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Facebooks Ende-zu-Ende-Verschlüsselung: Ebnet sie Kindesmissbrauch den Weg?
© NeONBRAND - Unsplash

Facebooks Ende-zu-Ende-Verschlüsselung: Ebnet sie Kindesmissbrauch den Weg?

Aniko Milz | 06.02.20

Die plattformübergreifende Einführung der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung wird besonders von Kinderrechtsorganisationen kritisiert. Illegale Gruppen könnten so unüberwacht weiter wachsen und Inhalte teilen.

Erneut muss sich der Facebook-Konzern starken Vorwürfen stellen. Die von CEO Mark Zuckerberg angekündigte Verbindung der Chats der verschiedenen Plattformen (WhatsApp, Facebook und Instagram) soll mit einer allumfassenden Ende-zu-Ende-Verschlüsselung einhergehen. Jedoch könnte diese dazu führen, dass zum Beispiel Kindesmissbrauch unentdeckt bleibt. In einem Brief spricht die National Society for the Prevention of Cruelty to Children (NSPCC) sich jetzt deutlich gegen Zuckerbergs Verschlüsselungspläne aus.

Ende-zu-Ende-Verschlüsselung bei WhatsApp sorgte bereits für Untersuchungen

Bereits bei der Einführung der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung bei WhatsApp 2016 kristallisierten sich schnell Probleme heraus. Ein Bericht deckte auf, wie WhatsApp-Gruppen mit kinderpornographischen Inhalten entstanden und von der Plattform unentdeckt blieben, schließlich waren ihre Nachrichten verschlüsselt. WhatsApp erklärt dies in den eigenen FAQs folgendermaßen:

Durch die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung sind deine Nachrichten, Fotos, Videos, Sprachnachrichten, Dokumente, Statusmeldungen und Anrufe geschützt, sodass sie nicht in die falschen Hände fallen. […] Die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung von WhatsApp stellt sicher, dass nur du und die Person, mit der du kommunizierst, lesen kann, was gesendet wurde – und niemand dazwischen, nicht einmal WhatsApp. 

Grundsätzlich soll eine Verschlüsselung der Privatsphäre der Nutzer dienen, was User durchaus willkommen heißen können. Jedoch müssen zunächst andere Mechanismen gefunden werden, die sicherstellen, dass illegale Inhalte und die Personen, die diese teilen, strafrechtlich verfolgt werden können. Denn wenn nicht einmal die Plattform selbst auf die Nachricht zugreifen kann, eröffnet das den Menschen, die illegale Inhalte über soziale Medien teilen, große Freiräume. Auch in dem Brief, den laut BBC mehr als 100 Organisationen unterzeichnet haben, wird die Entwicklung von „sufficient safeguards“ gefordert, ehe Facebook alle Messenger verschlüsselt. Der Brief kritisiert stark, dass das Kindeswohl niemals an zweiter Stelle nach kommerziellen oder designtechnischen Entscheidungen stehen sollte.

Facebook reagiert auf die Vorwürfe

Wie von der BBC berichtet, reagierte David Miles, Head of Safety in Europa von Facebook, auf den Brief. In seinem Statement gibt er an, dass im Prozess der Implementierung der Verschlüsselung eng mit Kindessicherheits-Experten zusammengearbeitet werde:

We have led the industry in safeguarding children from exploitation and we are bringing this same commitment and leadership to our work on encryption.[…] Over the last few years, we’ve tripled the size of our safety and security team and now have more than 35,000 people working to protect the people using our platforms.

In der Vergangenheit hat Facebook tatsächlich dazu beigetragen, viele Fälle von Kindesmissbrauch aufzudecken und an die zuständigen Behörden zu melden. Jedoch, so fürchtet unter anderem das US-amerikanische Center for Missing and Exploited Childen (NCMEC), könnten durch die Verschlüsselung etwa 70 Prozent dieser Fälle nicht mehr aufgedeckt werden.

In der ethischen Zwickmühle

Noch immer fehlen einige Regelungen und Gesetze, die unser Verhalten online regulieren. Zumal meist unklar ist, wer die Verantwortung trägt. Facebook möchte mit der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung die Privatsphäre seiner Nutzer schützen. Hacker sollen so keine Chance mehr haben, auf Nachrichten zuzugreifen und auch Phishing und Cyberstalking soll die Verschlüsselung unterbinden. Gleichzeitig würde dies für Facebook einen Weg aus der Verantwortung bedeuten. Das Unternehmen könnte für das, was in den Messengern passiert, die Verantwortung von sich weisen, schließlich können sie selbst die Aktivitäten der Mitglieder nicht kontrollieren. Auch in dem Brief wird ein willentliches Weggucken unterstellt:

At a time when we could be looking to build upon years of sophisticated initiatives, Facebook instead seems inclined to blindfold itself.

Neue Encryption-Technologien könnten Sicherheit garantieren

So oder so, der Konzern scheint es gerade nicht richtig machen zu können. Es bleibt abzuwarten, wie mit dem starken Gegenwind, der derzeit von allen Kinderschutz-Organisationen kommt, umgegangen wird. Technologien, um den Schutz von Kindern oder anderen Missbrauchsopfern zu gewährleisten, existieren bereits. Laut Miles investiert Facebook auch stark in diese:

We are also continuing to invest billions in safety, including artificial intelligence technology to proactively find and remove harmful content.

Eine denkbare Möglichkeit wäre laut Hany Farid, einem Analyseexperten für digitale Bilder, die Anwendung eines bestimmten Algorithmus. Dieser kann auch verschlüsselte Bilder analysieren und nach schädlichem Content durchsuchen. Auf diese Weise würden verschickte Bilder mit bereits bekannten Bildern von Kindesmissbrauch verglichen werden. Die Fotos, die einen anderen Inhalt zeigen, blieben weiterhin verschlüsselt. Eine zweite denkbare Möglichkeit zeigt sich im Einbau dieser Bildersuche, bevor die Bilder auf den Unternehmensserver hochladen. Somit würden alle Bilder vor dem Senden gecheckt und die Informationen gemeinsam mit den verschlüsselten Bildern mitgeschickt. Auf dem Unternehmensserver könnten diese dann wieder mit bereits bekannten Inhalten abgeglichen werden. Sofern es sich nicht um schädliche Inhalte handelt, wäre auch auf diese Weise sichergestellt, dass harmlose Bilder nicht offengelegt werden.

Obwohl Bildmaterial einen großen Teil dieser Gruppen ausmachen, müssten ebenso Technologien gefunden werden, die schriftliche Nachrichten abgleichen. Auch hier stellt sich die Frage, an welcher Stelle der Übertragung dies geschehen könnte, ohne den kompletten Inhalt offenzulegen. Selbst wenn Bilder und Nachrichten mit bekannten Inhalten abgeglichen werden, bleibt weiterhin das Problem, dass neue, unbekannte Inhalte verschlüsselt bleiben, da sie mit keinen anderen Inhalten übereinstimmen. Für dieses Problem fehlt noch eine Lösung.

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