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Alles für die Klicks: Diese Creator gingen zu weit

Alles für die Klicks: Diese Creator gingen zu weit

Aniko Milz | 26.01.22

Wie weit dürfen Creator gehen, um Klicks für ihre Inhalte zu generieren? Ein gefakter Flugzeugabsturz, eine gefilmte Leiche und sogar Mord sollten jenseits der Grenzen liegen, die wir für unsere Unterhaltung akzeptieren.

Mehr Reichweite, mehr Engagement, mehr Geld. Wer in den sozialen Medien Erfolg haben und mit eigenem Content sogar Geld verdienen möchte, muss die Aufmerksamkeit der User auf sich ziehen. Schließlich haben diese die Auswahl zwischen diversen Plattformen, Millionen Creatorn und Milliarden Inhalten. Doch wie weit dürfen Creator gehen, um viele Klicks zu generieren und ab wann werden Grenzen übertreten? Der aktuelle Fall des YouTubers Trevor Jacob wirft diese Fragen erneut auf.

Am 24. November steigt Jacob in sein neu erworbenes Flugzeug. Mit mehreren Kameras will er den Flug filmen, doch mitten im Flug gibt es Probleme mit dem Triebwerk, so der YouTuber. Da er sich nicht sicher ist, die Landung glimpflich ausgehen lassen zu können, sieht Jacob keine andere Möglichkeit als aus dem fliegenden Flugzeug auszusteigen und sich mit Hilfe seines Fallschirms in Sicherheit zu bringen – während die Taylorcraft BL64 gen Boden rast. Jacob landet sicher, doch das Flugzeug liegt als Wrack in den Bergen. Das er, zur Verwunderung einiger Zuschauer:innen auch direkt aufsucht, statt sich in dem unbelebten Gebiet zunächst Hilfe zu holen.

Ließ er sein Flugzeug für den Schockeffekt abstürzen?

Das zusammengeschnittene Video kann man sich kurz darauf unter dem sehr klickbaren Titel „I Crashed My Plane“ auf YouTube angucken. In der Aviation Community kommen schnell Zweifel auf, ob der Absturz wirklich ein nicht verhinderbares Unglück war – oder womöglich für die Klicks billigend in Kauf genommen wurde. So sei es beispielsweise sehr ungewöhnlich, dass jemand in einem Leichtflugzeug wie der Taylorcraft BL64 einen Fallschirm trägt, da dafür eigentlich zu wenig Platz in der Maschine ist. Jacob erklärt im Video erleichtert, dass er genau wegen solch unvorhersehbarer Ereignisse immer einen Fallschirm trage – in den Videos, die bisher auf seinem Channel hochgeladen sind, ist dies jedoch nicht zu beobachten.

Zudem wurde die Kamera, die die Instrumententafel des Flugzeugs im Blick hatte und somit dazu beitragen könnte, die Ursache des Versagens aufzuklären, kurz vor dem Triebwerkproblem abgeschaltet. Verdächtig? Könnte man so sehen. Ebenso merkwürdig ist es, dass ein anderes auf Jacob zugelassenes Flugzeug das Gebiet des Absturzes einige Zeit zuvor mehrfach überflog. Um einen geeigneten Ort zu finden, so die Vermutung. Auch der Verkäufer des Flugzeugs, das erst etwa einen Monat vorher den Besitzer wechselte, belastet Jacob. Schließlich hätte er diesem erzählt, dass er „etwas Besonderes“ mit der Maschine vorhabe, sei jedoch nicht näher darauf eingegangen, was er plante.


Sowohl unter dem YouTube-Video als auch unter seinem Instagram Post zu dem Absturz sammeln sich die Kommentare kritischer Aviation-Fans, die Jacob vorwerfen, den Absturz willentlich für die Views herbeigeführt zu haben. Darüber soll nun die Federal Aviation Administration (FAA) entscheiden. Dass YouTuber und andere Content Creator bisweilen Grenzen überschreiten, um Aufmerksamkeit zu generieren, ist jedoch keine Seltenheit.

