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Wie Väter die Angst vor langen Elternzeiten verlieren
© Juliane Liebermann- Unsplash

Wie Väter die Angst vor langen Elternzeiten verlieren

Ein Gastbeitrag von Viola Klingspohn | 05.03.20

Väter können ebenso lange in Elternzeit gehen wie Mütter – theoretisch. Doch obwohl sich einige eine ausgedehnte Elternzeit wünschen, tun sie es nicht. Warum eigentlich?

Nachts das schreiende Baby beruhigen, Windeln wechseln und den Kinderwagen schieben – heutige Väter wollen Verantwortung übernehmen. Laut Väterreport des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sagen 70 Prozent, dass sie sich mehr an der Erziehung und Betreuung der Kinder beteiligen als die Väter ihrer Elterngeneration. Jeder dritte von ihnen nimmt heute, unterstützt vom Elterngeld, eine Elternzeit. Fast 20 Prozent der Väter hätten gerne Elternzeit genommen – wenn da nicht die Ängste vor Einkommensverlusten, beruflichen Nachteilen und betrieblichen Problemen gewesen wären.

Die Realität sieht anders aus: Meist sind Mütter in Elternzeit

In der Praxis sind es weiterhin die Mütter, die sich größtenteils um die Kinder kümmern und Elternzeit nehmen. Sie tun dies, obwohl sie mit negativen Folgen für ihren beruflichen Werdegang rechnen müssen – samt Karriereknick. Laut Statistischem Bundesamt kamen Mütter im Jahr 2018 im Schnitt auf 11,7 Monate Basiselterngeld, Väter nur auf drei Monate. Männer erfüllen bereits mit zwei Monaten das Minimum, um den Elternzeit-Bezugszeitraum von zwölf auf 14 Monate zu verlängern. Ein ähnliches Bild zeigte sich beim ElterngeldPlus: Mütter beantragten im Schnitt 20 Monate, Väter nur 8,9 Monate.

Bei einer im Januar 2020 durchgeführten Studie von LinkedIn und dem Marktforschungsinstitut YouGov gaben 69 Prozent der Männer an, sie würden gern lange in Elternzeit gehen, wenn Geld und Karriere keine Rolle spielten. Die Studie offenbarte die Gründe für die Ungleichverteilung zwischen Müttern und Vätern.

1. Finanzielle Gründe

Die Verdienstsituation nennen 53 Prozent der Väter und 56 Prozent der Mütter als Ursache. Nach wie vor erhalten Männer ein höheres Durchschnittsgehalt als Frauen. Gehen sie in Elternzeit, belastet es die Haushaltskasse stärker, weil sich der Hauptverdienst reduziert. Das Basiselterngeld kann bis zu 65 Prozent niedriger ausfallen als der vorherige Nettolohn. Gezahlt wird bis zu einer Obergrenze von maximal 1.800 Euro. Auch beim ElterngeldPlus, bei dem beide Elternteile in Teilzeit arbeiten, müssen deutliche finanzielle Einbußen hingenommen werden.

2. Gesellschaftliche Vorurteile

Immer noch wird angenommen, dass es für die Betreuung des Kindes besser ist, wenn die Mutter Zuhause bleibt. 51 Prozent der Mütter stimmen zu, 41 Prozent der Väter ebenso. Diese Annahme stimmt aber nicht zwangsläufig. Forschungen zeigen, dass sich Väter selbst oftmals noch als Bezugsperson zweiter Klasse sehen, obwohl mittlerweile bekannt ist, dass sie für die Kindesentwicklung eine wichtige Rolle spielen. Brenda Volling von der Forschergruppe Central European Network on Fatherhood fasst es so zusammen:

Die Väter haben noch immer nicht bemerkt, wie wichtig sie sind.

Studien zeigen, dass Kinder mit fürsorglichen Vätern selbstbewusster sind, bessere Noten in der Schule schreiben und seltener verhaltensauffällig werden.

3. Traditionelle Rollenbilder

Laut LinkedIn-Studie haben Frauen ein stärkeres Bedürfnis, länger bei ihrem Kind zu bleiben. 54 Prozent der Mütter sehen das so. Und nur 41 Prozent der Väter stimmen der Aussage zu. Auch wenn die Mutter das Kind ausgetragen hat und es stillt, kann der Vater eine genauso intensive Bindung zum Kind aufbauen. Oxytocin sorgt bei beiden Elternteilen für eine absolute Liebe zum Kind.

Erschwerend für eine Ungleichgewichtung bei der Elternzeitnahme kommen traditionelle Rollenbilder im Job hinzu. Während von Frauen eine längere Elternzeit geradezu erwartet wird, müssen Männer darum kämpfen. Mütter (31 Prozent) und Väter (31 Prozent) stimmen gleichermaßen überein, dass es für Männer schwieriger ist, dem Arbeitgeber gegenüber eine längeren Elternzeit zu erklären.

