Technologie

Disruption zur Zukunft der Technologie? Futur/io im Interview

Wie sieht die Technologie der Zukunft aus? Wissen tut das niemand, doch Futur/io hat aufschlussreiche Vorstellungen.

© Samuel Zeller - Unsplash

Eine der spannendsten Fragen zum Thema Technologie ist, wie sie sich in der Zukunft entwickeln wird. Innovationen scheinen an jeder Ecke zu lauern, doch ist dies nicht die einzige Form der Neuerung, mit welcher man rechnen kann. Eine Disruption, das Neuerfinden einer bisher etablierten Technik, kann für genauso viel Umschwung sorgen. Doch von wem können wir diese Neuerungen erwarten? Von den USA oder China? Wie sieht es mit Europa als Tech-Standort aus? Letztere scheinen technisch doch recht konservativ, kann man hierbei innovative bis disruptive Ideen erwarten? Viele interessante Fragen, auf die Harald Neidhardt, Kurator des Futur/io Instituts uns nun Antworten gegeben hat, in einem Interview zum Thema.

Disruptives Denken fördert Innovation, schon immer. Heißt das aber nicht zunächst einmal: raus aus der eigenen Blase?

Wenn es um disruptive Innovationen geht, ist es wichtig, dass man eine Vorstellung davon entwickelt, was disruptiv sein wird in den nächsten Jahren. Wenn wir fünf Jahre vorausschauen, dann müssen wir nicht nur die technischen Entwicklungen, sondern auch geschäftliche, gesellschaftliche und nachhaltige Entwicklungen berücksichtigen. Raus aus der eigenen Blase ist nur der erste Schritt – ich denke, dass es viel mehr darauf ankommt, dass man sich cross-industriell aufstellt und nicht nur technisch, sondern auch mit neuen Geschäftsprozessen innovativ ist.

Ist eine Disruption in organisatorischen oder gar kommerziellen Kontexten in USA oder in Asien einfacher als im „traditionellen“ Europa, wo oft konservative Denkmuster vorherrschen?

Harald Neidhardt von Futur/io. © Dan Taylor

Wir haben in Europa alle Voraussetzungen, hier mit Grundlagenforschung und vernetzten Industrieinnovationen auch Disruptionen von globaler Bedeutung zu erfinden und zu erforschen. Was in den USA mit der ausgeprägten Venture Capital-Kultur jungen Unternehmen und Start-ups sprunghaft den Unicorn Status ermöglicht, ist in China durch die Initiative „Made in China 2025“ als langfristige Investitionsoffensive verankert. In Europa sind wir in einer kritischen Phase. Der deutsche Mittelstand und die Hidden Champions investieren zu langsam in digitale Innovationen und haben kaum ein lebendiges Ökosystem mit Startups oder eigenen Risikokapital vorzuweisen. Die EU plant ein großes Förderprogramm mit “Missionen”, die nicht spezifische Technologien, sondern eher über das Lösen von Herausforderungen aufgesetzt werden, und wo Technologie neutral ist. Hier entstehen neue Chancen, aber Frankreich zeigt mit seinem neuen fünf Milliarden Euro Tech Fund, dass Deutschland hier noch weit hinter den Möglichkeiten hinterherhinkt. Wir müssen Mut und Investitionen belohnen – dazu gehören auch Investitionen in Weiterbildung, Unternehmenskultur und neue Chancen in der Umwelttechnik.

Auf welcher Ebene muss zunächst ein Wandel stattfinden?

Wir erleben gerade, dass die Disruptionen nicht mehr nur in den klassischen “Internet-Branchen”, wie Medien oder Kommunikation durchgreifen, sondern schon länger auch in der Industrie durch IoT oder das Internet der Dinge. Jetzt kommt 5G, Wifi 6 oder Sensorik und insbesondere Künstliche Intelligenz, Nano Tech und BioTech dazu. Die Disruption greift in die größten Industrien und die Stützen des Mittelstandes: die Automobilbranche, Maschinenbau und die Baubranche.

Ich plädiere für “Moonshots für Europa”, wir brauchen eine mutigere Zukunftsvision für ein neues Europa und die nächsten Dekaden. Wir müssen uns die harten Fragen stellen: Wie wollen wir leben? Wie wollen wir unserem Nachwuchs und der nächsten Generation weiter eine Gesellschaft der Gerechtigkeit und Chancen hinterlassen? Wie können wir auch aus der Klima-Katastrophe einen Markt schaffen für neue grüne Innovationen, die wir auch weiter exportieren können?

