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„Sorry Chef, bin wieder zu spät!“ – Warum Eltern schuld sein könnten

„Sorry Chef, bin wieder zu spät!“ – Warum Eltern schuld sein könnten

Ein Gastbeitrag von Viola Klingspohn | 23.01.20

Jeder kennt sie: die ewigen Zuspätkommer. Gehörst auch du zu der Gruppe, dann solltest du dich rechtzeitig auf Ursachenforschung begeben. Die leidige Angewohnheit kann dich schlimmstenfalls den Job kosten.

Jeden Morgen das selbe Spiel: Dein Wecker klingelt pünktlich, doch bis du aus dem Haus bist, ist es wieder zu spät. Rasch hastest du zur Arbeit. Auf dem Weg schwirren nur Gedanken um das nervige Thema „Zeit“ im Kopf herum. Schaffe ich es noch rechtzeitig bis 8 Uhr an den Arbeitsplatz? Erhalte ich wieder Anpfiff vom Chef? Schnell raus aus Auto, Bus oder Bahn und die letzten Meter sprinten. Vergebens! Es sind wie so häufig ein paar Minuten, die du zu spät bist.

Warum ist Pünktlichkeit so wichtig?

Rechtzeitiges Erscheinen gilt in Deutschland als Zeichen von Anerkennung und Respekt. Besonders im Berufsleben ist Pünktlichkeit unverzichtbar, wenn du deine Karriere und die gute Beziehung zu Chefs und Kollegen nicht aufs Spiel setzen willst. Gerade in der modernen Arbeitswelt lässt sich dein Zuspätkommen mit elektronischer Zeiterfassung minutengenau nachweisen. Abzüge oder Verweise sind die Folgen. Im Büro kann der Zeitverlust bei deinen Mitarbeitern schnell in Unmut umschlagen – besonders dann, wenn Aufgaben pünktlich in Teams erledigt werden müssen oder wenn bereits am frühen Morgen ein Meeting angesetzt ist. Ärgerlich ist Unpünktlichkeit zudem, wenn du in Schichten arbeitest: Deine müden Kollegen müssen noch länger auf seine Ablösung warten. Bei Zustellern kommt es zwar nicht auf die Minute an, dennoch wird in ihrem Job Pünktlichkeit immer wichtiger. Manche Paketdienstleister bieten bereits Zeitfensterzustellung zur Wunschzeit an. Und welcher Kunde zeigt schon Verständnis bei zu spät ausgelieferten Bestellungen?

Pünktlichkeit in anderen Kulturkreisen

Für Deutsche, Amerikaner und Schweizer bedeutet Zeit wirklich Geld. In vielen anderen Ländern zeigt sich jedoch ein anderes Bild: Verabredungen verspätet wahrzunehmen, ist keine Seltenheit. Besonders in mediterranen Ländern ist Pünktlichkeit nicht so wichtig. Kommst du eine Viertelstunde später, bist du immer noch pünktlich. In Ländern wie Brasilien oder Thailand kannst du dich nicht zwangsläufig darauf verlassen, dass dein Wagen in der Werkstatt am nächsten Tag repariert ist. Noch relaxter sind die Afrikaner: In einigen Ländern fahren öffentliche Verkehrsmittel nicht minutengenau, sondern erst, wenn sie mit Fahrgästen voll besetzt sind. Das kann Stunden oder Tage dauern. Ein starker Kontrast zum penibel pünktlichen Deutschland.

Gelenkt durch andere Zeitwahrnehmung

Sicher wünscht du dir auch, zu denen zu gehören, die immer rechtzeitig ankommen. Ohne Hast und Eile. Aber warum bist du unpünktlich? Dir könnte es weder an Disziplin noch an Respekt fehlen. Die wahrscheinlichere Erklärung: Du hast eine andere Zeitwahrnehmung! Diese These hat der Zeitforscher Dr. Marc Wittmann aufgestellt. Er behauptet, dass es zwei verschiedene Zeittypen gibt. Uhrzeitorientiert lebende Menschen seien meist sehr pünktlich, eigenzeitorientiert lebende Menschen kämen oft zu spät. Während der erste Typus oft auf die Uhr schaue und sich daran zeitlich orientiere, lasse sich der zweite Typus eher auf Tätigkeiten und Wahrnehmungen ein. So wird der Minutenzeiger schnell vergessen, wenn morgens noch ein anderes Oberteil gesucht wird, der Geschirrspüler ausgeräumt oder die Wäsche in den Schrank gelegt werden muss.

