prozent sanken.

Tatsächlich klingt die Umstellung für Arbeitnehmer verlockend und sie scheint auch den Unternehmen mehr zu bringen. Doch wie sie sich langfristig bewähren kann, dafür muss unter Umständen noch eine geeignete Formel gefunden werden. Denn auch Ryan Carson, Gründer und Geschäftsführer von Treehouse, führte dort schon 2015 eine Arbeitswoche mit nur 32 Stunden bei gleichem Gehalt ein. Heute erklärt er aber, dass die Einführung der Arbeitsmoral im Unternehmen auf lange Sicht geschadet habe. Darüber hinaus sei sie dem Business und seinen Zielen fast schon widersinnig entgegensetzt gewesen.

Diese Angaben machte er in einem Live Interview mit GrowthLab.

Nun sei aber auch erwähnt, dass Carson selbst heute 65 Stunden pro Woche arbeitet, dabei nach eigener Aussage im Zeitraum von 8:30 bis 18.00 Uhr sogar non-stop. Diese Form der Belastung ist in Zeiten stärkerer Forderungen nach Work-Life-Balance für viele Arbeitnehmer nicht attraktiv; allerdings für CEOs wohl keine Seltenheit.

Ist es denn nun Zeit für eine 4-Tage-Woche? 

Aus einer Pressemitteilung von Kronos geht hervor, dass die Menschen weltweit immerhin zu 45 Prozent davon überzeugt sind, ihre Arbeit auch an vier statt fünf Tage verrichten zu können. The Workforce Institute hatte global 3.000 Mitarbeiter zum Thema befragt. Und dabei ebenfalls herausgefunden, dass diese Annahme nur gilt, wenn es keine Unterbrechungen gibt. Das deutet darauf hin, dass Arbeitnehmer vielmehr kürzere Arbeitstage als die 4-Tage-Woche präferieren.

72 Prozent der Befragten würde gern bei gleichem Gehalt nur vier Tage arbeiten. Das heißt jedoch auch, dass noch einige an der gewohnten Arbeitszeit festhalten mögen. In Deutschland würden die Arbeitnehmer eher Gehaltskürzungen in Kauf nehmen, um schon einen Tag früher Wochenende zu haben. Vier Fünftel der Deutschen würden am liebsten weniger als fünf Tage arbeiten. Die meisten in einer 4-Tage-Woche (29 Prozent) oder 3-Tage-Woche (21 Prozent).

Trotz der Tendenz, die kürzere Arbeitswoche annehmen zu wollen, hat diese eindeutig auch Nachteile, die womöglich erst langfristig sichtbar werden. So ist zum Beispiel noch nicht klar, ob die mangelnde Arbeitskraft – vom Fachkräftemangel ganz zu schweigen –, die durch den demographischen Wandel hervorgerufen werden wird, durch die Digitalisierung oder Zuwanderung aufgefangen werden kann. Weniger Arbeitszeit könnte zum Problem werden, ist dem künftig nicht so. Zusätzlich brauchen Firmen wohl mehr Mitarbeiter bei einer 4-Tage-Woche, um stets Arbeit verrichten zu können. Diese wollen aber zuerst rekrutiert und eingearbeitet werden.

Bleibt die Effizienz gewahrt?

Kann man nun tatsächlich bei 20 Prozent weniger Arbeitszeit die gleichen Ziele, vielleicht sogar effektiver, erreichen oder werden Unternehmen Verluste in der Produktivität und im Umsatz in Kauf nehmen müssen? Diese Frage ist schwer und womöglich nur individuell zu beantworten. Allerdings ist statistisch belegt, dass die Arbeitnehmer ihre Produktivität derzeit vor allem durch themenfremde Tätigkeiten oder administrativen Mehraufwand eingeschränkt sehen. In Deutschland sind laut Studie von Workforce Institute at Kronos und Future Workplace 86 Prozent der Befragten überzeugt, dass sie Zeit durch Aufgaben verlieren, die sie eigentlich gar nicht verrichten sollten. So verlieren sie zum Teil sie mehr als eine Stunde täglich mit überflüssigen Aufgaben (41 Prozent). Für administrative Aufgaben, „die für die eigene Organisation eigentlich keinen Mehrwert schaffen“, geht immerhin für 43 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland auch über eine Stunde produktive Arbeitszeit verloren.

Nur elf Prozent sagen, sie verlieren keine Arbeitszeit; in Deutschland ist im internationalen Vergleich vor allem das Beantworten von Mails und Abhalten von Meetings ein größerer Zeitkostenfaktor. Joyce Maroney, Executive Director bei The Workforce Institute at Kronos, betont, dass zunächst die Produktivitätssteigerung strukturell geschaffen werden muss. Dann kann auch eine kürzere Arbeitszeit zu innovativen und effektiven Arbeitsmodellen beitragen:

Die wichtigste Erkenntnis aus dieser Studie ist nicht, dass wir zu einer kürzeren Arbeitswoche wechseln sollten oder dass wir eine Zeitmaschine benötigen, um all unsere Arbeit zu erledigen. Es ist klar, dass Mitarbeiter gute Arbeit leisten wollen. Einige Berufsprofile erfordern, dass Mitarbeiter zu bestimmten Zeiten anwesend oder auf Abruf bereit halten. Unternehmen müssen ihren Mitarbeitern dabei helfen, Ablenkungen, Ineffizienzen und administrative Arbeiten zu vermeiden, damit sie wirklich produktiv arbeiten können. So entsteht mehr Zeit für Innovationen, Zusammenarbeit, Entwicklung von Kenntnissen und Beziehungen sowie die Betreuung der Kunden. Gleichzeitig werden flexiblere Zeitplanungsoptionen ermöglicht, einschließlich der begehrten 4-Tage-Woche.

