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Karriere Tipps
Schluss mit Kauderwelsch: So übersetzt du Floskeln im Arbeitszeugnis und ihre Bedeutung

Schluss mit Kauderwelsch: So übersetzt du Floskeln im Arbeitszeugnis und ihre Bedeutung

Michelle Winner | 07.07.21

Nicht immer ist es einfach, das Arbeitszeugnis zu verstehen. Vieles ist nett formuliert, doch einige Floskeln verstecken Kritik an deiner Person und Leistung. Wir helfen dir bei der Übersetzung.

„XY war stets bemüht“. Diese Standardfloskel schießt vermutlich jedem von uns in den Kopf, wenn es um das Thema Arbeitszeugnis geht. Denn allgemein hält sich der Glaube, dass diese Formulierung folgendes ausdrückt: „Wirklich geschafft hat XY nichts“. Tatsächlich sind viele Arbeitnehmer:innen überfordert mit den Formulierungen in Arbeitszeugnissen und versuchen verzweifelt die kryptischen Aussagen ihrer Ex-Vorgesetzten zu deuten. Dabei wollen wir dir unter die Arme greifen und dir helfen, das Kauderwelsch zu übersetzen.

Alle haben das Recht auf ein wohlwollendes Arbeitszeugnis

Zunächst ein paar Erklärungen: Alle Arbeitnehmer:innen haben nach dem Austritt aus einem Unternehmen das Recht auf ein Arbeitszeugnis, selbst wenn es sich lediglich um ein zweiwöchiges Praktikum handelt. Dabei wird zwischen dem einfachen Arbeitszeugnis und dem qualifizierten unterschieden. Das einfache beinhaltet nur deine persönlichen Daten und bestätigt, dass du in dem Unternehmen tätig warst. Das qualifizierte enthält hingegen eine Bewertung deiner Arbeitsleistung, deiner Qualifikationen und deiner Sozialkompetenz. Im Gegensatz zum einfachen, muss das qualifizierte Arbeitszeugnis eingefordert werden, in der Regel spätestens ein Jahr nach Austritt aus dem Unternehmen. Deine Ex-Vorgesetzten dürfen die Ausstellung eines solchen nicht verweigern.

Außerdem hast du einen Anspruch darauf, dass dein Arbeitszeugnis „wohlwollend“ formuliert ist. Gibt es Formulierungen, die dich oder deine Leistung nachteilig darstellen, kannst du das anfechten. Gleiches gilt auch für formale oder inhaltliche Fehler. Zunächst solltest du dafür das Gespräch mit deinen Ex-Vorgesetzten suchen, bevor du rechtliche Schritte einleitest. Doch wie erkennst du nun, was wohlwollend ist und was nicht? Das ist tatsächlich nicht einfach, denn bestimmte Floskeln werden extra dafür genutzt, um Kritik an Mitarbeiter:innen zu üben, ohne diese offensichtlich nachteilig auszudrücken. Deshalb ist es wichtig, dass du die wichtigsten Formulierungen kennst und übersetzen kannst.

Formulierungen nach Schulnotensystem

Ratgeberseiten wie wmn sprechen davon, dass die Formulierungen in Arbeitszeugnissen oft dem in Deutschland klassischen Schulnotensystem folgen. Heißt, Floskel XY steht eigentlich für eine Note zwischen eins und sechs, die deine Leistung einschätzt. Dabei gilt:

  • Note 1: immer/stets zur vollsten Zufriedenheit
  • Note 2: zur vollsten Zufriedenheit
  • Note 3: zur vollen Zufriedenheit
  • Note 4: zur Zufriedenheit
  • Note 5: im Großen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit
  • Note 6: stets bemüht

Natürlich solltest du nicht jedes Wort deiner Ex-Vorgesetzten auf die Waagschale legen, doch diese Formulierungen können dir bei der groben Übersetzung deines Zeugnisses helfen. Es gibt auch noch weitere Floskeln, die auf eine dieser Schulnoten hinweisen. Einige davon, die auf Note 5 oder 6 hinweisen, haben wir nochmal für dich zusammengefasst. Treten sie in deinem Arbeitszeugnis auf, waren deine Ex-Vorgesetzten vielleicht doch nicht so zufrieden mit dir, wie du dachtest:

  • […] Aufgaben wurden allgemein mit Sorgfalt und Genauigkeit erledigt
  • […] den Erwartungen weitestgehend entsprochen
  • […] im Rahmen der eigenen Möglichkeiten bemüht
  • […] den allgemeinen Anforderungen entsprochen
  • […] bemüht, den Anforderungen gerecht zu werden
  • […] Verständnis und Interesse für die eigene Arbeit gezeigt
  • […] bemüht, die Aufgaben fristgerecht zu erledigen

Die Liste ließe sich noch länger weiterführen. Insgesamt drücken diese Aussagen aus, dass du nicht gut mitgearbeitet hast, überfordert warst oder deine Qualifikationen zu wünschen übrig ließen. Besonders das Verb „bemühen“ ist ein Signalwort dafür, dass deine Ex-Vorgesetzten unzufrieden mit deiner Arbeit waren. Doch wie sieht es mit deiner Sozialkompetenz aus? Folgende Formulierungen können dir hier negativ ausgelegt werden, müssen aber nicht zwingend nachteilig gemeint sein: Wenn betont wird, dass du gut mit den Vorgesetzten zurechtkommst, könnte es bedeuten, dass du dich einschleimst oder ein:e Mitläufer:in bist. Wenn im Zeugnis steht, dass du dich gut zu verkaufen weißt, könnte die Zusammenarbeit mit dir unangenehm sein, weil du vorlaut bist oder dich gern in den Mittelpunkt drängst.

Schlussworte im Arbeitszeugnis

Und selbst im letzten Teil des Zeugnisses können Ex-Vorgesetzte dir noch positive oder negative Bewertungen geben. Meist geht es darum, wie du aus dem Unternehmen geschieden bist. Steht dort beispielsweise, dass du auf eigenen Wunsch gegangen bist und deine Arbeitgeber:innen das bedauern, kannst du dir auf die Schulter klopfen: Du bist nur schwer entbehrlich für das Unternehmen und warst ein wichtiger Bestandteil des Teams. Die folgenden Floskeln sind hingegen weniger positiv.

  • XY verlässt uns auf eigenen Wunsch: Du bist ersetzbar.
  • XY verlässt uns im gegenseitigen Einvernehmen: Dir wurde gekündigt.
  • Wir wünschen XY für die Zukunft alles Gute, auch Erfolg: Hier wird erneut deine schlechte Leistung während der Arbeit betont

Wie du siehst, ist die Sprache im Arbeitszeugnis für Laien nicht immer ganz verständlich und kann viele verschlüsselte Botschaften enthalten, die Personaler:innen sowie künftigen Arbeitgeber:innen viel über dich preisgeben können. Umso wichtiger ist es, dass du diese übersetzen und so ein besonders nachteiliges Arbeitszeugnis anfechten kannst.

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