Zuspätkommen durch Autonomie- und Statusprobleme

Führungskräftetrainer und Coach Roland Kopp-Wichmann hingegen sieht im Zuspätkommen einen Autonomiekonflikt. Es habe Methode, regelmäßig zwei Minuten zu spät zu sein. Und diese Methode sei ein Mittel, sich dem autoritären Regime der Pünktlichkeit widersetzen zu wollen. Also eine Rebellion gegen das „Verplantwerden“ und gegen die Einschränkung der Freiheit. Der Experte geht von einem unbewussten Trödeln aus. Die innere Stimme, die zum rechtzeitigen Aufbrechen appelliert, werde überhört. Kurz vor einem Meeting werde so noch schnell ein Telefonat angenommen oder eine Mail geschrieben, um die Verspätung zu sichern und zu beweisen, dass man ein freier Mensch ist. Dieser innere Autonomiekonflikt entstehe bereits in der Kindheit oder der frühen Jugend. Kopp-Wichmann kennt eine weitere Ursache der Unpünktlichkeit: Menschen mit einem Statusproblem. Sie bekämen aufgrund ihrer größeren Verspätung besondere Aufmerksamkeit und bräuchten diesen besonderen Auftritt – auch wenn er bei anderen als negativ wahrgenommen wird.

Grundstein wird in der Familie gelegt

Eine Studie der State University of New York in Albany hat festgestellt, dass Routinen in der Kindheit ebenso einen Einfluss haben. Als Erwachsener kannst du Deadlines besser einhalten, wenn du in der Kindheit tagein, tagaus gewusst hast, was dich erwartet: Gemeinsames Mittagessen in der Familie, regelmäßige Aktivitäten im Sportverein oder Unterricht in der Musikschule und feste Zubettgehzeiten. Damit konntest du ein Gefühl von familiärer Stabilität erfahren. Das beeinflusst im Erwachsenenalter, ob du dich an Termine hältst – also ob du pünktlich bist oder eher auf dich warten lässt. Studienleiterin und Psychologin Jennifer Weil Malatras bestätigt:

Regelmäßige Tagesabläufe können dazu beitragen, Fähigkeiten für ein Zeitmanagement zu entwickeln.

Lösungen sind individuell unterschiedlich

Wie du siehst, können die Ursachen für das Zuspätkommen vielfältige Gründe haben. Übliche Zeitmanagement-Seminare greifen daher zu kurz. Vielmehr geht es darum, dich selbst zu managen.  Zunächst einmal solltest du die Gründe für das eigene Zuspätkommen analysieren. Höre dazu bewusst in dich hinein, um zu erkennen, was in dir vorgeht. Kennst du die Ursache, kannst du das Problem an der Wurzel lösen.

Bist du ein eigenzeitorientierter Zuspätkommer, hilft dir die Vermeidung von „Schnell-noch-Aktivitäten“. Sie hindern einen glatten Tagesablauf und führen zwangsläufig in ein Zeitdilemma. Setze dir stattdessen Prioritäten. Öfter mal „nein“ sagen, wenn das Telefon klingelt und du schon auf dem Sprung zum nächsten Termin bist. Besser morgens den erstbesten Pullover greifen, den Geschirrspüler nach Feierabend ausräumen, und die Wäsche in einer ruhigen Minute in den Schrank sortieren. Manchmal hilft es auch, den Uhrzeiger einige Minuten vorzustellen, um pünktlich zu sein. Probiere aus, was dir hilft. Du wirst sehen, dass du nicht mehr so gehetzt bist und dich mit ständigen Ausreden und Entschuldigungen gerade so aus dem Dilemma ziehen musst.

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