Moonshots für Europa? Ein Weg, um Bürger in den Mittelpunkt zu stellen. © Futur/io

Erst wenn wir uns durch Antworten einen Kompass für 2030ff. gestellt haben, können wir langfristig die Herausforderungen annehmen, denen sich unsere Gesellschaft jetzt stellen muss.

Warum schaffen es nur wenige europäische Player sich als weltbewegende Namen im Tech- Sektor zu etablieren?

Es gibt ja herausragende Beispiele für europäische Tech Pioniere, wie Spotify, SAP, Klarna, Skype, stripe, ARM oder Deep Mind, die innerhalb der letzten Jahrzehnte gewachsen sind. Nicht alle haben noch in Europa ihren Stammsitz. Ein Grund ist sicher, dass sich insbesondere die Investitionsfreude im Silicon Valley die Talente eingekauft hat und mutiger und risikobereiter auch neuen Ideen aus Europa oder von europäischen Auswanderern bewertet hat. Wir brauchen größere VC Funds in Europa, und eine Exit-Möglichkeit über europäischer Börsen, die auch die Mitarbeiter in Europa mit Aktienoptionen belohnen. Aus diesen IPO-Gewinnern würden wir auch in Europa mehr und mehr Angel- und VC-Investments stimulieren. Ich denke aber auch, dass viele Startups ambitioniertere Ideen und Konzepte entwickeln sollten, die sich an den nächsten großen Chancen orientieren und auch einen sozialen Impact haben – wir brauchen keine Copy Cats oder ein Facebook für Hunde. Da ist soviel Talent, was verschwendet wird im Rennen um die Optimierung der Pizza-Auslieferungen. Meine Hoffnung ist, dass gerade in Europa eine neue Generation von Unternehmern sich um die Lösung der Nachhaltigkeitszeile der Vereinten Nationen bemüht.

Was kann Europa den USA und Asien aber aktuell im Digitalmarkt entgegensetzen?

Europa hat nach wie vor eine große Wirtschaftskraft und immer besser werdende Öffnung zu einem gemeinsamen digitalen Binnenmarkt und auch eine Verringerung der Sprachbarrieren. Die Chance des diversifizieren Marktes verlangt schnell von den digitalen Startups, dass sie multilateral denken und ihre Produkte internationalisieren. Als neutrale Brücke zwischen “Make America Great again” und “Made in China” könnten digitale Services in FinTech, AdTech oder mit sicheren und verschlüsselten Services eine echte Chance haben. Auch der wachsende Afrikanische Markt mit seinen wachsenden Milliardenmärkten von jungen und vernetzten Konsumenten liegt vor der Haustür von Europa.

Sind Entwicklungen wie die DSGVO oder andere Regulierungen, auch wenn sie manche Innovation hemmen mögen, nicht auch eine Innovation, die uns von den USA oder gerade China positiv abhebt? Oder fällt doch ins Gewicht, dass wir so manchen Innovationsvorsprung verlieren könnten?

Ich sehe die DSGVO als positiven Beitrag der EU zu mehr digitalen Bürgerrechten. Selbst wenn es zunächst ein großer Aufwand war und ist, wird es sich meiner Meinung nach langfristig auszeichnen, wenn in Europa auch die Ethik und Nachhaltigkeit im Umgang mit digitalen Innovationen wie KI, Gentechnik (Crispr/CAS9), Nanotechnik oder Robotik stärker diskutieren und einbetten in Lösungen aus Europa. Es wäre wunderbar, wenn wir in Europa z.B. wieder eine starke Nokia für 5G hätten, die sich weder der Spionage durch den chinesischen noch den amerikanischen Nachrichtendienst verdächtig macht.

Wo kann Europa Technologieführer werden? Und warum ist es wichtig, sich nicht umfassend von US-Unternehmen abhängig zu machen?

