Technologie

Datenethik: Viele haben die Brisanz der Lage noch nicht erkannt

Eine von der Bundesregierung eingesetzte Datenethikkomission empfiehlt einheitliche Standards für Cookie-Richtlinien. Wir geben einen Überblick.

© Malvestida Magazine - Unsplash

Werbetreibende, E-Commerce-Unternehmen und Publisher fragen sich ratlos, wie sie ihre Nutzer angesichts von Cookie-Blocking und aktueller Rechtssprechung adressieren. Jetzt hat sich die Bundesregierung dem Thema angenommen. Eine von ihr eingesetzte Datenethikkommission hat am 23. Oktober ihren Abschlussbericht vorgelegt und empfiehlt hier einheitliche Standards. Sven Bornemann, Vorstandsvorsitzender der netID Foundation, analysiert die Empfehlungen der Kommission und skizziert, wie sich Unternehmen jetzt aufstellen müssen.

Eine der wichtigsten Herausforderungen des Online Marketings

Zugegeben: das ist schwere Kost. 244 Seiten, puristisches Layout, Zwischentitel wie „Mehr-Ebenen-Governance komplexer Datenökosysteme“ und eine Sprache so trocken wie die Wüste Gobi. Und trotzdem ist das aktuelle Gutachten der Datenethikkommission eigentlich ein Must Read für alle Onliner. Nicht nur, weil das federführend von Bundesinnenministerium und Justizministerium initiierte Gremium ganz zukunftsweisend etwa eine Kennzeichnungspflicht, ein Zulassungsverfahren und Transparenzpflichten für Algorithmen ins Spiel bringt, sondern weil sie auch konkrete Handlungsempfehlungen für die Nutzung personenbezogener Daten gibt. Ein Thema also, das aktuell kaum an Relevanz zu überbieten ist. Mit dem Gutachten liefert die Kommission damit einen neuen, wertvollen Impuls in der aktuellen Cookie-Debatte und dem Umgang der GAFAs mit den User-Daten. Denn: Aktuell sieht die Kommission nämlich „Defizite in der Befähigung zur Wahrnehmung von Datenrechten  – vor allem in Bezug auf die Kontrolle Einzelner über ihre personenbezogenen Daten in einer zunehmend komplexer werdenden Umgebung“. Weil sich Intransparenz und damit auch die Risiken in der Datennutzung zunehmend erhöhen, plädieren die insgesamt 16 Experten für einheitliche Standards und führen auf Seite 133 mögliche Lösungen auf – etwa Single-Sign-on-Lösungen, Online-Speichersysteme bis hin zur Fremdverwaltung von Daten über Datentreuhandmodelle. In einer bemerkenswerten Detailtiefe beschäftigt sich nun also auch die Politik (wieder) mit einer der wichtigsten Herausforderungen des Online Marketings.

Das ist richtig und wichtig, weil sich der deutsche Markt aktuell weiter zu Gunsten der GAFAs verschiebt. Wesentliche Gründe dafür sind die aktuelle Rechtsprechung und ganz wesentlich auch die jüngsten Browser-Updates. Die im September diesen Jahres implementierte Firefox-Version 69, die erstmals standardmäßig Cookies von Drittanbietern blockiert, belegt das eindrücklich: Mit einem Marktanteil von rund 25 Prozent ist Mozillas Browser hinter Chrome bei den Desktop- und Notebook-PCs hierzulande der zweitpopulärste. Seit dem Update am 3. September, so zeigen interne Auswertungen von Online-Vermarktern, ist hierüber bei knapp 90 Prozent ein Tracking nicht mehr möglich. Schon binnen zwei Wochen, recherchierte der internationale Branchendienst Digiday, führte das bei den Verlagen branchenweit hierzulande zu Umsatzeinbußen von rund 15 Prozent. Die Kräfteverhältnisse im Werbemarkt verschieben sich damit weiter in Richtung der globalen Digital-Riesen, denn die lassen die Browser-Updates völlig kalt. Innerhalb ihrer eigenen „Walled Gardens“ gelten weiterhin ihre eigenen Regeln – ohne Einschränkungen für die Werbewirtschaft. Und genauso profitieren Facebook & Co natürlich auch von dem EuGH-Urteil zum Thema Cookies. Weil die Digital-Riesen ja wesentlich Login basierte Dienste betreiben, treffen sie die schärferen Regelungen nicht bzw. nur kaum.

Wir müssen dringend die Cookie-Alternativen diskutieren

Über das Cookie-Siechtum als Folge dieser Entwicklung ist viel geschrieben und debattiert worden. Doch viel zu wenig diskutieren wir mögliche praktikable Alternativen – mutmaßlich, weil viele die Brisanz der Lage noch nicht recht erkannt haben. Klar ist auf jeden Fall: Eine solche Lösung brauchen wir nicht nur für Deutschland, sondern auf europäischer Ebene. Alles andere wäre Kleinstaaterei und würde den Anforderungen des globalen Werbemarktes und der Dominanz der US-Konzerne nicht gerecht werden. Lösungen müssen Usern die Datenhoheit und Werbungtreibenden, E-Commerce-Unternehmen und Publishern die Möglichkeit geben, ihre Kunden und Leser wirklich rechtskonform zu adressieren.

Über Sven Bornemann

Der diplomierte Wirtschaftsinformatiker Sven Bornemann verantwortet seit der Gründung der EnID im März 2018 als Vorstandsvorsitzender das operative Geschäft der European netID Foundation. Zuvor war er Geschäftsführer der AGOF Services GmbH. Neben der operativen Durchführung von Studien der Arbeitsgemeinschaft Online Forschung (AGOF) lag ein Schwerpunkt seiner Aufgaben auf der Weiterentwicklung des Leistungsangebotes der AGOF. Sven Bornemann startete seine Laufbahn bei Bertelsmann Media Systems. Anschließend wurde er CEO bei der Concept! AG sowie bei OgilvyInteractive Deutschland. Zu seinen weiteren Stationen zählen Adconion Media Group und Smarthouse Media/Axel Springer SE sowie vwd group AG.

Sven Bornemann