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„Die Frage muss lauten: Wie viel kann Digitalisierung beitragen, um den Klimaschutz voranzutreiben? Nicht umgekehrt.“ – Facebooks Eva-Maria Kirschsieper im Interview zum neuen Klimaschutz-Label
© Facebook/Canva

„Die Frage muss lauten: Wie viel kann Digitalisierung beitragen, um den Klimaschutz voranzutreiben? Nicht umgekehrt.“ – Facebooks Eva-Maria Kirschsieper im Interview zum neuen Klimaschutz-Label

Nadine von Piechowski | 28.05.21

Eva-Maria Kirschsieper ist Public Policy Director Sustainability, EMEA bei Facebook und spricht im Interview darüber, wie der Social-Konzern gesellschaftlichen Herausforderungen entgegentritt, warum sich das Unternehmen ambitionierte Nachhaltigkeitsziele steckt und welche Rolle die Digitalisierung beim Klimaschutz einnehmen sollte.

Im Februar 2021 verkündete Facebook mittels eines Klimaschutz-Labels stärker gegen die Klimakrise vorgehen zu wollen. Auch ein Climate Science Information Center (deutsch Klimainformationscenter) baute der Social-Konzern auf. Dabei handelt es sich um eine Website, auf der verlässliche Informationen zu den Veränderungen des Klimas zu finden sind. Klicken die Nutzer:innen auf das neue Label, werden sie auf diese Website weitergeleitet. Erst vergangene Woche rollt Facebook die Klimaschutz-Features vollständig auch in Deutschland aus.

Aus diesem Anlass haben wir mit Eva-Maria Kirschsieper, Public Policy Director Sustainability, EMEA bei Facebook, darüber gesprochen, welche Verantwortung der Social-Konzern in Krisenzeiten hat, was das Unternehmen bereits jetzt für den Klimaschutz tut und wie die Nutzung von WhatsApp, Facebook und Co. die Umwelt belastet. Kirschsieper ist seit Februar 2021 in ihrer Position als Public Policy Director Sustainability EMA und verantwortet den Aufbau und die Strategie der Nachhaltigkeitsentwicklung Facebooks in Zusammenarbeit mit der hiesigen Politik. Bereits seit März 2011 ist sie Mitglied des Facebook DACH Policy Teams.

Das Interview

OnlineMarketing.de: Wann hat sich Facebook dafür entschieden, aktiv zum Thema Klimaschutz Stellung zu beziehen?

Eva-Maria Kirschsieper: Die Klimakrise ist real. Und so begreifen wir den Klimawandel seit einigen Jahren. Als weltweit tätiges Unternehmen, dessen Dienste von mehr als drei Milliarden Menschen genutzt werden tragen wir Verantwortung. Daher möchten wir einen aktiven Beitrag leisten. Dies beginnt zunächst bei unseren eigenen Standorten und Daten-Centern. Wir haben unsere betrieblichen Emissionen in nur drei Jahren um 94 Prozent reduziert. Damit haben wir unser Ziel einer Reduzierung um 75 Prozent bis 2020 übertroffen und sind bereits heute einer der größten Abnehmer erneuerbarer Energien weltweit. Ende 2020 hat Facebook den selbst gesetzten Meilenstein erreicht, die CO2-Emissionen auf Netto Null zu senken und alle Aktivitäten des Unternehmens zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien durchzuführen.

Im September 2020 haben wir das Klimainformationszentrum unter anderem in Deutschland eingeführt. Dies ist ein gesonderter Bereich auf Facebook, der Ressourcen der weltweit führenden Klima Forschungsorganisationen zur Verfügung stellt. Wir möchten so sicherstellen, dass die Menschen wissenschaftlich fundierte und aktuelle Informationen auf unserer Plattform finden. Denn gerade in der Klimakrise, ähnlich wie auch in der aktuellen Pandemie ist es unerlässlich, dass Menschen Zugang zu gesicherten Erkenntnissen haben. Dabei möchten wir die Menschen unterstützen.

Was erhofft sich Facebook von der Einführung des Klimaschutz-Labels?

© Facebook

Durch die Einführung der Klimaschutz-Labels werden wir bestimmte Beiträge zum Klimawandel mit Hinweisen kennzeichnen, die Menschen auf das Klimainformationszentrum verweisen. Damit wollen wir die Verbreitung von Falschinformationen rund um das Thema Klimawandel eindämmen und Menschen auf weiterführende sachliche Informationen und Ressourcen von weltweit anerkannten Klimaschutzorganisationen verweisen.

Was tut Facebook sonst, um die Verbreitung von Desinformationen bezüglich der Klimakrise auf der Plattform einzudämmen?