Andere Generationen, andere Voraussetzungen?

Dass das Bestreben nach weniger Arbeitszeit nicht nur an der Digitalisierung hängt, sondern auch von bestimmten Gruppen vorangetrieben wird, ist keine Überraschung. Besonders Millennials sind von vornherein an einer Work-Life-Balance interessiert, die ihrer eher alternativreichen Sozialisation entgegenkommt.

Diese Studie zeigt auch auf, dass die verschiedenen Generationen ihren Arbeitstag anders strukturieren und Ablenkungen oder Zeitfresser unterschiedlich beurteilen. Weltweit sind die Millenials am stärksten davon überzeugt, ihre Arbeit in unter 7 Stunden am Tag erledigen zu können solange sie nicht unterbrochen werden. Gleichzeitig sind es auch die Millenials, die neben Gen Z ihr Privatleben oft durch die Arbeit gestört sehen. Die Millenials stellen mittlerweile einen Großteil der arbeitenden Bevölkerung dar, so dass Unternehmen darauf achten sollten, wie sie die Arbeitszeit so flexibel gestalten können, dass die verschiedenen Generationen effektiv und zufrieden arbeiten können, 

meint Dr. Steffi Burkhart, Millennial-Sprecherin und Beirat des Workforce Institute Europe at Kronos. Der Erfolg einer 4-Tage-Woche – nicht nur für ein Unternehmen, sondern ebenso für die Menschen und die Gesellschaft – mag auch eine Einstellungssache sein; und deshalb vielleicht mit dem Alter zu tun haben. Denn bei allen Ideen zur Reduzierung von Arbeitszeit darf nicht außer acht gelassen werden, dass viele Menschen sich über ihre Arbeit definieren und ein Mehr an Freizeit ihnen zwar entgegenkommen würde. Trotzdem könnten sie im Zweifel sogar vermehrt auf Nebenjobs ausweichen, um die gewonnene Zeit zu nutzen.

Die Balance von Arbeit und Freizeit ist ein individuelles Moment und kann sicher nicht aufoktroyiert werden. Die 4-Tage-Woche mag auf den ersten Blick die sinnvollste Lösung sein, um Arbeitnehmern diese Balance besser gewährleisten zu können. Und doch bleibt sie vielleicht erst einmal ein Traum, solange, bis die Arbeitseffizienz strukturell optimiert werden kann.

Viele sagen, und manche Experimente zeigen es, dass aber gerade umgekehrt weniger Arbeitszeit die Produktivität und Effizienz nicht nur aufgrund höherer Motivation, sondern auch durch eine zwangsläufige Dringlichkeit bei der Verrichtung der Aufgaben steigern kann. Daher ist in diesem Kontext eine Testphase wohl eine geeignete Lösung, um zu ermitteln, ob es für das eigene Unternehmen oder für den Arbeitnehmer passt.

Welche Branchen könnten am ehesten profitieren?

Dass eine 4-Tage-Woche bei gleichem Gehalt nicht in allen Branchen gleich sinnvoll sein würde, leuchtet ein. Genau das macht eine flächendeckende Umsetzung auch utopisch. Die Fertigungsbranche könnte bei solch einem Konzept ohne Neueinstellungen an Umsatz, da an Produktionsmenge einbüßen. Zum Beispiel sind bei Autobauern die Arbeitsschritte schon jetzt extrem eng getaktet. Auch in Pflegebetrieben, Krankenhäusern oder auf dem Bau bedarf es anderer Modellgestaltung.

Gleichzeitig gestaltet sich eine kürzere Woche für Journalisten auch schwer, da sie nicht plötzlich schneller schreiben können und ohnehin oft auf die Aktualität angewiesen sind. Profitieren können dennoch besonders Unternehmen im digitalen Sektor, die beispielsweise durch die Integration von automatisierten Prozessen eine Beschleunigung der eigenen Arbeitsabläufe erreichen können. Dass mithilfe von KI und Co. künftig mehr Arbeit aus der Hand der Menschen genommen werden wird ist, klar. Eine kürzere Woche aber liegt immer noch in deren Händen; auch, weil sie mit Lohnstrukturen zusammenhängt, die optimiert werden könnten.

Mehr Freizeit oder mehr Lohn. Arbeitnehmer brauchen langfristig gute Bedingungen und das ist es, was sie bei ihrer Arbeit effizienter machen kann. Ob an vier oder fünf Tagen. Unternehmen müssen das Kapital der Mitarbeiter aber erkennen und ihnen innovative Bedingungen zur Verfügung stellen. Sonst stehen sie letztlich als Verlierer der modernen Arbeitswelt da.

Über Niklas Lewanczik

Niklas Lewanczik

Niklas hat an der Uni Hamburg Deutsche Sprache und Literatur sowie Medien- und Kommunikationswissenschaften studiert und schreibt als Redakteur über Social Media, SEO und innovative Themen im Kontext des digitalen Marketing. Wenn er sich nicht gerade dem Marketing zuwendet, dann womöglich den Entwicklungen im modernen Fußball oder dem einen oder anderen guten Buch.

2 Gedanken zu „Die 4-Tage-Woche: Vieles spricht dafür – ist aber mit Vorsicht zu genießen

  1. MKay

    Super Artikel, informativ und detailreich. Werde selbst in Kürze auf die 4-Tage Woche umsteigen :)

    Antworten
    1. Niklas LewanczikNiklas Lewanczik Artikelautor

      Hallo MKay,

      danke. Dann wird es aus deiner Sicht ja sehr spannend zu sehen sein, wie sich die Auswirkungen in der Praxis darstellen.

      Viel Erfolg.

      Antworten

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