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Karriere Tipps
Modernes Recruiting: Gehört das Bewerbungsgespräch abgeschafft?
© alotofpeople - Adobe Stock

Modernes Recruiting: Gehört das Bewerbungsgespräch abgeschafft?

Wiebke Plasse | 06.06.17

Ein Raunen geht durch die Büros der Personaler - immer mehr Wissenschaftler fordern eine Generalüberholung des Recruiting- und Einstellungsverfahrens.

Am wichtigsten sei der Eindruck des Bewerbers im Vorstellungsgespräch. Dann folge als Einstellungskriterium der Lebenslauf. So jedenfalls haben 100 Schweizer Manager einer Umfrage zu Folge entschieden. Aber ist das noch zeitgemäß? Nein.

Verschätzen sich die Personaler?

Das findet nicht nur der Assistenzprofessor der US-Eliteuniversität Yale, Jason Dana. Mit seinem Gastbeitrag in der New York Times hat er ein brennendes Plädoyer für die Abschaffung des konventionellen Bewerbungs- beziehungsweise Vorstellungsgesprächs geschrieben. Er sieht darin wortwörtlich eine „vollkommene Nutzlosigkeit“ und findet, dass in den Händen der Personaler viel zu viel Verantwortung läge. „Die Personaler formen ungerechtfertigte Eindrücke von Bewerbern“, sagt er und hält ebendiese Überschätzung von Personalern für falsch.

Seine Meinung untermauert er mit der Psychologie und erklärt, dass der Personaler innerhalb von Minuten aufgrund von Mimik, Gestik und Sätzen des Bewerbers eine Entscheidung träfe. „Menschen handeln aus Sympathie“, ist er sicher. Im Fach-Jargon der Psychologen stecke dahinter auch der Halo-Effekt (zu deutsch: Heiligenschein), der bestimmte Eigenschaften in den Vordergrund rückt und dadurch andere „überstrahlt“. Während besonders selbstbewusste Bewerber oder jene mit Schauspielkünsten überzeugen könnten, würden Bewerber mit Fehlern demzufolge von Personalern ungern eingestellt – und gerade das sei der Fehler. Zusätzlich könnten Lücken im Lebenslauf heutzutage auch ein Zeichen von Erfahrungen sein, die den Bewerber interessant oder intellektuell reifen ließen.

Der Artikel in der New York Times geht dieser Tage um die Welt und wird vielfach rezitiert. Wissenschaftler und Medien, Personaler und Geschäftsführer diskutieren sich um Kopf und Kragen.

Und die „World Leader“?

Die lassen seit Monaten Taten sprechen. So hat zum Beispiel Google, bekanntlich eines der innovativsten Unternehmen der Welt, seinen Bewerberprozess vor Jahren komplett umgestellt. Bei etwa zwei Millionen Bewerbungen pro Jahr und bis zu sechs Gesprächen pro Kandidat sei das gut überlegt. Doch Google ist überzeugt: Ihre Bedingung von verschiedenen Nationalitäten und einer gleichen Anzahl an Frauen und Männern sind streng. Individueller werden aber die Vorstellungsrunden, die nun mehr rollenbasierte Tests sind, in denen die Google-Mitarbeiter ihre Bewerber prüfen wollen. Erst wenn alle anwesenden Mitarbeiter den Bewerber für geeignet halten, folgen weitere bis zu fünf Gesprächsrunden.

Auch die Deutsche Telekom lädt zu Bewerbungsgesprächen der besonderen Art. Begonnen mit einer Selbstpräsentation, folgt ein Interview sowie Fallstudien und letztlich noch ein Rollenspiel. Wir dürfen also gespannt sein, welche Form der Einstellungstest und Gespräche, Spielereien und Psychotests uns in Zukunft erwarten.

Hendrik Stowasser am 22.01.2021 um 11:35 Uhr

Ich hatte und habe als Selbständiger permanent mit den verschiedensten Charakteren zu tun.
Wenn ich daraus eines gelernt habe: Nach einer Stunde weiß ich noch gar nichts über die Person. Weder etwas über ihre fachliche Qualifikation noch über ihre menschliche.
Allerdings kann ich schon nach 10 Minuten in einem Verkaufsgeschäft anhand der Mitarbeiter und der Kunden erkennen, ob der Marktleiter qualifiziert ist oder nicht.
Ich plädiere generell für eine unkomplizierte Einstellung mit einer kurzen Probearbeitszeit.
Nach spätestens vier Wochen kann der geübte Mensch wohl erkennen, ob jemand ins Unternehmen passt oder nicht.
In einem Personaler sehe ich fast immer einen Feind, welcher mir unbedingt beweisen will, dass ich nicht für den Job geeignet bin. Ich habe aber noch nie einen Personaler gesehen, welcher die Stellen auch absolviert hat, über dessen Besetzung er entscheidet.
Schlechte Chefs kommen genau so an ihre Posten.
Lustigerweise haben meine Gespräche direkt mit den Chefs immer mit der Einstellung geendet. Denn diese haben die richtigen Fragen gestellt.

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