Ich denke an ein zukünftiges Europa, dass sich durch Bildung, neue Arbeitsprozesse und flexiblere, familienfreundliche Beschäftigungsverhältnisse auszeichnet. Dazu eine Grundversorgung an Gesundheitsdiensten, digitalen Bürgerservices und gerechte, lebenswerte Städte und vernetzte ländliche Regionen. Für all diese Ziele können wir noch sehr viel Innovationen gebrauchen und skalieren. Sie sind schon in Teilen sichtbar in Finnland, Schweden, Dänemark oder der Schweiz. Wenn wir es schaffen, in diesen Bereichen auch europäische Pioniere zu stärken, anstatt dem blinden Silicon Valley Glamour hinterherzulaufen, würden wir viel erreichen. Aber ich denke auch, das Umparken im Kopf hat schon begonnen – Trump und Brexit haben hier wahrscheinlich einen Teil der Erkenntnis beschleunigt.

Was schützt Europa davor nicht auch erhöhten Strafzöllen oder Exporteinschränkungen wie Google’s Android (siehe Huawei) ausgeliefert zu sein? Sollten wir wirklich noch Android als Basis für eine eigene Autoplattform (siehe Volkswagen) verwenden? Wir brauchen eine unabhängige IT und europäische Marktführer für die nächste Welle der Innovation.

Ich plädiere für einen Airbus für Robotik oder Nanotech und ein ethisches KI-Zentrum zusammen mit Frankreich, England, Deutschland und der Schweiz – vergleichbar wie Stanford.

Hinkt Deutschland bei solchen Ansprüchen nicht hinterher, wenn man sich die digitale Infrastruktur anschaut?

Ja, da ist es gerade in der deutschen Politik ein Trauerspiel und ich vernehme eher Innovationsabstinenz als mutige Rahmenbedingungen. Wenn Politiker meinen, nicht an jeder Milchkanne werde 5G gebraucht, dann kann ich das nicht nachvollziehen. Gerade 5G und Glasfasernetze können Landflucht verhindern und die Chancen von Industrie 4.0 auch in die kleinen Betriebe und freischaffende Kreative außerhalb der Ballungszentren verbessern. Es ist doch unverständlich warum gerade Norwegen, Schweden oder die Schweiz deutliche bessere Netzgeschwindigkeiten vorweist, … von Südkorea ganz zu schweigen. Die digitale Infrastruktur ist ein globaler Wettbewerbsvorteil – dem hinkt die deutsche Politik offenbar hinterher.

Ist die digitale und technologische Innovation also eher eine Frage der Unternehmenskultur als der technischen Ausführungen?

Ja, ich glaube wir können in diesem Bereich mit Sprunginnovationen (und der nun neu gegründeten Agentur für Sprunginnovationen in Leipzig) technisch viele Fortschritte machen. Die Grundlagenforschung ist da – aber ohne Wandel in der Unternehmenskultur, der gesellschaftlichen Öffnung zu mehr Risikobereitschaft und Unternehmerischem Mut werden wir keine großen Sprünge machen. Die Gründergeneration ist müde, aber hat teilweise noch das Tagesgeschäft fest im Griff und versperrt der nächsten Generation die dringend nötige Transformation. Wobei die digitale Transformation m.E. eher ein hausgemachter Innovationsstau ist. Anfang 2018 waren einer Studie zufolge erst 20% der KMUs digitalisiert – es sind also 80% des Mittelstands und der Hidden Champions noch immer nicht “drin”. Es ist traurig, wie hier die Zukunftsfähigkeit der deutschen Wirtschaft aufs Spiel gesetzt wird. Wer bis heute noch das Argument #Neuland benutzt, muss sich bitte aus der Unternehmungsführung zurückziehen.

Mit welchen zukunftsorientierten Technologien können wir die Zukunft besser machen? Geht es dabei in erster Linie wirklich um Menschen oder zunächst doch noch um Profit?

Die großen Herausforderungen für Europa sind nicht deckungsgleich mit denen in Asien, Afrika oder Amerika. Wenn wir nur an unsere Zukunft in Europa denken, geht es sicher zumeist um soziale Gerechtigkeit, nachhaltige Industrieproduktion und Verbraucherverhalten sowie erhöhter Einsatz erneuerbare Energien, nachhaltige Mobilität und Gesundheitsvorsorge in einer alternden Bevölkerungspyramide.

Wir erleben, dass der Kapitalismus, Demokratie und das Klima unter Druck sind, daher muss ein Systemwandel eingeleitet werden, der sich mehr um nachhaltige Wertschöpfung dreht als um kurzfristigen Profit. Die erstarkte politisch aktive Jungend hat ein anderes Werteverständnis als die Generation X oder die Baby-Boomer. Da Ihre Renten auch nicht mehr sicher sind, und sich eine Nachfrage nach Sinn stiftenden Arbeitsplätzen entwickelt, ergibt sich auf natürliche Weise ein Umdenken. Der Mensch muss im Mittelpunkt unseres unternehmerischen Handels stehen, ein Weiter-so geht nicht mehr.

