Social Media Marketing

Der Fall Cambridge Analytica: Facebooks Probleme wachsen schneller, als Lösungsansätze gefunden werden

Seit dem Wochenende dürfte bei Facebook nichts mehr sein, wie es war. Der Fall Cambridge Analytica sorgt für unruhige Fahrwasser beim weltgrößten Social Network.

Alexander Nix, CEO von Cambridge Analytica, bot einem Undercover-Reporter Hilfe an, sich ungeliebter Politiker zu entledigen. © T. Bauer, OnlineMarketing.de

Facebook hat das Datenanalyse-Unternehmen Cambridge Analytica am Wochenende von der Plattform verbannt, nachdem die Firma unrechtmäßig erhaltene Userdaten entgegen ihrer Versprechungen nicht gelöscht habe. Seitdem steht auch Facebook im Kreuzfeuer. Zuckerberg selbst hat sich noch nicht geäußert.

Bei näherer Betrachtung: Alles seltsam!

Je länger man über den aktuellen Skandal und das Vorgehen Facebooks nachdenkt, desto seltsamer erscheint es Einem. Denn bereits seit zwei Jahren ist der Plattform bekannt, dass Daten von geschätzten 50 Millionen Nutzern in den unrechtmäßigen Besitz Cambridge Analyticas geraten sind. Eine einmalige Zusicherung, dass die Daten gelöscht wurden, nachdem Facebook der Weitergabe auf die Schliche kam, hat dem Netzwerk offenbar gelangt. Zwei Jahre lang hat man es im Hause Zuckerberg nicht für nötig gehalten, noch ein weiteres Mal nachzufragen – und das, wo das Netzwerk sich den Datenschutz und den Schutz der Privatsphäre doch in großen Lettern auf die Fahnen schreibt. „That to me was the most astonishing thing“, so der ehemalige Cambridge Analytica-Mitarbeiter Christopher Wylie gegenüber dem Guardian. So habe Facebook zwei Jahre lang abgewartet und nicht ein einziges Mal überprüft, ob die Daten tatsächlich vernichtet wurden. Alles, was von Wylie verlangt wurde, war ein Kreuz auf einem Formular zu machen, das eine Löschung der Daten bestätigte.

Der Vorfall schlägt seit dem Wochenende hohe Wellen. Nicht nur, dass die New York Times und der Guardian weitere Enthüllungen veröffentlicht haben, auch forderte eine parteiübergreifende Gruppe US-Senatoren Zuckerberg auf, darüber auszusagen, wie Cambridge Analytica an die Nutzerdaten gelangen konnte. Ehemalige Mitarbeiter der Federal Trade Commission, die an der Ausarbeitung einer Konsensvereinbarung aus dem Jahre 2011 mitgearbeitet haben, glauben, dass Facebook gegen diese verstoßen habe, was massive Geldstrafen nach sich ziehen könnte. Auch von den britischen Behörden kamen Ankündigungen, den Fall untersuchen zu wollen. Seither fiel die Facebook-Aktie um zehn Prozent gegenüber dem Allzeithoch vom 1. Februar.

Kein Statement trotz massiver Kritik

Der Datenmissbrauch seitens des Psychologie Professors und Cambridge Analytica hat weltweit für Aufruhr gesorgt und stellt Facebooks Sorgfalt im Umgang mit privaten Daten immer mehr infrage. Doch ist der prominenteste Fall bei weitem nicht die erste oder einzige Kritik, der sich das Netzwerk stellen muss. In seinem allabendlichen Newsletter fasst Casey Newton, Autor bei The Verge, allein die Ereignisse im März dieses Jahres zusammen:

Zusammengenommen zeichnen die Vorfälle, die sich allein auf den aktuellen Monat beschränken, das Bild von einer Plattform, deren Probleme schneller wachsen als Lösungsansätze gefunden werden. Anderthalb Jahre nach Trumps Wahlsieg sieht sich das Netzwerk noch immer einem dadurch ausgelösten politischen und gesellschaftlichen Diskurs gegenüber, dessen Schaden es kaum zu begrenzen weiß. Facebook hat im Fall Cambridge Analytica bisher jedenfalls auf ganzer Linie versagt. Zwar will das Unternehmen nun ein externes Team den Fall untersuchen lassen, doch haben britische Behörden die Unternehmung gestern vorerst gestoppt, um eigene Ermittlungen gegen hochrangige Mitarbeiter durchführen zu können. Das ist schon ein wenig ironisch: Da versucht Facebook einmal etwas gegen die Missstände zu unternehmen und wird daraufhin von der Regierung gestoppt.

Zwar haben weder Mark Zuckerberg noch Sheryl Sandberg, Chief Operating Officer bei Facebook, sich bisher öffentlich geäußert. Doch wurde heute morgen in der Facebook-Zentrale ein Meeting einberufen, bei dem Mitarbeiter ihre Fragen zu Cambridge Analytica stellen konnten.

Ansonsten ist Mark Zuckerberg um Erklärungen nur selten verlegen. Der Fall Cambridge Analytica scheint anders zu wiegen.

Cambridge Analytica CEO bietet zahlenden Kunden an, ungeliebte Politiker loszuwerden

Pikant sind auch am Montag dieser Woche veröffentlichte Details über den inzwischen suspendierten Cambridge Analyticas CEO Alexander Nix. Dieser bot einem Undercover-Reporter von Channel 4 News bei mehrfachen Treffen vor versteckter Kamera Hilfe dabei an, sich ungeliebter Politiker zu entledigen, indem diese in kompromittierende Situationen verwickelt werden. Das unmoralische Angebot ist allem Anschein nach gängige Praxis: Der Wahlberater Trumps gab dabei an, dass Schmiergelder und Prostituierte ein lohnender Einsatz für derartige Fälle wären. Ebenfalls spricht Nix in dem Video ganz offen mit seinen Gesprächspartnern über das erfolgreiche Eingreifen des Unternehmens in Wahlen weltweit.

In one exchange, when asked about digging up material on political opponents, Mr Nix said they could “send some girls around to the candidate’s house”, adding that Ukrainian girls “are very beautiful, I find that works very well”. – Channel 4

Die Zeit für eine Veränderung ist gekommen

One of the most important things we do is make sure our services aren’t just fun to use, but also good for people’s well-being and for society overall.

Der Fall schlägt jetzt schon so hohe Wellen wie selten in Facebooks Geschichte. Mark Zuckerberg und Co. werden gute Gründe haben, sich nicht unüberlegt öffentlich zu äußern. Die Nachlässigkeit in Sachen Datenmissbrauch war vielleicht der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Die Wucht der Gegenreaktionen und weiteren Enthüllungen ist massiv. Facebook verzeichnet 2,1 Milliarden aktive Nutzer – und damit über einen mächtigen Datensatz. Die Verantwortung ist groß, ein Versagen wie jetzt aufgedeckt, sollte in jedem Fall nicht konsequenzlos bleiben dürfen. Wenn Facebook wirklich etwas für das Wohlergehen der Mitglieder und der Gesellschaft tun will, wie im letzten Quartalsbericht behauptet, dann ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, das Ruder rumzureißen. Am Ende des Tages wird vermutlich alles bleiben, wie es ist. Denn diejenigen, die wirklich etwas bewirken könnten, sind die Werbetreibenden, die die Plattform mit ihren Facebook Budgets finanzieren.

Über Tina Bauer

Tina Bauer

Studierte Sozialwissenschaftlerin mit Hang zu Online und Marketing. Seit 2014 als Redakteurin & Content Managerin bei OnlineMarketing.de.

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