Was sich ändern muss

In der LinkedIn-Befragung bewertet nicht einmal jeder Zweite sein Unternehmen als familienfreundlich. Die Studie offenbart, dass es einerseits eine gerechtere Bezahlung für Frauen geben muss, damit Väter länger zu Hause bleiben. Andererseits sind Firmen gefordert, ihre Unternehmenskultur familienfreundlich auszurichten. Das kann ihnen Pluspunkte im War for Talents bringen. Einige Unternehmen engagieren sich bereits. So werben SAP und Deutsche Bahn mit familienfreundlichen Angeboten für Männer. Bei SAP können Väter in den ersten Wochen nach der Geburt ihre Arbeitszeit ohne Gehaltseinbußen um 20 Prozent reduzieren. Die Deutsche Bahn bietet individuelle Arbeitszeitmodelle an. Vollzeitstellen können nach Absprache in Teilzeitstellen umgewandelt werden. Zudem gibt es ein spezielles Mentoring-Programm für Väter und Mütter, die aus der Elternzeit zurückkehren. Seit 2018 besteht eine Wahlmöglichkeit zwischen Entgelterhöhung, Arbeitszeitverkürzung oder sechs Tagen mehr Erholungsurlaub, was angeblich von vielen Vätern genutzt werde, um in den Schulferien mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen. Laut Deutscher Bahn erfahren Väter ganz praktisch, dass auch eine längere Elternzeit kein Karrierekiller ist.

Männer können in Zukunft auf weitere Unterstützung hoffen. Am 1. Juli 2019 ist eine neue EU-Richtlinie in Kraft getreten. Sie soll Vätern zehn Tage bezahlten Vaterschaftsurlaub rund um die Geburt des Kindes ermöglichen. Die Bundesregierung hat bis 2022 Zeit, die Richtlinie in nationales Recht umzusetzen.

Was Arbeitgeber tun können

  • Familienfreundlichkeit in ihrem Unternehmen hinterfragen und neue Angebote und Arbeitszeitmodelle einführen. Unternehmen würden etwa versuchen, Eltern mit einem Betreuungsservice oder einem Bonus zur Geburt des Kindes zu unterstützen, sagt Karrierecoach Daniela Römer in einem Spiegel-Interview zu aktuellen Trends. „Gerade in den Branchen, wo der Kampf um gute Mitarbeiter heftig geführt wird, ist so ein Bonus ein echtes Argument zur Mitarbeitergewinnung und -bindung“.
  • Ein regelmäßiger Faktencheck wird von Inga Dransfeld-Haase, Präsidentin des Bundesverbands der Personalmanager, empfohlen. Er soll Kennzeichen liefern, woran man ablesen kann, welche Maßnahmen von den Mitarbeitern in Anspruch genommen wurden. Dazu gehören die Anzahl der Mitarbeiter in Elternzeit sowie die durchschnittliche Dauer, aber auch der Anteil der Männer in freiwilliger Teilzeit. Nur mit einer solchen Mess-Systematik sei es möglich, echte Fortschritte auf dem Weg zum familienfreundlichen Unternehmen zu erkennen.
  • Das Projekt Väternetzwerk der Väter gGmbH unterstützt männliche Mitarbeiter bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Arbeitgeber können sich im bundesweiten Väternetzwerk engagieren. Firmen wie Sanofi, Lufthansa oder Otto vernetzen ihre Angestellten bereits.

Worauf Arbeitnehmer achten sollten

  • Wie sehr hebt ein Unternehmen seine Familienfreundlichkeit hervor?
  • Wird eine beworbene Familienfreundlichkeit wirklich gelebt? (Informationen bei Bekannten oder Arbeitgeber-Bewertungsportalen einzuholen, kann hilfreich sein)
  • Gibt es spezielle Angebote für Mütter und Väter?
  • Schreibt ein Unternehmen auch Stellen mit reduzierter Stundenzahl aus?

Manche Dinge ändern sich nur langsam – sowohl die gesellschaftlichen Vorurteile und Rollenbilder als auch die Anzahl der Elternzeitmonate für Väter. Die Angst vor finanziellen Einbußen ist berechtigt. Hier sind Politik und Unternehmen gefordert, für eine Lohngleichheit von Mann und Frau zu sorgen. Die Angst vor dem Karriereknick kann Vätern nur von Unternehmen und deren Familienfreundlichkeit genommen werden. Denn: Wie sich die Elternzeit tatsächlich auf ihre Karriere auswirkt, ist wenig erforscht.

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