Human Resources
73,5-Stunden-Woche: Das Ende normaler Arbeitszeit?

73,5-Stunden-Woche: Das Ende normaler Arbeitszeit?

Selina Beck | 13.05.26

Die Bundesregierung will den Acht-Stunden-Tag aus dem Arbeitszeitgesetz streichen. Damit ist rechtlich eine 73,5-Stunden-Woche möglich, warnen Expert:innen. Wer profitiert?

Erst vor Kurzem zeigte eine repräsentative Telefon- und Online-Befragung von infratest dimap im Auftrag des WDR für die ARD, dass die Mehrheit der Arbeitnehmer:innen in Deutschland längere Arbeitszeiten zur Sicherung des Wohlstandes ablehnt. 63 Prozent der Befragten lehnten die Prämisse der Aussage „Wir müssen endlich wieder mehr arbeiten, um unseren Wohlstand in Deutschland zu sichern“ ab.

Dennoch plant die Bundesregierung im Juni eine Reform des Arbeitszeitgesetzes. Diese sorgt bereits jetzt für Diskussionen, denn der Acht-Stunden-Arbeitstag soll aus dem Gesetz gestrichen werden. Dadurch kann es laut Arbeitsrechtsexpert:innen sogar zu einer 73,5-Arbeitsstunden-Woche im Extremfall kommen – mit einem Arbeitstag von bis zu zwölf Stunden und 15 Minuten.

Arbeitszeit wird künftig elektronisch erfasst

Bisher sind laut Arbeitszeitgesetz acht Arbeitsstunden pro Tag möglich, in Ausnahmefällen zehn, wenn es bei einem Halbjahresdurchschnitt von acht bleibt. Mit der Reform soll die Tagesregel wegfallen, sodass nur noch eine wöchentliche Höchstarbeitszeit gilt. Zugleich soll die elektronische Arbeitszeiterfassung eingeführt werden, kündigte Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) an. Sie wolle besonders Branchen schützen, in denen keine Mitbestimmung vorhanden sei, wie etwa bei Paketdiensten.

Studien zeigen immer wieder, dass viele Arbeitnehmer:innen in Deutschland (unbezahlte) Überstunden leisten. Laut Zahlen des Statistischen Bundesamtes haben 2024 rund 4,4 Millionen Beschäftigte regelmäßig mehr gearbeitet, als es vertraglich festgelegt war. Das waren etwa elf Prozent der insgesamt 39,1 Millionen abhängigen Angestellten.

Gewerkschaften wehren sich heftig gegen den Vorschlag

Bas widersprach dem Vorwurf, dass es bei der Reform um längere Arbeitszeiten für Arbeitnehmer:innen gehen würde. Die Reform solle bessere Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie schaffen. Ob Beschäftigte davon aber tatsächlich profitieren können, bleibt offen.

Arbeitsrechtler:innen von der Hans-Böckler-Stiftung haben die Auswirkungen der Reform berechnet und warnen vor der Reform. Laut ihnen kann nach Abzug der Mindestruhezeit (elf Stunden) sowie 45 Minuten Pause eine tägliche Arbeitszeit von zwölf Stunden und 15 Minuten realistisch sein. Das würde im extremsten Fall zu einer 73,5-Stunden-Woche statt 48-Stunden-Woche (wie bisher im Gesetz verankert) führen.

Der Vorschlag schockiert viele Beschäftigte und Gewerkschaften. So warnte die Chefin des Deutschen Gewerkschaftsbunds, Yasmin Fahimi, gegenüber der Süddeutschen Zeitung vor der Reform:

Ich kann davon nur abraten. Beschäftigte könnten gezwungen werden, an einzelnen Tagen länger zu arbeiten. Sie hätten kaum eine Möglichkeit, sich einer Arbeitsanweisung von bis zu 13 Stunden zu widersetzen.

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Aus für Vier-Tage-Woche?

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz warnt bereits ab 40 Wochenstunden vor mehr Arbeitsunfällen und erhöhten Risiken für Erkrankungen des Herzkreislaufsystems. Auch die Frage nach der Vereinbarung von Care-, Pflege- und Erwerbsarbeit sowie ehrenamtlichem Engagement bleibt für viele Beschäftigte offen.

Noch vor zwei Jahren gab es Diskussionen um eine Vier-Tage-Woche und damit eine 32-Stunden-Woche: Damals zeigte eine Umfrage von Jooble, dass 75,4 Prozent der Befragten die Einführung einer Vier-Tage-Woche in den kommenden fünf Jahren für sehr realistisch hielten. 

In anderen EU-Ländern gibt es ebenfalls Schritte in die andere Richtung: So etabliert sich in den Niederlanden schrittweise die Vier-Tage-Woche. Auch andere Länder wie Island, Großbritannien, Spanien und Portugal testen Modelle der Arbeitszeitverkürzung.

Beschlossen wurde die Reform bisher noch nicht. Es bleibt abzuwarten, ob die Proteste noch zu einer Änderung des Reformvorschlags führen werden. Unklar ist derweil ebenso, ob eine Möglichkeit, Beschäftige pro Woche länger arbeiten zu lassen, von Unternehmen genutzt würde und ob diese bereit wären, die Mehrkosten durch die Mehrbeschäftigung zu tragen. Die Regierung erhofft sich womöglich auch Zugewinne für die Wirtschaftsleistung. Viele Beschäftigte lehnen zwar eine grundsätzliche Mehrarbeit für die Wohlstandssicherung ab; dennoch dürften einige auch aufgrund der wirtschaftlich angespannten Lage nicht dagegen sein, mehr Stunden zu arbeiten, sofern sich das letztlich finanziell für sie auszahlt. Dieser Faktor muss aber noch konkret von den einzelnen Beteiligten


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