Mobile Marketing

Wie wir Mobile Payment aus dem Tal der Enttäuschungen holen

Mobile Payment kommt in Deutschland noch nicht in die Gänge – oder um es mit Gartners Hype-Zyklus zu sagen: es steckt im Tal der Enttäuschungen fest.

© t.paisit | Adobe Stock

Im Gegensatz zu Deutschland rollt in Dänemark schon der mobile Rubel: Dort freuen sich die Unternehmen aktuell über ein mobiles Transaktionsvolumen von über 13.000 Euro pro Minute. André Boeder, Geschäftsführer von Paymorrow, erklärt, wie auch wir die mobile Zahlart hierzulande aus dem Tal herausholen und endlich vorantreiben können.

Die Verbreitung mobiler Endgeräte steigt zusehends: So nutzen laut einer Bitkom-Studie bereits 78 Prozent der Deutschen ein Smartphone. Kein Wunder – schließlich vereinfachen die schlauen Alleskönner unser Leben in den verschiedensten Bereichen. Ob bei der Navigation zum Lieblingsitaliener, beim Reservieren des Tisches via Online-Reservierung oder bequem zuhause beim Bestellen der Pizza mittels Applikation – das Smartphone ist der ideale Partner für den modernen Konsumenten. Entsprechend überschlugen sich vor fünf Jahren auch die Unternehmensberater, wenn es um den nächsten Schritt der mobilen Customer Journey ging: das Mobile Payment. Jahr für Jahr wurden die Umsatzprognosen nach oben geschraubt – immer stand der Durchbruch unmittelbar bevor. Die Folge: Zahlreiche Unkenrufe vom Ende des Bargelds oder sogar des Geldbeutels, inklusive seiner Kreditkartensammlung, wurden laut. Startups für mobile Bezahllösungen schossen wie Pilze aus dem Boden und tatsächlich fingen die ersten Kunden an, mobil zu bezahlen. Schon wurde Mobile Payment hierzulande als DAS neue Zahlsystem ausgerufen. Die Thematik war – um es mit Gartners Hype-Zyklus zu sagen – eindeutig am Scheitelpunkt der überzogenen Erwartungen angekommen. Aber wie es im Leben eben so ist: Wer zu viel erwartet, wird häufig enttäuscht.

Der schnelle Weg nach unten

Mobile Payment steckt in Deutschland noch im Tal der Enttäuschungen fest.

Und so kann der Weg vom Gipfel der überzogenen Erwartungen hinein in die Realität ziemlich steil sein – und manchmal ist man schneller unten, als einem lieb ist. So geschehen auch mit mPayment in Deutschland. Denn in diesem Tal der Enttäuschungen steckt das mobile Bezahlen gerade fest – der Status quo ist: Deutschland will einfach immer noch nicht mobil bezahlen. Dabei prognostizierten Experten, dass der weltweite Mobile Payment Markt im Jahr 2017 über 450 Millionen Nutzer und einem Transaktionswert von mehr als 721 Milliarden Dollar haben wird. Hierzulande merkt man davon bislang aber noch wenig. Eine aktuelle Deloitte-Studie legt offen: Nur vier Prozent der Deutschen bezahlen aktuell mit dem Smartphone. Aber woran liegt das? Thesen dafür gibt es eine Menge: Mal sind die deutschen Käufer nicht innovationsfreudig genug und haben Angst vor der Datenkrake, mal sind die technischen Standards schlicht nicht ausreichend und mal liegt es eben an den fehlenden Service-Terminals vor Ort. Ein Teufelskreis. Wenn nur wenige Händler Mobile Payment anbieten, bleibt es für die Nutzer eher uninteressant, Händler wiederum warten bei geringen Nutzerzahlen hingegen lieber auf den großen Durchbruch. Drohen wir den Anschluss zu verlieren? Andere Nationen bezahlen nämlich bereits fleißig mobil, dort ist mPayment auf dem besten Weg, das Plateau der Produktivität zu erreichen. Es lohnt der Blick nach Amerika: Im Land der unbegrenzten (Bezahl)-Möglichkeiten war der Sprung zur virtuellen Geldbörse Smartphone für die Kredit- und Debitkarten-liebenden Käufer kein weiter mehr, in diesem Jahr sollen sogar 24 Prozent der Amerikaner mobil bezahlen. Bei unseren Nachbarn aus Dänemark greift schon jetzt jeder Dritte beim Bezahlen zum Smartphone. Technisch umgesetzt wird das Bezahlverfahren in Dänemark durch die Danske Bank – sie setzt als Schnittstelle auf Bluetooth Low Energy (BLE) statt auf das in Deutschland propagierte NFC (Near Field Communication). Haben wir in Deutschland also einfach aufs falsche Pferd gesetzt?

