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Digitalpolitik
Facebook zahlt 52 Millionen US-Dollar an traumatisierte Content-Moderatoren
© Kon Karampelas - Unsplash

Facebook zahlt 52 Millionen US-Dollar an traumatisierte Content-Moderatoren

Niklas Lewanczik | 13.05.20

Über 11.000 aktive und frühere Content-Moderatoren erhalten von Facebook mindestens 1.000 US-Dollar als Kompensation für im Job erlittene psychische Erkrankungen.

2018 verklagte die frühere Facebook Content-Moderatorin Selena Scola das Unternehmen Facebook auf Schadensersatz, weil sie in ihrem Job eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickelt habe. In einem Vergleich mit zahlreichen Content-Moderatoren hat Facebook jetzt zugestimmt, insgesamt 52 Millionen US-Dollar als Ausgleich für erlittene Traumata zu bezahlen. Außerdem sollen die Bedingungen bei der Moderation verstörender Inhalte optimiert werden.

Ein paar tausend US-Dollar für bleibende Schäden

Viele Content-Moderatoren bei Facebook müssen tagtäglich reihenweise verstörende Bilder wahrnehmen, während sie Inhalte mit den Richtlinien der Plattform abgleichen und entfernen. Im Guardian wurde schon 2017 ein anonymer Moderator zitiert:

There was literally nothing enjoyable about the job. You’d go into work at 9am every morning, turn on your computer and watch someone have their head cut off. Every day, every minute, that’s what you see. Heads being cut off.

Deshalb haben viele dieser Mitarbeiter psychische Probleme entwickelt, sogar Posttraumatische Belastungsstörungen. Im Zuge solcher Erkrankungen kam es zu verschiedenen Klagen gegen Facebook, in denen die Content-Moderatoren auf Schmerzensgeld pochten. Jetzt kam es vor dem San Mateo Superior Court zu einem Vergleich, wie The Verge berichtet. Dieser sieht vor, dass in der Summe 11.250 Content-Moderatoren Zahlungen von mindestens 1.000 US-Dollar und maximal 6.000 US-Dollar erhalten werden. Steve Williams, der die Klägerseite vertritt, gab in einem Statement bekannt, er sei zufrieden mit der Kooperation, die Facebook anbietet:

We are so pleased that Facebook worked with us to create an unprecedented program to help people performing work that was unimaginable even a few years ago. The harm that can be suffered from this work is real and severe.

Sofern weiterführende Verletzungen oder Erkrankungen nachgewiesen werden können, die im Kontext der Content-Moderation aufgetreten sind, können laut The Verge sogar bis zu 50.000 US-Dollar als Kompensation eingefordert werden. Doch auch diese Summe dürfte eine Posttraumatische Belastungsstörung oder andere Erkrankungen keineswegs aufwiegen können.

Auch Veränderungen der Voraussetzungen zur Content-Moderation geplant

Neben den Zahlungen in Höhe von über 50 Millionen US-Dollar – Facebooks jüngster Quartalsgewinn lag bei 4,9 Milliarden US-Dollar – wird Facebook auch die Bedingungen für die Content-Moderation überarbeiten. So soll etwa der Ton der Videos per Default ausgestellt werden, während diese auch in schwarz-weiß dargestellt werden. Diese Veränderungen sollen bis 2021 für alle Moderatoren, bis Ende des Jahres immerhin schon für 80 Prozent verfügbar sein.

Zusätzlich sollen die Content-Moderatoren, die täglich mit verstörenden Bildern zu tun haben, wöchentliche One-on-One Coaching Sessions mit Experten für mentale Gesundheit erhalten. Und bei akuten Problemfällen soll binnen 24 Stunden ein Termin bei einem lizenzierten Berater ermöglicht werden. Monatliche Gruppentherapien gehören ebenfalls zum Programm, um die psychische Belastung, wenn nicht zu mindern, so zumindest zu thematisieren.

Partnerunternehmen, die für Facebook Content-Moderatoren anstellen, müssen nun auch erweiterte Anforderungen erfüllen. Dazu gehört, dass sie Bewerber noch stärker auf ihre psychische Belastbarkeit hin untersuchen. Außerdem sollen sie Informationen zu Hilfsangeboten bei psychischen Problemen posten, die bei jedem Arbeitsplatz vorhanden sind. Und sie sind dazu aufgefordert, die Content-Moderatoren zu instruieren, wie sie Verstöße gegen Arbeitsplatzstandards direkt melden können.


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Nur ein Teil der Content-Moderatoren erhält Geld

Der Vergleich, dessen Gültigkeit noch vorläufig ist, betrifft nur Content-Moderatoren aus Kalifornien, Arizona, Texas und Florida, die ab 2015 für Facebook (beziehungsweise eine Drittfirma) gearbeitet haben. Bevor das Gericht die Vereinbarung bestätigt, können noch Änderungen vorgeschlagen werden. Facebook selbst gab per Statement an:

We are grateful to the people who do this important work to make Facebook a safe environment for everyone. We’re committed to providing them additional support through this settlement and in the future.

Facebook hat allein in den USA rund 15.000 Content-Moderatoren, die von Drittunternehmen angestellt werden, so die BBC. All diese Moderatoren und weitere tausende weltweit arbeiten daran, dass die 2,6 Milliarden monatlich aktiven Facebook User ein möglichst sicheres Umfeld vorfinden. Die grausamen Bilder, die dem Großteil der User erspart bleiben, sind für die Content-Moderatoren allerdings Alltag. Daher sind präventive und proaktive Maßnahmen für ihre Arbeitsbedingungen so wichtig. Eine finanzielle Entschädigung bei erlittenen Traumata als für Facebook vergleichsweise günstige Bekämpfung der Symptome des Problems könnte für das Social-Media-Unternehmen eine Randnotiz bleiben; für die Content-Moderatoren aber ist diese Entscheidung möglicherweise zumindest ein Schritt auf dem Weg zu einer Arbeitsatmosphäre, die mehr Wert auf psychische Gesundheit legt.

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