Suchmaschinenmarketing

Googles Rückkehr nach China? Zensierte Version geplant

Berichten zufolge möchte Google wieder in China operieren, allerdings mit Einschränkungen. China dementiert, aber Google möchte den Markt nicht aufgeben.

Kommt Google wieder nach China?, © chuttersnap - Unsplash

Seit acht Jahren kann Google in China zumeist nicht mehr legal genutzt werden. Die Zensur der Dienste war für das Unternehmen kaum tragbar. Doch jetzt soll Google laut Medienberichten bereit sein für den chinesischen Markt eine zensierte App-Version Googles bereitzustellen. Diese würde etwa Suchanfragen zu Menschenrechten oder der Demokratie blockieren, heißt es. Unterdessen hat Chinas Regierung diese Pläne wohl bestritten. Allerdings wäre für Google selbst eine eingeschränkte Version der Suchmaschine in China effektiv. Ist das jedoch noch mit Googles Ausrichtung vereinbar?

Eine Version von Google, die dem Unternehmensgeist widerspricht?

Google hat Medienberichten zufolge seine Einstellung zur chinesischen Netzpolitik geändert. Denn Ryan Gallagher berichtet bei The Intercept von Dokumenten, als „Google confidential“ markiert, welche ein Projekt namens Dragonfly beschreiben. Dieses soll seit Frühjahr 2017 in der Entwicklung sein und durch ein Treffen zwischen einem chinesischen Regierungsmitglied und Googles CEO Sundar Pichai intensiviert worden sein. Nach den Dokumenten sieht das Projekt eine App von Google für China vor, die bestimmte Seiten sowie Suchanfragen zensiert. Damit würde der chinesischen Regierung diese Zensur von vornherein abgenommen.

Weiter heißt es bei The Intercept, dass Versionen dieser App bereits der Regierung zum Test offenbart wurden. Sofern die Offiziellen sie absegnen sollten, wäre Google in der Lage innerhalb der nächsten sechs bis neun Monate die finale App zu veröffentlichen. Sollte es dazu kommen, wäre Google nach acht Jahren Abstinenz wieder auf dem chinesischen Digitalmarkt nutzbar; allerdings in einer sehr fragwürdigen Art und Weise. Denn Inhalte, die nach dem Zensurgesetz Chinas als unpassend eingestuft werden, dürften den Nutzern so weiterhin nicht zugänglich sein. Wenn also Suchanfragen zu Menschenrechten, Demokratie, Religion oder friedlichem Protest per se zensiert werden, verstößt das doch gegen Googles Grundsätze. Immerhin stellt das Unternehmen bei seinen zehn Grundsätzen deutlich demokratische Muster vor. Darunter fallen beispielsweise:

  • 8. Informationen werden über alle Grenzen hinweg benötigt.

  • Selbst wenn Sie nicht genau wissen, wonach Sie suchen: Unsere Aufgabe ist es, im Internet eine Antwort zu finden. Wir versuchen, Bedürfnisse unserer Nutzer weltweit zu erkennen, bevor diese explizit ausgesprochen sind, und diesen Bedürfnissen dann mit Produkten und Diensten gerecht zu werden, die immer wieder neue Maßstäbe setzen.

  • Unsere Nutzer vertrauen auf die Objektivität von Google, und kein kurzfristiger Nutzen könnte es jemals rechtfertigen, dieses Vertrauen zu brechen.

Eine fragwürdige Praktik

Womöglich ist ein Grundsatz eines so mächtigen und einflussreichen Tech-Unternehmens von noch größerem Gewicht: einen riesigen wirtschaftlichen Markt nicht aufgrund moralischer Bedenken preiszugeben. Diese Haltung ist aus ökonomischer Perspektive legitim. Auch Apple ist in China mit ihrer iCloud aktiv, wobei die Daten der chinesischen Staatsbürger inzwischen indirekt durch die Regierung verwaltet werden.