Gefangen im Tal der Enttäuschungen

Es ist immer einfach, das Argument vorzuschieben, Deutsche würden sich mit technischen Innovationen – vor allem beim Bezahlen – traditionell schwertun. Aber auch unsere dänischen Nachbarn sind nicht unbedingt für ihre Begeisterung gegenüber neuen Sachen bekannt. Für mich liegt eine mögliche Begründung daher in der Technik: NFC ist ein Hype-Thema. Ob es sich als Standard etabliert, ist aus meiner Sicht offen. Mit iOS 11 kommt gerade eine neue Dynamik ins Thema. Denn: erstmals öffnet Apple seine NFC-Schnittstelle auch für Drittanbieter. Im ersten Schritt ist die Lesefunktion für NFC Tags freigegeben. Zwar ist das Secure Element, wie es bspw. für EMV Zahlungen über NFC notwendig wäre, aktuell noch nicht freigegeben, aber ein Einsatz für Mobile Payment wäre zukünftig prinzipiell denkbar. Bisher waren die Apple-Jünger beim Zahlen per NFC ausgeschlossen. Aber auch bei Android gibt es Probleme, denn aufgrund der vielen unterschiedlichen Android-Geräte im Markt ist NFC nicht stabil genug. Wie schwierig der flächendeckende Launch von NFC hierzulande ist, zeigen erste Pilotprojekte. Schon 2015 schlossen sich beispielsweise Handelspartner aus Berlin und Mobilfunkanbieter zur Initiative „Zahl einfach mobil“ zusammen, 750 Händler unterstützten den Versuch, mPayment in Berlin voranzutreiben und belohnten Erstkunden mit 10€-Gutscheinen. Aber der Hype um das Pilotprojekt ist merklich abgeflaut. Ähnlicher Fall: Die „Bargeldlos bezahlen“-Initiative von Aldi Nord. Ergo: NFC wird uns kurzfristig nicht dabei helfen, mPayment salonfähig zu machen.

Hinzu kommt: Apple – sonst weltweit nicht zimperlich im Durchsetzen eigener Standards – hat hierzulande wohl ein echtes Problem mit den Banken: zu heterogen, zu viele, zu kleinteilig. Und obwohl sich der Technik-Gigant mit dem Thema mPayment gerne in die deutschen Schlagzeilen bringt – beispielsweise als Deutschland im November 2016 kurzzeitig in der Karte der möglichen Rollout-Ziele von Apple Pay auftauchte –, ist eine Einführung des Systems hierzulande nach wie vor ungewiss.

Wandeln auf dem Pfad der Erleuchtung

Aber nicht nur die großen Technik-Konzerne versuchen sich eine Position im Mobile Payment-Business zu erkämpfen, sondern auch zunehmend große Handelsunternehmen. Gemeint sind hier Einzelhandelsketten, die sich von den großen Tech-Playern lossagen und sich eigene Lösungen schaffen – und das mit der Hilfe von Drittanbietern. Diese Lösungen funktionieren wie folgt: Ihre Apps greifen auf ein hinterlegtes Bezahlsystem zurück und ermöglichen nach einer einmaligen Registrierung das mobile Bezahlen. Der Nachteil dieser Bezahl-Systeme: Mit der einen App können Konsumenten in der Regel nicht zu anderen Händlern gehen. So benötigt jede dieser Lösungen eine separate App – es sei denn, die Marken gehören derselben Gruppe an, wie es beispielsweise bei Netto und der EDEKA der Fall ist. Aus Angst vor der Konkurrenz wollen das manche Händler auch so. Der Vergleich zum mit Kundenkarten vollgestopften Portemonnaie drängt sich anhand der zahlreichen Apps und Registrierungsverfahren regelrecht auf – und ja, Verbraucherfreundlichkeit sieht anders aus. Aber dennoch liegt genau in diesen Einzelkämpfern wie der EDEKA-Gruppe DIE Chance für die gesamte Branche, sich aus dem Tal der Enttäuschungen herauszuziehen und auf den Weg zum Plateau der Produktivität zu machen. Mit ihren Bezahllösungen helfen sie in kleinen Schritten bei der Verbreitung mobiler Bezahllösungen und fördern die Akzeptanz des Smartphones als Geldbörse. Denn: Können die einzelnen Anbieter Käufer für mPayment gewinnen, steigt der Druck auf die Payment und Technologie-Anbieter, endlich eine einheitliche Lösung zu finden.

Aufwärts, Richtung Plateau der Produktivität, bitte!

Mit ihren stabil laufenden Closed-Loop-Lösungen gehen PAYBACK, EDEKA, Netto und Co. schon mit gutem Vorbild voran. Bei den Nutzern sinkt dank der Bonussysteme und zahlreichen Incentives zudem die Hemmschwelle zum mobilen Bezahlen. Nichtsdestotrotz ist es noch ein langer Weg. Dass er sich trotzdem lohnt, zeigt ein Blick nach Dänemark: Dort werden laut Payment-Anbieter MobilePay pro Minute durchschnittlich 13.446 Euro über mPayment transferiert. Um das Plateau der Produktivität auch hierzulande zu erreichen, bräuchte es also ein branchenübergreifendes Commitment: Alle Beteiligten – Händler, Dienstleister und Banken – müssen bereit sein, sich zu einer gemeinsamen, offenen Lösung zusammenzutun. Einzelne Händler zeigen mit ihren Closed-Loop-Systemen, dass es der Verbraucher dankend annimmt. Wir brauchen eine einheitliche, stabile und flächendeckende Lösung, um mobiles Bezahlen endlich aus dem Tal der Enttäuschungen zu ziehen und stark zu machen. Nicht nur Dänemark zeigt, dass es geht!

Über André Boeder

paymorrow.de/

André Boeder ist Inhaber und Geschäftsführer der Paymorrow GmbH in Hamburg. Zuvor war er neun Jahre lang Geschäftsführer des E-Payment-Anbieters ExperCash. Im Online-Handel ist Boeder bereits seit 2000 tätig. Paymorrow zählt im deutschsprachigen Raum zu den führenden Anbietern von Zahlungslösungen im Internet und ist spezialisiert auf die Bezahlformen Rechnungskauf und SEPA-Lastschriftverfahren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.