Eine der wichtigsten Lehren, die wir aus der Covid-19-Pandemie gezogen haben, ist, wie effektiv Facebook sein kann, um Menschen während einer globalen Krise korrekte, fachkundige Ratschläge und Informationen an die Hand zu geben. Diese Erfahrungen haben wir für die Klimakrise übernommen und wie erwähnt das Klimainformationszentrum auf Facebook geschaffen. Die dortigen Ressourcen herausragender wissenschaftlicher Organisationen – in Deutschland sind dies etwa das Potsdam Institut für Klimafolgenforschung oder der Deutsche Wetterdienst – sind extrem wichtige Hebel, um der Verbreitung falscher oder irreführender Informationen zu begegnen.

Darüber hinaus haben wir eine klare Herangehensweise an die Bekämpfung von Falschinformationen – und dies schließt selbstverständlich Falschinformationen zu Klimafragen mit ein. Drei Schritte sind dabei wichtig: Erstens, wir entfernen Konten und Inhalte, die gegen unsere Gemeinschaftsstandards oder Werberichtlinien verstoßen; jeden Tag verhindern wir die Registrierung Millionen gefälschter Konten. Zweitens, wir reduzieren die Verbreitung von Falschmeldungen und nicht authentischer Inhalte wie Click- und Engagement-Baiting. Und Drittens informieren wir die Menschen, indem wir ihnen mehr Kontext zu Beiträgen im Feed geben. So können sie selbst besser entscheiden, ob eine Quelle oder eine Nachricht als vertrauenswürdig erachtet werden kann, sie diese lesen und gegebenenfalls mit Freund:innen teilen wollen.

Wir arbeiten zur Überprüfung von Fakten weltweit mit mehr als 80 Fact-Checking-Organisationen, die über 60 Sprachen abdecken, zusammen – darunter Nachrichtenagenturen, Medienunternehmen und gemeinnützige Organisationen. In Deutschland sind dies beispielsweise Correctiv, DPA und AFP.

Mit dem Climate Science Information Center will Facebook den Usern verlässliche Informationen rund um die Klimakrise bieten. Wie überprüft Facebook, dass die auf der Website angegebenen Daten auf dem aktuellsten Stand sind?

Wenn Sie sich das Klimainformationszentrum einmal angesehen haben, können Sie feststellen, dass wir dort unter anderem die letzten Einträge einschlägiger verlässlicher Organisationen anzeigen. Diese werden synchron zu den Einträgen dort abgebildet und sind damit immer aktuell. Aber es ist auch so, dass vieles von dem Wissen, was wirklich wichtig ist, sich nicht zwangsläufig täglich ändert. Daher bieten wir auch grundsätzliche Informationen zur Klimafrage an.

Die Rubrik „Fakten zum Klimawandel“ im Klimainformationszentrum zeigt beispielsweise die Fakten zu den gängigsten Klimamythen auf. Hierzu haben wir mit Expert:innen für Klimakommunikation der George Mason University, dem Yale Program für Climate Change Communication und der University of Cambridge zusammengearbeitet.

Wir arbeiten außerdem mit dem „Intergovernmental Panel on Climate Change“ (IPCC) – also der offiziellen Stelle der UN – und dessen globalem Netzwerk zusammen, um Fakten und Daten bereitzustellen. Außerdem bilden wir die Informationen extrem starker lokaler wissenschaftlicher Einrichtungen ab. Ich erwähnte bereits den Deutsche Wetterdienst (DWD) und das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Aber auch das Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI), das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP), die Wetter- und Ozeanografie­behörde der Vereinigten Staaten (NOAA), die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) und viele mehr gehören zum Netzwerk derer, deren Beiträge dort gezeigt werden.

Wird es künftig auch eine Hervorhebung von “klimafreundlichen” Werbeanzeigen auf der Plattform geben?

Eine meiner persönlichen Zielsetzungen ist es, unsere Plattformen für Konsument:innen und Unternehmen stärker auch durch die Brille der Nachhaltigkeit zu gestalten. Hier gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, von denen wir sicherlich auch das ein oder andere testen werden. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie in wenigen Jahren auch Änderungen am Produkt finden werden, die den Aspekt der Nachhaltigkeit sichtbar im Fokus haben.

Ein Klimaschutz-Label und die Einführung des Climate Science Information Center zeigen, dass Facebook sich um den Informationsfluss zum Thema bemüht.

Was tut Facebook als internationaler Konzern, um selbst möglichst klimaneutral zu agieren?