Unternehmen tun natürlich gut daran, einen Markt mit hunderten Millionen potentiellen Nutzern nicht leichthin abzuschenken; das täte der finanziellen Entwicklung nicht gut und wäre wohl ebenso mit Blick in die Zukunft zumindest ein Stück weit nachlässig. Denn China wird den Tech-Sektor weiterhin mitgestalten. Dennoch werden gewisse moralische Bedenken ausgeblendet, sollte eine zensierte Google App tatsächlich auf den Markt kommen. So werden in China Anfragen zu sexueller Orientierung, zu politischer Opposition, freier Rede, bestimmten akademischen Studien und natürlich zum Massaker vom Tiananmen-Platz 1989 grundsätzlich blockiert. Instagram, Facebook und Co. werden ebenso wie manche Publisher wie die New York Times gründlich zensiert. Somit werden demokratische Werte dort nicht nur klein gehalten, sondern geradezu negiert. Diese Praktik würde Google aktiv fördern, denn ihre geplante App-Version der Suchmaschine soll automatisch entsprechend der chinesischen Vorgaben Websites und Suchanfragen filtern und blockieren. „Some results may have been removed due to statutory requirements“, würde dem Nutzer dann angezeigt; wobei ihm eigentlich zentrale Informationsquellen vorenthalten würden, etwa die Seite der BBC oder Wikipedia.

Bedenken von Insidern, China dementiert

Ein Googlesprecher hatte gegenüber der dpa geäußert:

Zu Spekulationen äußern wir uns nicht.

Davon berichtet die Tagesschau. Allerdings zitiert The Intercept eine ungenannte Quelle, die Wissen über das Projekt Dragonfly hat und Bedenken äußert.

I’m against large companies and governments collaborating in the oppression of their people, and feel like transparency around what’s being done is in the public interest.

Amnesty International nennt den Plan ein „Disaster für das Informationszeitalter“. Man befürchtet nun auf Seiten der Menschenrechtsorganisationen und Transparenzbefürwortenden, dass eine zensierte Google-Version ein gefährlicher Präzedenzfall werden könnte. Ob Google neben der App auch eine Desktop-Version der zensierten Suchmaschine plant, ist ungewiss.

Nach Angaben von Reuters ist jedoch gar nicht klar, ob es überhaupt zu einer Rückkehr Googles nach China kommt. Denn nach Quellen der staatsgeführten Securities Times aus China hätten die entscheidenden Abteilungen der Regierung die Berichte über Googles Pläne als unwahr bezeichnet. Gegenüber Reuters hat ein Googlemitarbeiter wiederum bestätigt, dass das Projekt weiterhin aktiv sei. Doch worin liegt der Wandel in Googles Herangehensweise zum chinesischen Markt begründet? Vielleicht spielt es eine Rolle, dass viele Menschen in China ohnehin auf Google zugreifen, illegal und über private Netzwerke. Daher könnte Googles neue App diesen Nutzern die Option liefern, für einen Gutteil ihrer Suche eine offizielle Suchmaschine zu bemühen. Trotzdem sind viele User in China von einer solch zensierten Version nicht überzeugt.

Sollte Google seine Pläne künftig tatsächlich verwirklichen, würde das das wirtschaftliche Wachstum ohne Frage noch weiter ankurbeln. Aber ethische und moralische Grundsätze kann ein Unternehmen, das aktiv und strukturell diktatorische Propaganda stützt und gutheißt, dann keineswegs für sich beanspruchen. Manchmal sollten die Überzeugungen mehr wiegen; Googles potentieller Kniefall vor China zeigt aber auch, wie groß der Einfluss der Nation auf den digitalen Weltmarkt ist.

Über Niklas Lewanczik

Niklas Lewanczik

Niklas hat an der Uni Hamburg Deutsche Sprache und Literatur sowie Medien- und Kommunikationswissenschaften studiert und schreibt als Redakteur über Social Media, SEO und innovative Themen im Kontext des digitalen Marketing. Wenn er sich nicht gerade dem Marketing zuwendet, dann womöglich den Entwicklungen im modernen Fußball oder dem einen oder anderen guten Buch.

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