Human Resources
Nachwuchskräfte besorgt: Zu wenige Juniorstellen

Nachwuchskräfte besorgt: Zu wenige Juniorstellen

Selina Beck | 04.11.26

Die aktuelle Uniwunder-Umfrage zeigt eine besorgniserregende Erkenntnis: 72 Prozent der Absolvent:innen beklagen zu wenige Einstiegsjobs. Doch nicht nur das: Auch das Phänomen Ghosting bei Bewerbungen seitens der Unternehmen wird zum Problem.

Das Sommersemester ist zu Ende, der Herbst ist da und damit sind viele Absolvent:innen bereits länger auf Jobsuche. Auch viele Schüler:innen, die ihren Abschluss gemacht haben, suchen nun nach Ausbildungen und Jobs. Dabei zeigt sich leider für die junge Generation, dass der Berufsanfang wohl nicht so einfach wie erhofft wird. Denn die neue Uniwunder-Online-Umfrage unter knapp 140 Studierenden und Hochschulabsolvent:innen ohne erste Festanstellung zwischen Anfang Juli und Ende August dieses Jahres zeigt, dass sich mehr als die Hälfte der Nachwuchskräfte um ihre berufliche Zukunft sorgt. 72 Prozent beklagen dabei auch zu wenige Einstiegsjobs.

Bereits im Sommer haben wir das Problem thematisiert, dass durch KI-Tools viele Juniorstellen gestrichen werden, da die Aufgaben an die KI delegiert werden. KI und die schwache Konjunktur machen den Berufseinstieg immer schwieriger. Das Arbeitsmarktbarometer der ManpowerGroup zeigte damals, dass Unternehmen im zweiten Quartal 2026 deutlich vorsichtiger eingestellt haben als erwartet. Neue Stellen entstanden seltener, viele Betriebe konzentrierten sich stattdessen auf ihre bestehende Belegschaft.


Mehr Zurückhaltung bei Jobs:

Neueinstellungen auf dem Arbeitsmarkt gehen zurück

© Wocintechchat.com – Unsplash


Arbeitslosigkeit unter Akademiker:innen liegt bei ihrem Allzeithoch

Die aktuelle Umfrage von Uniwunder deutet nun darauf hin – trotz kleiner Strichprobe und fehlender Repräsentativität –, dass die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt so weitergeht – sehr zum Leidwesen der jungen Generation. Die Sorge, dass KI jene Aufgaben übernimmt, mit der Berufseinsteiger:innen erste Arbeitserfahrungen sammeln konnte, wächst bei den Absolvent:innen. Die Arbeitslosenquote unter Akademiker:innen ist auf 3,3 Prozent gestiegen und erreicht damit einen historischen Höchstwert, der dennoch unter der allgemeinen Arbeitslosenquote von 6,3 Prozent liegt.

Über 70 Bewerbungen nach Abschluss

In der Umfrage zeigt sich, dass 55 Prozent der Befragten angeben, in ihrer Branche gebe es zu wenige Juniorjobs. Weitere 17 Prozent sehen so gut wie keine Angebote mehr. Nur 23 Prozent beschreiben das Stellenangebot als ausgewogen. Fünf Prozent, eine deutliche Minderheit, sieht das Angebot als mehr als ausreichend an.

Eine weitere Problematik liegt in den gestiegenen Ansprüchen. So stimmen 58 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass die Erwartungen an Bewerber:innen für die Einstiegsjobs zu hoch sind. Solche Hürden schlagen sich auch in der Statistik nieder: So sind unter den aktiv Jobsuchenden 43 Prozent bereits seit mindestens drei Monaten auf der Suche nach einem Job. 39 Prozent haben dabei mindestens 30 Bewerbungen geschrieben, rund zwölf Prozent haben sogar 70 oder noch mehr verfasst. Matthias Auer, Geschäftsführer von Uniwunder, weist darauf hin:

Wir erleben derzeit eine Situation, in der viele junge Menschen motiviert und gut ausgebildet auf den Arbeitsmarkt kommen, dort aber auf hohe Einstiegshürden treffen. Unternehmen suchen häufig nach möglichst passgenauen Qualifikationen und Berufserfahrung. Gerade Berufseinsteiger müssen jedoch erst die Möglichkeit bekommen, diese Erfahrung zu sammeln. Wer ausschließlich nach dem perfekten Lebenslauf sucht, übersieht möglicherweise großes Potenzial.

Mehr als die Hälfte erlebt Ghosting seitens der Betriebe

62 Prozent erfahren zudem Ghosting durch Unternehmen. Damit riskieren Unternehmen einen Imageschaden, denn wie Firmen mit Bewerber:innen umgehen, wirkt sich auf ihre Wahrnehmung als Arbeitgeber:in aus. Für Auer ist Employer Branding im Bewerbungsprozess entscheidend:

Employer Branding endet nicht bei einer attraktiven Stellenanzeige oder einer modernen Karriereseite. Gerade im Bewerbungsprozess zeigt sich, wie ernst Unternehmen ihre eigenen Werte nehmen. Wer jungen Menschen Wertschätzung und eine offene Unternehmenskultur verspricht, sie dann aber wochenlang ohne Rückmeldung lässt, beschädigt seine eigene Arbeitgebermarke.

KI wird ambivalent wahrgenommen

KI entpuppt sich in der Studie als zweischneidiges Schwert. Einerseits befürchten 64 Prozent der Studierenden und Absolvent:innen, dass KI klassische Aufgaben für Berufseinsteiger:innen wegrationalisiert. 44 Prozent stimmen der Aussage zu, dass KI-Tools Juniorjobs übernehmen und damit wegnehmen. Zudem gehen 60 Prozent davon aus, sich aufgrund der KI-Tools komplexere Fähigkeiten aneignen zu müssen.

Dennoch sehen auch 76 Prozent der Befragten in KI die Möglichkeit, Wissenslücken im Berufsalltag eigenständig schließen zu können. 66 Prozent der Gen Z sehen hier überdies einen Generationenvorteil, da ihre KI-Skills ihrer Ansicht nach einen Wettbewerbsvorteil gegenüber älteren Beschäftigten verschaffen könnten. Wohl nicht nur deshalb bilden sich 54 Prozent der Befragten gezielt im Umgang mit KI-Tools weiter.

Insgesamt sind die Stimmen für und gegen KI auf dem Arbeitsmarkt relativ ausgewogen: Während 29 Prozent KI eher als Bedrohung für ihren Karrierebeginn sehen, begreifen sie 28 Prozent eher als Chance. 42 Prozent hingegen sind neutral gestimmt.

So können Unternehmen Nachwuchskräfte unterstützen

Die Herausforderungen für Berufsanfänger:innen werden komplexer und darauf sollten Unternehmen reagieren. Zur Unterstützung sollten Unternehmen einerseits den KI-Einsatz sinnvoll gestalten und zugleich Nachwuchskräften weiterhin Entwicklungsmöglichkeiten bieten.

Andererseits sollten Recruiting-Prozesse auch so gestaltet werden, damit persönliche Skills, Lernbereitschaft und Potenziale bestmöglich berücksichtigt werden. Auer rät den Firmen:

KI kann Unternehmen und Beschäftigte produktiver machen. Deswegen aber auf Nachwuchstalente zu verzichten, könnte sich später rächen. Gerade junge Mitarbeiter:innen bringen neue Perspektiven, technologische Offenheit, KI-Erfahrung und Entwicklungspotenzial mit. Unternehmen, die heute nicht in diese Generation investieren, riskieren, dass ihnen morgen wichtige Kompetenzen fehlen.


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