Im Jahr 2020 hat Facebook den selbst gesetzten Meilenstein erreicht, die CO2-Emissionen auf Netto Null zu senken und alle Aktivitäten des Unternehmens zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien durchzuführen. Wir sind einer der größten privatwirtschaftlichen Kund:innen für erneuerbare Energien (Verträge über >6 Gigawatt Wind- und Solarenergie) und unser Rechenzentren im dänischen Odense arbeitet beispielsweise ausschließlich mit Windenergie.

Bis 2030 wollen wir Netto-Null-Emissionen von CO2 für unsere gesamte Wertschöpfungskette erreichen, einschließlich der Emissionen unserer Zulieferer und anderer Faktoren wie dem Arbeitsplatz. Dies ist ein komplexer Prozess: Wir arbeiten unter anderem mit unseren Zulieferern an eigenen Zielen, investieren in neue Technologien und betreiben unsere Büros und Gebäude so energieeffizient wie möglich. Wir setzen unter anderem auch maschinelles Lernen für Energieeffizienz ein. Ein maschinelles Lernmodell etwa hilft uns dabei, die Effizienz unserer Rechenzentren zu überwachen, vorherzusagen und zu optimieren.

Investiert Facebook noch anderweitig in den Klimaschutz?

Der Klimaschutz hat viele Facetten und wir wollen unseren Beitrag leisten – insbesondere dort, wo wir eine größere Wirkung erzielen können. Wir priorisieren unter anderem den verantwortungsvollen Umgang mit Wasser in unserem gesamten Betrieb. Hierdurch konnten wir unsere Rechenzentren zu den effizientesten der Welt machen. Sie verbrauchen 80 Prozent weniger Wasser als ein durchschnittliches Rechenzentrum – bei einem Unternehmen unserer Größe sind diese Einsparungen signifikant.

Aber wir arbeiten auch mit Partner:innen zusammen, um eine stärkere globale Gemeinschaft rund um unsere Produkte aufzubauen und Maßnahmen für mehr Nachhaltigkeit zu beschleunigen. Wir entwickeln Werkzeuge wie die Climate Conversation Map, um Partner:innen zu helfen, das Verständnis für das Klima und das Handeln in diesem Bereich zu beschleunigen. Vergangenes Jahr haben wir in Kooperation mit UnternehmensGrün e.V. und den Wirtschaftsjunioren Deutschland die Bildungsreihe „Nachhaltig durchstarten“ gestartet, unsere Nachhaltigkeitsinitiative für den Mittelstand. Wir sind Teil der „We Are Still In“-Koalition und haben aktive Partnerschaften, wie zum Beispiel die Klimakampagne der Vereinten Nationen, die über eine Milliarde Menschen auf der ganzen Welt erreicht haben.

© Facebook

Hat Facebook eigene Klimaziele für die kommenden Jahre?

Wie bereits erwähnt, haben wir Ende 2020 das Netto-Null-Emissionsziel für die weltweiten Tätigkeiten von Facebook erreicht. Ein weiteres ehrgeiziges Ziel haben wir uns für 2030 gesteckt: Bis dahin wollen wir vollständige CO2-Neutralität erreicht haben – nicht nur für Facebooks Tätigkeiten selbst, sondern für die gesamte Wertschöpfungskette unseres Unternehmens. Daneben könnte eine Umstellung auf Remote-Arbeit die Treibhausgasemissionen von Facebook reduzieren, die durch das Pendeln der Mitarbeiter*innen entstehen. In den nächsten zehn Jahren könnten die Emissionen durch Homeoffice um fast eine Millionen Tonnen CO2 reduziert werden – das entspricht der Einsparung von 200.000 Autos für ein Jahr.

Wie viel CO2 verbraucht die Nutzung von Facebook, Instagram und WhatsApp?

Die jährlichen Emissionen, die durch durchschnittliche Nutzung unsere Dienste pro Person, ausgestoßen werden sind geringer als der CO2-Ausstoß, der bei der Zubereitung einer Tasse Kaffee verursacht wird, circa 140-425 Gramm CO2. Nicht mit einkalkuliert sind hier die Emissionen, die außerhalb unseres Geschäftsfelds liegen, wie zum Beispiel der Betrieb von Smartphones. Seit 2011 machen wir unter sustainability.fb.com unseren Carbon-Footprint im jährlichen Facebook Sustainability Report öffentlich. Dort kann im Detail nachgelesen werden, wir viel CO2 die Aktivitäten von Facebook und seinen Standorten verursachen und beispielsweise auch, wie viel Wasser sie nutzen.