Geschmacklosigkeit für mehr Klicks

Ein bekanntes Beispiel aus den vergangenen Jahren liefert YouTube-Mega-Star Logan Paul. Der US-Amerikaner reiste mit seinem Team nach Japan und besuchte dort ein Waldstück am Mount Fuji. Dieses wird oft auch als „Selbstmordwald“ bezeichnet, da viele Menschen sich dort das Leben nehmen. Ob Paul darauf gesetzt hatte, ein Suizidopfer zu finden, ist unklar. Als er es jedoch tat, nutzte er die Situation und zeigte die Leiche in seinem Vlog. Mittlerweile ist das Video gelöscht und der YouTuber entschuldigte sich für seinen Fehler. Ihm wurde im Nachgang von YouTube der Hahn zugedreht. Seine Videos bekamen keine Anzeigen mehr und dementsprechend floss auch kein Geld durch YouTubes Werbeprogramm.


Mit einer Entschuldigung konnte Monalisa Perez nichts mehr gut machen. Sie erschoss ihren Freund unabsichtlich für ein YouTube-Video. Der Plan war, ein Video davon aufzunehmen, wie die 19-jährige Perez auf ihren 22-jährigen Freund Pedro Ruiz schießt. Dieser schützte sich mit einem Buch, während sie aus etwa 30 Zentimetern Entfernung abfeuerte. Die Kugel durchschlug die Enzyklopädie und drang in seine Brust ein. Er erlag den Verletzungen noch am Ort des Geschehens.

„Because we want more viewers. We want to get famous“,

soll Ruiz den Grund für das Vorhaben seiner Tante gegenüber erklärt haben. Diese Motivation dürfte viele Creator antreiben. Im Konkurrenzkampf um die Aufmerksamkeit der User werden Headlines clickbaitiger und Thumbnails aufmerksamkeitsheischender. Alles okay, in einem gewissen Maß. Doch Creator müssen sich zum einen bewusst sein, dass es sich für keine Views der Welt lohnt, ein Verbrechen für ein Video zu begehen. Zum anderen sollten sie sich im Klaren darüber sein, dass ihnen auch sehr junge User folgen, die leichter zu beeindrucken, zu beeinflussen und auch teilweise schneller traumatisiert sind als gefestigte Erwachsene.

Die faule Wurzel des Übels

Zwar wollten Menschen sich sicher schon immer profilieren und haben sich sicher schon vor Urzeiten das größte Mammut zum Jagen ausgesucht, um die Aufmerksamkeit und den Neid anderer zu erregen. Doch Social Media ließ dieses Verlangen exponentiell wachsen. Einerseits, weil nun viel mehr Menschen mit den vermeintlichen Heldentaten erreicht und beeindruckt werden können. Andererseits weil das gesamte Gerüst von YouTube, Facebook, Instagram und Co. auf den Algorithmen aufgebaut ist, die die Menschen auf der Suche nach dem nächsten spannenden Video weiter ausbauen.

Natürlich wird YouTube ein Video, das durch das Verhalten bisheriger Zuschauer:innen vielversprechend erscheint, weiteren Usern ausspielen. Nur so fließt Geld in die Kasse. Und Creator werden merken, dass sie nur mit immer krasseren Videos neue Follower für sich begeistern und die Algorithmen gnädig stimmen können. Alles gut, bis die Inhalte Menschen Schaden zufügen. Doch wer kann diesen Teufelskreislauf stoppen? Diese Frage zu stellen, ist umso wichtiger, je schwieriger ihre Beantwortung wird. Müssen YouTube, Facebook und Co. Verantwortung für die Inhalte auf ihren Plattformen übernehmen? Oder ihre Systeme drastisch ändern, um schädlichen Inhalten nicht weiter den Boden zum Wachsen zu geben?

Das Thema wird sicher in den kommenden Monaten an Relevanz gewinnen. Was ist deine Meinung dazu? Lass es uns gerne in den Kommentaren wissen.

Kommentare aus der Community

Sabine am 26.01.2022 um 10:41 Uhr

Gute Einordnung. Social Media müsste hart reguliert werden. Derzeit bringt es vor allem das Schlechte der Menschen hervor und nagt an unserer Demokratie.

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