Politik

Unbewusstes Mithören: Bug macht Apples FaceTime zur Wanze

Bei Apples FaceTime liegt derzeit ein Fehler vor, der erlaubt, bei Angerufenen mitzuhören – oder sie sogar zu sehen, selbst wenn diese nicht abnehmen.

Screenshot YouTube, © Apple

Das Szenario wird viele Nutzer an ihre Bedenken gegenüber Apps zur Kommunikation erinnern: Apples FaceTime weist einen Bug auf, der Anrufer quasi unfreiwillig zum Spion macht. Auch wenn der Nutzer nicht abnimmt, können Stimmen und Geräusche über das Mikrofon mitgehört werden. In Einzelfällen wurden vor dem Abnehmen sogar Videosequenzen des Nutzers sichtbar. Während Apple nun auch mit Privatsphärenproblemen zu kämpfen hat, bleibt für User die Frage: Kann Apple mithören?

Bug bei Apple: FaceTime wird zum Datensender

Der Fehler bei der App wurde von 9to5Mac dargestellt. Demnach beginnt ein Gruppengespräch bei FaceTime auch dann, wenn der zugefügte Nutzer gar nicht abgenommen hat. Das User Interface zeigt an, der andere Nutzer sei ins Gespräch eingestiegen, während der Anruf bei ihm noch eingehend ist.

FaceTime User Interface, Smartphone Screen

UI bei FaceTime, Quelle: 9to5Mac

Bleibt der Anruf aktiv, kann der Initiator Stimmen und Geräusche des Angerufenen hören. Dabei könnte die andere Person davon nichts mitbekommen haben. Zum Zeitpunkt des Auftretens des Fehlers hätte es bei jedem über FaceTime eingehenden Anruf sein können, dass der Anrufer bereits mithören kann – was eine verstörende Vorstellung ist. Apple hat die Gruppengespräche bei der App jedoch inzwischen ausgesetzt, um dem Fehler beizukommen. Insgesamt soll dieser in einem kommenden Software Update diese Woche behoben werden. Für Nutzer war die einzige Alternative bis hierhin, die App komplett zu deaktivieren, wollten sie sich keiner unfreiwilligen Weitergabe privater Gespräche etc. aussetzen.

Auch Videos können unbewusst übertragen werden

Wird während des Anrufs der Power Button auf dem Sperrbildschirm gedrückt, kann ein Video vom Nutzer ebenfalls an den Anrufer gesendet werden, ohne dass die betroffene Person es wahrnimmt. In einem von 9to5Mac getesteten Fall konnte der Angerufene zwar die Stimme des Anrufers hören, war sich aber nicht im Klaren darüber, dass er seine Stimme und Videoaufnahmen von sich an diese übermittelte. Sam Levin und Julia Carrie Wong vom Guardian testeten den Bug ebenfalls.

Sie bestätigten die Möglichkeiten des Lauschens und Beobachtens in der App. Bis zum Software Update raten auch sie zur Deaktivierung derselben.

Obwohl das Problem nun also schnell behoben wird, bedeutet dessen Bekanntwerden für Apple ein Problem. Das Unternehmen hatte sich in Zeiten starker Kritik an Tech-Unternehmen, die die Privatsphäre ihrer Nutzer nicht umfassend zu schützen wussten, der Sicherheit der eigenen Dienste gerühmt. Jetzt zeigt sich, dass auch bei diesen eine Datenweitergabe möglich ist. Dabei sind die potentiell übermittelten Momente durchaus sensibel. Zwar handelt es sich um ein technisches Problem, doch das wird die Nutzer nicht davon abhalten, künftig Zweifel bei der FaceTime-Nutzung zu hegen. Kann ein Anrufer nicht doch mithören?

Eine andere Frage, die für Apple zum Problem werden könnte, betrifft die Integrität des Unternehmens. Denn viele Menschen fürchten, ob bei Echo- oder Google Home-Geräten, beim Smartphone mit seinen Apps wie Facebook – oder nun eben FaceTime –, dass Hersteller oder Anbieter zumindest technisch in der Lage sind, mitzuhören. Und dass diese Möglichkeit ganz real besteht, zeigt der Bug bei Apples App. Für alle großen Tech-Unternehmen wird es in Zukunft wohl deutlich schwerer, Nutzer davon zu überzeugen, dass ihre Daten und ihre Privatsphäre sicher sind. Diese Vorstellung dürfte ohnehin illusorisch sein. Eine gesunde Skepsis ist, nicht nur in Anbetracht der Vorfälle, durchaus angebracht.

Derzeit gilt es FaceTime zu deaktivieren – aber die Untiefen der Technologie bergen mit Sicherheit weitere potentielle Abhörmechanismen. Der Zwiespalt zwischen Service und Sicherheit wird zusehends zum Diskurs, ja zum Politikum.

Über Niklas Lewanczik

Niklas Lewanczik

Niklas hat an der Uni Hamburg Deutsche Sprache und Literatur sowie Medien- und Kommunikationswissenschaften studiert und schreibt als Redakteur über Social Media, SEO und innovative Themen im Kontext des digitalen Marketing. Wenn er sich nicht gerade dem Marketing zuwendet, dann womöglich den Entwicklungen im modernen Fußball oder dem einen oder anderen guten Buch.

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