Wie bringt Facebook in Einklang einerseits den Klimaschutz zu pushen und andererseits – wie alle Social Media oder Streaming-Dienste – auf einem Geschäftsmodell zu basieren, das möglichst viel umweltschädlichen Digitalkonsum voraussetzt?

Die Frage muss in meinen Augen anders gestellt werden: Wie viel kann Digitalisierung beitragen, um den Klimaschutz voranzutreiben? Nicht umgekehrt. So wie viele andere glauben auch wir daran, dass die Digitalisierung und technische Lösungen einen großen Beitrag zur Lösung der Klimakrise beitragen können. Und das sind mehr als die nicht-geflogenen Meilen, die die Menschen während der Pandemie eingespart und durch Videokonferenzen ersetzt haben. Unsere Plattformen und Produkte sind Multiplikatoren: Facebook wird für zahlreiche Klimaschutzinitiativen genutzt und ist ein Ort des kreativen Austauschs über nachhaltiges Leben. In Deutschland sind mehr als zwei Millionen Menschen Mitglied in den 27.000 Facebook-Gruppen, die sich für den Schutz und die Achtung unserer Erde und Umwelt einsetzen. Mehr als 3,5 Millionen Menschen haben über die Fundraising Tools von Facebook und Instagram mehr als 130 Millionen US-Dollar für den Kampf gegen den Klimawandel und für den Naturschutz gesammelt.

Wir unterstützen kleine und mittlere Unternehmen auf dem Weg zu einer digitaleren und saubereren Umwelt: Nachhaltige Unternehmen und Marken in Europa sind in der Lage, die Plattformen und Apps von Facebook zu nutzen, um ihr Geschäft zu vergrößern und zu skalieren.

Auch kleine und mittelständische Unternehmen nutzen unsere Plattformen, um nachhaltige Produkte und Dienstleistungen zu bewerben. Ein Beispiel ist Mit Ecken und Kanten, ein Online-Shop mit Sitz in Nürnberg, Deutschland. Er verkauft fair gehandelte und nachhaltige Produkte, die sonst wegen kleiner Mängel oder alter Verpackungen weggeschmissen würden. Die Gründerin Jessica Könnecke hat Facebook und Instagram genutzt, um die Geschichte hinter ihrem Unternehmen zu erzählen, und führt bis zu 35 Prozent ihres Umsatzes auf diese Plattformen zurück.

Die Klimakrise, Diskriminierung und Rassismus oder Body Shaming: Themen, die die Aufmerksamkeit der Facebook-Nutzer:innen verdienen, gibt es wie Sand am Meer. Wie wählt Facebook aus, welches globale Problem beziehungsweise welcher Missstand als erstes die Einführung von Informations-Features – wie ein Label – verdienen?

Der Klimawandel ist eine der größten, wenn nicht die größte Herausforderung unserer Zeit. Diese Krise kann nur dann bewältigt werden, wenn wir global zusammenarbeiten. Ein Schlüssel hierbei ist eine umfassende faktenorientierte Informationslage. Hierzu wollen wir beitragen.

Aber selbstverständlich gilt auch generell: Wir möchten unseren Nutzer:innen eine sichere und informative Umgebung bieten. Dazu gehört der richtige Umgang mit Hate Speech, mit Diskriminierung, mit Rassismus. Um diesem Problem zu begegnen investieren wir seit Jahren massiv in entsprechende Lösungen. Dazu gehören Technologien, menschliche Expertise und Partnerschaften. Im Ergebnis haben wir beispielsweise allein von Januar bis März diesen Jahre 25,2 Millionen Inhalte mit Hassreden entfernt.

Viele weitere angesprochene Punkte versuchen wir auf ganz unterschiedliche Arten adressieren. Aber für alle gesellschaftlichen Themen, die sich auf unseren Plattformen wiederfinden, gilt: Wir tragen eine Verantwortung, wir nehmen diese ernst und suchen für jede Herausforderung eine angemessene Antwort.

Welches gesellschaftliche Thema wird Facebook als nächstes in den Fokus nehmen?

In Deutschland stehen dieses Jahr mehrere Landtagswahlen und die Bundestagswahl an. Wahlen sind grundsätzlich Momente, in denen wir eine besondere Verantwortung tragen. Hier wollen wir einen positiven Beitrag für die Sicherheit und die Transparenz von Wahlen leisten und sicherstellen, dass keine unzulässige Wahlbeeinflussung von Außen stattfindet. Dies ist eines der wichtigsten Themen in Deutschland in diesem Jahr – aber meine Erfahrung sagt mir, dass weitere Themen dazukommen werden, die weder Sie noch ich heute im Blick haben.


Dieses Interview wurde schriftlich geführt.

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