Human Resources
2.000 Bewerbungen in 24 Stunden: Recruiting hat ein KI-Problem

2.000 Bewerbungen in 24 Stunden: Recruiting hat ein KI-Problem

Selina Beck | 18.09.26

KI im Recruiting wird zum Belastungstest. Bewerbungen lassen sich heute in Minuten erstellen und massenhaft verschicken, während Unternehmen immer mehr Profile prüfen müssen. In Extremfällen kommen Tausende Bewerbungen auf eine Stelle.

Der deutsche Arbeitsmarkt bleibt angespannt. Wie die Bundesagentur für Arbeit für August 2026 meldet, waren 3,061 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet, die Arbeitslosenquote lag bei 6,5 Prozent. Zugleich beschreibt die Behörde die Nachfrage nach Arbeitskräften weiterhin als schwach.

Auch Akademiker:innen sind stärker betroffen. Laut Bundesagentur für Arbeit stieg ihre Zahl 2025 auf durchschnittlich 335.000 Arbeitslose, auch wenn ihre Arbeitslosenquote mit 3,3 Prozent weiterhin deutlich unter dem Gesamtniveau liegt.

Mehr Menschen konkurrieren damit um ein begrenztes Stellenangebot. Dieser Druck wird zusätzlich dadurch verstärkt, dass Bewerbungen heute schneller erstellt, angepasst und verschickt werden können als noch vor wenigen Jahren.


Mehr Zurückhaltung bei Jobs: Neueinstellungen auf dem Arbeitsmarkt gehen zurück

© Wocintechchat.com – Unsplash


KI macht Bewerben einfacher

Anschreiben formulieren, Lebensläufe anpassen oder relevante Keywords aus Stellenanzeigen übernehmen lässt sich mit KI heute innerhalb weniger Minuten erledigen. Auch Bewerbungsplattformen senken den Aufwand weiter, weil viele Prozesse mit wenigen Klicks abgeschlossen werden können.

Wie stark das Interesse an einzelnen Stellen gestiegen ist, zeigen Daten von Stepstone. Anfang 2026 klickten Nutzer:innen pro Stellenanzeige fast doppelt so häufig auf „Jetzt bewerben“ wie drei Jahre zuvor. Besonders stark fiel der Anstieg im Marketing mit 182 Prozent, im Personalwesen mit 176 Prozent und in der IT mit 168 Prozent aus.

Stepstone misst zwar Klicks auf den Bewerbungs-Button und nicht tatsächlich abgeschickte Bewerbungen. Die Daten zeigen aber klar, dass sich deutlich mehr Menschen für dieselben Stellen interessieren.

Wenn auf einen Job 2.000 Bewerbungen kommen

Wie weit diese Entwicklung gehen kann, zeigen Beispiele aus den USA. Wired berichtet von Recruiting Teams, die statt einigen Dutzend inzwischen mehrere Hundert oder sogar mehr als 1.000 Bewerbungen auf einzelne Stellen erhalten.

Ein Recruiter des Software-Unternehmens Greenhouse berichtet sogar von 2.000 Bewerbungen innerhalb von nur 24 Stunden. Solche Zahlen sind zwar Extremfälle einzelner US-Unternehmen, der grundsätzliche Trend geht jedoch in dieselbe Richtung. Laut LinkedIn stieg die Zahl der Bewerbungen pro Nutzer:in gegenüber 2020 um 46 Prozent. Seit dem Start von ChatGPT nahm die Gesamtzahl der Bewerbungen auf der Plattform laut Wired um 22 Prozent zu.

Nicht jede KI-Bewerbung ist fake

Mit steigenden Bewerbungszahlen wächst für Unternehmen auch die Schwierigkeit, glaubwürdige von zweifelhaften Bewerbungen zu unterscheiden. Dabei ist eine Trennung wichtig, denn ein mit ChatGPT überarbeiteter Lebenslauf ist noch keine Fake-Bewerbung. Problematisch wird es erst bei erfundenen Qualifikationen, gefälschten Profilen oder falschen Identitäten.

Recruiting-Anbieter:innen wie Greenhouse berichten inzwischen über genau solche Formen von Bewerbungsbetrug. Für Recruiter bedeutet das zusätzlichen Prüfaufwand, weil sie nicht mehr nur einschätzen müssen, wer fachlich passt, sondern teilweise auch, ob Angaben und Identitäten glaubwürdig sind.

Unternehmen bauen wieder Hürden ein

Lange galt im Recruiting das Ziel, Bewerbungen möglichst einfach zu machen. Doch je niedriger die Hürden werden, desto leichter lassen sich auch Bewerbungen mit geringem Aufwand verschicken.

Von Wired befragte Recruiter fordern deshalb wieder mehr Reibung im Bewerbungsprozess. Gemeint sind keine Papiermappen, sondern konkrete Bewerbungsfragen, Arbeitsproben, Kompetenztests oder strukturierte Interviews. Sie sollen zusätzliche Hinweise liefern, die ein perfekt formulierter Lebenslauf allein immer weniger bietet.

KI soll die Bewerbungsflut vorsortieren

Viele Unternehmen reagieren auf die wachsenden Bewerber:innenmengen wiederum mit KI. KI-Dienste sollen Lebensläufe priorisieren, Kandidat:innen einordnen oder erste Interviews übernehmen.

Eine aktuelle Forschungsarbeit zu KI-gestützten Recruiting-Prozessen zeigt, dass zusätzliche Informationen aus KI-Interviews die Vorauswahl verbessern können. Kandidat, die auf dieser Basis ausgewählt wurden, bestanden anschließende menschliche Interviews häufiger.

Der Ansatz hat allerdings einen Nachteil, denn rund 75 Prozent der eingeladenen Kandidat:innen absolvierten das vorgeschaltete KI-Interview nicht vollständig. Die Auswahl kann dadurch zwar genauer werden, verlangt den Bewerbenden aber zugleich mehr Aufwand ab.

Wenn KI die Texte anderer KI bewertet

Noch schwieriger wird die Auswahl, wenn KI auf beiden Seiten des Prozesses eingesetzt wird. Forschende fanden, dass KI in Experimenten teilweise Lebensläufe bevorzugte, die vom gleichen Modell erstellt worden waren.

Damit entsteht ein neues Problem. Wenn KI Bewerbungen formuliert und andere KI-Dienste sie bewerten, können sprachliche Muster Einfluss auf die Auswahl bekommen, obwohl sie wenig darüber aussagen, wie gut eine Person tatsächlich für den Job geeignet ist.

Der perfekte Lebenslauf verliert an Wert

Genau darin liegt die größere Veränderung im Recruiting. Je einfacher KI einen professionellen Lebenslauf oder ein überzeugendes Anschreiben erzeugen kann, desto weniger verraten diese Unterlagen allein über die tatsächliche Eignung.

Für Unternehmen werden deshalb andere Signale wichtiger, etwa strukturierte Interviews, Arbeitsproben, nachvollziehbare Erfahrung und konkrete Kompetenznachweise. Die entscheidende Frage lautet damit künftig weniger, wer die beste Bewerbung geschrieben hat, sondern wer tatsächlich am besten zum Job passt.


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