Human Resources
Scharfe Kritik von beiden Seiten: Lockerung von Beschäftigtenrechten wird mit Skepsis beäugt

Scharfe Kritik von beiden Seiten: Lockerung von Beschäftigtenrechten wird mit Skepsis beäugt

Selina Beck | 04.09.26

Skepsis aufseiten der Beschäftigten und der Vorgesetzten: Es gibt immer mehr Diskussionen zur Lockerung von Arbeitnehmer:innenrechten – von der Aufweichung des Kündigungsschutzes bis zu flexibleren Arbeitszeitregeln.

Wettbewerbsfähigkeit, Flexibilität, Dynamik und Wirtschaftstreiber – bei der Diskussion um die Lockerung von Arbeitnehmer:innenrechte gibt es viele Gründe, welche die Befürworter:innen nennen. Doch eine aktuelle Umfrage der Jobseite Indeed zeigt: Der Rückbau wird vonseiten der Unternehmensentscheider:innen und Angestellten sehr kritisch bewertet.

Sorge vor Stressbelastungen und wegfallender Unternehmsattraktivität

Offenkundig sorgen sich Arbeitnehmer:innen um Kürzungen bei Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall, den Kündigungsschutz, noch mehr Belastungen und ausufernden Arbeitszeitregelungen. Bereits jetzt klagt jede:r zweite Beschäftigte über mentale Belastungen. So machen sich bereits Präsentismus und unbezahlte Überstunden aus Sorge um den Arbeitsplatz bemerkbar. Diese Mehrarbeit kann langfristig auch die Gesundheit negativ beeinträchtigen.

71,4 Prozent der Beschäftigten sorgen sich um eine Kürzung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, die sie erheblich belasten würde. Auch die Abschaffung von festen Ruhezeiten (57,8 Prozent) sowie die Aufweichung des Kündigungsschutzes (55,1 Prozent) werden von vielen Angestellten sorgenvoll aufgenommen. Mit der Unsicherheit verändert sich auch das Erleben der Arbeit und das Vertrauen in die Arbeitgeber:innen.

45,8 Prozent – und damit fast die Hälfte der befragten Arbeitnehmer:innen – erklären, dass sich die Mischung aus wirtschaftlicher Unsicherheit und die Diskurse um weniger Schutzrechte bereits jetzt negativ auf ihre mentale Gesundheit auswirken. Zudem sinkt auch das Vertrauen in die Vorgesetzten, denn nur noch 41,3 Prozent gehen davon aus, dass ihre Vorgesetzten sie noch voll und ganz in Krisenzeiten schützen. 35,5 Prozent sind hingegen skeptisch, während 17,1 Prozent ihr Vertrauen bereits weitgehend verloren haben.

Diese veränderten Wahrnehmungen wiederum führen zu ungesunden Verhaltsänderungen. So verzichtet fast jede:r vierte Beschäftigte aus Sorge um den Job auf Home Office oder geht auch krank arbeiten, um nicht negativ in den Fokus zu geraten. Auch unbezahlte Überstunden und berufliche Nachrichten im Feierabend oder im Urlaub sind bereits für 25,9 Prozent Alltag.

Von der anderen Seite her herrscht ebenso Skepsis gegenüber den Lockerungsvorschlägen, denn die meisten Vorgesetzten sehen Schutzrechte als Vorteil für ihr Unternehmen an. Einige Entscheider:innen nennen den Arbeitnehmer:innenschutz zwar in einzelnen Bereichen als Hindernis im Unternehmensalltag, zugleich bewerten sie das hohe Schutzniveau aber als relevanten Faktor für die Attraktivität des Unternehmens, der Fachkräftesicherung und den Unternehmenserfolg.

67,4 Prozent der befragten Vorgesetzten betonen, dass Unternehmen in Deutschland durch die Regelungen zuverlässiger und attraktiver wirken, wodurch Fachkräfte eher nach Deutschland kommen. Bei den Inhaber:innen und Partner:innen unter den Entscheidungsträger:innen ist der Anteil mit 56 Prozent etwas niedriger. Jedoch bewertet jede:r zweite Entscheider:in die Rechte als positiven Faktor für den Unternehmenserfolg (52,9 Prozent).

Hier wünschen sich Unternehmen Änderungen

Mehr Spielraum wünschen sich Entscheider:innen jedoch mit 49,2 Prozent beim Kündigungsschutz, da sie hier eine Aufweichung bevorzugen würden. Jedoch gibt es dazu geteilte Meinungen, denn fast jede:r Zweite lehnt eine Lockerung ab (47,7 Prozent). Strenge Arbeitsvorgaben – etwa zu den politisch diskutierten Maximalarbeitszeiten – werden von 39 Prozent eher als hindernde Regelung wahrgenommen. Die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall sowie die Mitbestimmung durch den Betriebsrat werden vielfach (41,4 und 37,8 Prozent) als Vorteil benannt.

Die Reformdebatte der Regierung verspricht mehr wirtschaftliche Dynamik durch weniger Schutz. Doch das überzeugt viele Entscheider:innen nicht. 45,9 Prozent sehen die öffentliche Debatte über einen zu strengen Schutz als realitätsfern an. Die Mehrheit der Vorgesetzten, die eine Aufweichung des Kündigungsschutzes eher ablehnen, sieht einen starken Kündigungsschutz als Vorteil im Recruiting an (36,1 Prozent). Fast die Hälfte der befragten Arbeitgeber:innen befürchtet durch einen Abbau der Rechte eine interne Unsicherheit und einen Rückgang der Arbeitsmoral (49,9 Prozent). Fast ein Drittel geht allerdings von keiner Veränderung aus. Dr. Virginia Sondergeld, Ökonomin bei Indeed, sieht den Sicherheitsfaktor als gravierend an:

Wenn Sicherheit schwindet, weicht sie keineswegs automatisch neuer wirtschaftlicher Dynamik, sondern womöglich wird auch das Fundament für eine langfristige, nachhaltige Personal- und Wachstumsstrategie beschädigt.

Für die Untersuchung hat das Meinungsforschungsinstitut YouGov über 1.000 Beschäftigte sowie über 330 Unternehmensentscheider:innen zu diesem Thema befragt. 


AI Pressure:

Wenn Künstliche Intelligenz zur mentalen Belastung wird

Person, gezeichnet, sitzt gebeugt und resigniert vor Blöcken, braun und beigefarben
© Steve A Johnson – Unsplash



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