Technik kann enorme Innovationen hervorbringen, die sich diesen Zielen unterordnen – dazu bitte gern den copenhagenletter.com oder die TechPledge.org heranziehen, eine wunderbare Initiative aus Dänemark, die ich unterstütze.

Wir werden durch exponentielle Technologien, wie Nano-Tech (Graphene), ethik-gerechte Gentechnik und künstliche Intelligenz sowie Robotik neue Geschäftsfelder auch in Europa erschließen, die den Bürgern dienen.

In den nächsten Jahren wird sich entscheiden, wie zukunftsfähig wir sind. Der Vorteil der industriellen Skalierung wird aktiv nach China exportiert oder verkauft (siehe Kuka) und deutsche Ingenieure bauen die nächste Generation der Chinesischen Elektro-Autos (Byton), die dem deutschen Exportschlager in China deutlich zusetzen wird.

Gibt es in einer hoch digitalisierten Welt in wenigen Jahrzehnten überhaupt noch etwas wie Privatsphäre?

Ja, auf dem deutschen Land, wenn es so weitergeht! Ernsthaft: die Privatsphäre muss wieder einen höheren Stellenwert haben. Wir sind in den Ausverkauf der Menschen durch freie Services gegen Aufmerksamkeit und Abhängigkeit geraten, der nicht mehr gesund ist. Ohne Änderungen steht „Black Mirror“ vor der Tür. Unsere Jugend ist durchaus in Teilen bewusster im Umgang mit digitalen Medien, aber auch hier ist zu vermuten, dass sich die menschlichen Zuneigungen nach Nähe, Wertschätzung und Zugehörigkeit digital ausgehöhlt haben. Wir brauchen teilweise Schutz vor uns selbst – die DSGVO und die Wettbewerbsaufsicht der EU unternimmt die ersten Schritte. Der dänische Botschafter für digitale Konzerne ist ein erstes Beispiel, dass Nationen durchaus einen Beitrag leisten, ihre Bürger zu schützen. Hier müsste noch mehr Bewusstsein in der deutschen Politik erwachen, ansonsten schlittern auch die westlichen Gesellschaften in ein soziales Punktesystem. Beim Taxifahren fangen wir ja schon an, … und wer im Onlinemarketing möchte wirklich seine Daten freiwillig und wissentlich über Cookies handelbar machen? Sind sie ein Teil der Lösung oder des wachsenden Problems des Verlustes an Privatsphäre?

Technologie und Ethik stehen (gerade im Digitalkontext) oft im Widerstreit. Ist Wachstum mit Skrupeln auf höchstem Level heute noch gut möglich? Und ist gerade das ein Konzept für die Zukunft in Europa? Schließlich will man die Gesellschaft stärken, nicht die Gesellschafter. Wir dürfen unsere Kultur, Werte und Ethik nicht der Technologie zum Brunch überlassen. Software will eat the world – and AI will eat software ist die Überzeugung von Marc Andressen einem der einflussreichsten VCs im Valley. Wir haben in Europa eine große Chance, der Treiber für eine ethische KI und nachhaltige Industrie zu werden. Dazu brauchen wir einen Moonshot für Europa, eine große Idee – die den Frieden in sozialer Marktwirtschaft gegen die Supermächte verteidigt und die Bürger in den Mittelpunkt stellt. Das betrifft alle Wachstumskonzerne sowie die Start-Up Unternehmer, die mit ihren Visionen neue Geschäftsmodelle entdecken. Wir können unsere unternehmerische Persona nicht mehr von unserem gesellschaftlichen Aufgaben und Pflichten trennen. Als fortschrittliches Europa sollten wir anfangen, der Zukunft zu dienen – dies sind auch die Wählerinnen, die bei der nächsten Bundestagswahl das erste Mal mitwählen, auch wenn sie heute noch freitags auf den Straßen demonstrieren. Gerade Sie als Entscheider sollten ein Teil der Lösung sein und sich auf die nächste Dekade des Wandels einlassen.

Wir bedanken uns bei Harald Neidhardt und Futur/io für dieses aufschlussreiche Interview.

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