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E-Commerce
121 Milliarden US-Dollar Gebühren: Wie fair ist Amazon wirklich gegenüber KMU?

121 Milliarden US-Dollar Gebühren: Wie fair ist Amazon wirklich gegenüber KMU?

Nadine von Piechowski | 06.12.21

Wer online Produkte verkaufen möchte, stößt über kurz oder lang auf Amazon. Jetzt zeigt eine Untersuchung, dass der E-Commerce-Konzern Gebühren in Milliardenhöhe von kleinen und mittleren Unternehmen einnimmt.

Online Shopping hat in den vergangenen Monaten enorm zugenommen. Viele kleine und mittlere Unternehmen (KMU) bieten aufgrund der Coronapandemie ihre Produkte nun vermehrt über einen Online Shop oder andere Shopping-Plattformen an. Ein Großteil greift hierfür auf Amazon zurück. Denn über die Commerce-Seite können Retailer eine große Zielgruppe erreichen. Aber zu welchem Preis? Das hat nun der Report „Amazon’s Toll Road“ vom Institute for Local Self-Reliance (ILSR) aufgeschlüsselt.

34 Prozent der Einnahmen gehen an Amazon

In der Einleitung des Reports schreibt die Autorin Stacy Mitchel:

Amazon’s dominance of online retail means that small businesses have little choice but to rely on its site to reach consumers. This report finds that Amazon is exploiting its gatekeeper power to pocket a growing cut of the revenue earned by these independent sellers. It’s doing this by imposing ever-larger fees on them. These exorbitant fees make it nearly impossible for sellers to sustain a viable business online. Most fail.

Weiter schreibt Mitchel, dass sich die Gebühren, die KMU für die Logistik und das Bewerben ihrer Produkte an Amazon zahlen müssen, deutlich erhöht haben. So zahlten KMU laut ILSR-Report im Jahr 2014 gerade mal 19 US-Dollar pro 100 US-Dollar Einnahmen an den E-Commerce-Konzern. Im Jahr 2021 steigerte sich der Anteil pro 100 US-Dollar Umsatz auf 34 US-Dollar. Warum verkaufen KMU also immer noch über Amazon? Mitchel antwortet hierauf:

If you’re a company that makes or retails consumer products, you’re damned if you don’t sell on Amazon and damned if you do. […]

Weiter schreibt sie: Würden die Retailer ihre Produkte nicht auf Amazon anbieten, würde eine weitaus kleinere Gruppe an Online Shoppern diese sehen und auch kaufen. Das würde sich wiederum negativ auf die Umsatzzahlen und auch die Brand Awarness auswirken. Allerdings müssen Online-Händler:innen ja einen großen Anteil ihres Umsatzes über Amazon an die Plattform abtreten. Eine Misere, aus der viele KMU nicht so einfach herauskommen.

Amazon: Gleichen die Gebühren den Verlust über Prime wieder aus?

Laut ILSR sind die Gebühren, die Amazon gegenüber KMU erhebt, von Jahr zu Jahr deutlich gewachsen. Innerhalb von zwei Jahren habe sich die zu zahlende Summe mehr als verdoppelt – von 60 Milliarden US-Dollar im Jahr 2019 auf 121 Milliarden US-Dollar 2021. In dem Bericht wird spekuliert, dass Amazon durch den Anstieg der Gebühren andere verlustreiche Geschäftspraktiken ausgleichen möchte.

Die Prime-Mitgliedschaft zum Beispiel gilt als echtes Verlustgeschäft für den E-Commerce-Konzern. Die für die Nutzer:innen wegfallenden Transportgebühren sollen durch ein erhöhtes Kaufvolumen ausgeglichen werden – so der der Plan. In der Realität würden laut Mitchel diese Kosten über die Gebühren auf die KMU abgewälzt werden:

Profits from seller fees form the linchpin in Amazon’s market domination strategy. For one, these profits allow Amazon to sustain huge losses on Prime. By providing free shipping for an annual fee that doesn’t come close to covering the cost, Amazon has induced more than two-thirds of U.S. households to join Prime and made its platform the first, and often only, shopping site they visit.

Eine Amazon-Sprecherin gab gegenüber dem Online-Magazin The Verge zu diesen Untersuchungsergebnissen an, dass diese absichtlich irreführend seien. Online-Händler:innen müssten sich ja nicht dafür entscheiden, über die Plattform ihre Produkte anzubieten:

Some sellers also choose to purchase advertising from Amazon or use other advertising providers like Google, Facebook, and Twitter.



Nach Veröffentlichung des Artikels ließ eine Amazon-Sprecherin OnlineMarketing.de ein schriftliches Statement zu der Studie zukommen:

Dieser Bericht ist absichtlich irreführend, weil er die Verkaufsgebühren bei Amazon mit den Kosten für optionale Dienstleistungen wie Logistik und Werbung vermengt. […] Unsere Logistik- oder Werbedienstleistungen sind optional. Verkaufspartner:innen sind frei zu entscheiden, ob sie sie in Anspruch zu nehmen, und nutzen sie nur, wenn sie einen Mehrwert für ihr Unternehmen darstellen.

Das Update stammt vom 08.12.2021



Amazon baut die eigene Marktmacht aus

Dass der Verzicht auf eine Amazon-Präsenz für viele KMU keine Option ist, scheint dem E-Commerce-Konzern wohl bewusst zu sein. Denn die Plattform nutzt ihre Marktmacht aktiv aus, um Online-Händler:innen ebenfalls dazu zu drängen, ihre Produkte möglichst günstig anzubieten. Mit der Fair Pricing Policy sind KMU verpflichtet, ihre Produkte auf Amazon zum selben oder einem günstigeren Preis anzubieten wie auf anderen Shopping-Plattformen. Da bei anderen Shops meist die Versandgebühren nicht inklusive des Preises sind, machen Retailer hiermit auf Amazon Verluste. Mitchel schreibt:

Amazon penalizes sellers that offer lower prices on other, less expensive shopping sites. This thwarts competition by ensuring that Amazon’s steep fees inflate consumer prices across the web and not just on its own site.

The crushing weight of these fees makes it almost impossible for sellers to operate a profitable business. Most fail.

Die Lösung hierfür wäre laut ILSR eine strukturelle Veränderung im Umgang mit KMU. Hierfür seien die „Policymakers“ verantwortlich. Darunter versteht Mitchel zum einen die Verantwortlichen innerhalb des Konzerns. Zum anderen müssen strengere Regularien von außen – das heißt, von der Politik – eingeführt werden.

Kommentare aus der Community

Mathias am 11.12.2021 um 22:20 Uhr

Ich schreibt von 60 bzw. 121 Millionen.
Das sind aber sich Milliarden!

Antworten
Nadine von Piechowski am 13.12.2021 um 08:24 Uhr

Hallo Mathias,

da hast du Recht. Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler behoben.

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