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Human Resources
Nicht ernst genommen und hinterfragt: Warum Frauen in Führungspositionen weniger akzeptiert sind
© Lindsey LaMont - Unsplash

Nicht ernst genommen und hinterfragt: Warum Frauen in Führungspositionen weniger akzeptiert sind

Michelle Winner | 27.08.20

Eine Studie hat festgestellt, dass die Kritik weiblicher Manager weniger akzeptiert wird und sogar zu Mitarbeiterunzufriedenheit führt. Schuld daran ist das Festhalten an traditionellen Geschlechterbildern.

Die Zahl der Frauen in Führungspositionen steigt nur langsam und schleppend. Und gleichzeitig haben eben diese Frauen oft Probleme damit, sich durchzusetzen und ernst genommen zu werden. Nicht etwa, weil sie willensschwach wären oder kein Rückgrat zeigen – nein, das Problem sind geschlechtsspezifische Erwartungen und Vorurteile, die in unserer Gesellschaft immer noch vorherrschen. So zeigt eine aktuelle Studie, dass die Kritik weiblicher Chefs schlechter angenommen wird. Und das nicht nur von Männern, sondern auch von anderen Frauen.

Kritik von weiblichen Chefs verursacht Unzufriedenheit

Die Studie wurde von Martin Abel, einem Assistenzprofessor für Wirtschaftswissenschaften am Middlebury College, veröffentlicht. Es wurden 2.700 Arbeitskräfte für die Transkriptionen von Scheinen eingestellt. Jeder von ihnen wurde ein angeblicher Manager zugeteilt – entweder mit weiblichem oder männlichem Vornamen. 60 Prozent der Beschäftigten erhielten entweder ein positives und negatives Feedback und mussten am Ende einen Fragebogen ausfüllen, der unter anderem Fragen zur Mitarbeiterzufriedenheit und über das Interesse an der Zukunft des Unternehmens enthielt. Das Ergebnis scheint eindeutig: Mitarbeiter sind von negativer Kritik durch weibliche Manager stärker betroffen. Abel ergänzt:

Tatsächlich verdoppelt die Kritik von weiblichen Managern den Anteil der ArbeitnehmerInnen, die nicht daran interessiert sind, in Zukunft für die Firma zu arbeiten. Es führt zu einem 70 Prozent größeren Rückgang der Arbeitszufriedenheit als die Kritik von männlichen Managern.

Dieses Ergebnis ist besonders problematisch, da Zufriedenheit und Produktivität eng mit einander verbunden sind. Dass die Kritik durch weibliche Manager also teilweise nicht ernst oder zu persönlich genommen wird, schädigt nicht nur das Arbeitsklima, sondern auch den Erfolg des Unternehmens. Ebenso leidet die Mitarbeiterbindung, die Ziel vieler Firmen ist, da viele Beschäftigte nach der Kritik durch eine Frau nicht vom Unternehmen übernommen werden wollen und auch kein Interesse an der Zukunft der Firma zeigen.

Schuld sind Erwartungshaltungen an Geschlechterrollen

Anhand der Befragung konnten auch Gründe für die negative Einstellung gegenüber weiblichen Manager gefunden werden. Die Beschäftigten erwarteten von den ihren Vorgesetztinnen etwa dreimal häufiger Lob und einen angemessenen Umgangston. Gleichzeitig wurde von den männlichen Managern doppelt so oft Kritik und strenge Ansprüche erwartet. Kommt also Kritik von einer Seite, von der man es weniger erwartet, reagieren viele Menschen negativer darauf. Und da Frauen dem gesellschaftlichen Druck ausgesetzt sind, gemeinhin sensibel und anspruchslos zu wirken, hat das negative Feedback hier weitreichende Auswirkungen aufs Unternehmen.

Das Geschlecht der Mitarbeiter spielte übrigens keine Rolle dabei, ob sich gegen die Kritik von weiblichen Chefs gesträubt wurde – das war sowohl bei Männern als auch anderen Frauen der Fall. Wo es jedoch einen gewaltigen Unterschied gibt, ist das Hinterfragen der Kompetenz: Männer hinterfragten deutlich häufiger die Stichhaltigkeit der Kritik und bewerteten diese auch als weniger zutreffend. Diese Erkenntnis deutet darauf hin, dass es auch noch andere Gründe für die negativen Reaktionen auf weibliche Chefs gibt, als lediglich Erwartungshaltungen.

Welche Faktoren beeinflussen die Akzeptanz weiblicher Manager?

Die Studie gibt keine eindeutige Antwort auf diese Frage, jedoch lassen sich laut Abel weitere Hypothesen aufstellen. Generell schließt der Wissenschaftler jedoch eine implizite Voreingenommenheit aus, ebenso wie die sogenannte „Aufmerksamkeitsdiskriminierung“, also die Annahme, dass Kritik von Frauen grundsätzlich übersehen wird. Tatsächlich setzten sich die Befragten sogar länger mit dem Feedback der weiblichen Manager auseinander. Woraufhin die Studie aber deutet, ist, dass die Führungskompetenz von Frauen aufseiten beider Geschlechter eher hinterfragt wird. Geschlechtsspezifische Vorurteile sind also noch lange nicht aus den Köpfen der Gesellschaft verschwunden, was auch die Erwartungshaltungen der befragten Arbeitskräfte zeigen.

Eine generelle Diskriminierung von Frauen bei der Bewerbung auf eine Führungsposition ließ sich bisher nicht eindeutig feststellen, da die meisten Studien sich traditionell nur mit Einstiegsjobs beschäftigen und die Arbeitsinteraktionen bei Beförderungen nur schwer nachvollziehbar sind. Ein Blick auf die Zahlen lässt jedoch trotz dessen Rückschlüsse zu: Frauen sind in den Führungsetagen deutscher Unternehmen nicht nur unterrepräsentiert, sie bekommen auch deutlich weniger Gehalt als ihre männlichen Kollegen, wie eine Untersuchung der DAX-Unternehmen zeigte. Das folgende Video gibt ebenfalls darüber Aufschluss, wie es um Frauen in Führungspositionen in Deutschland steht:

Es ist noch ein langer Weg bis zur Akzeptanz

… und trotzdem sollten Frauen sich nicht entmutigen lassen, Führungspositionen anzustreben. Denn die Studie zeigt außerdem, dass gerade die jüngeren Arbeitskräfte weniger Unterschiede zwischen der Kritik von Männern und Frauen machen. Kritik ist für die 20- bis 30-jährigen Kritik, unabhängig vom Geschlecht. Dass die jüngere Generation von Arbeitnehmern also weniger von Vorurteilen behaftet scheint, macht Hoffnung. Gleichzeitig warnt Abel jedoch auch davor, dass auch sie sich im Laufe ihres Arbeitslebens ins Negative verändern können, beispielsweise indem die Verhaltens- und Denkweisen ihrer Vorgänger übernommen werden. Doch so muss es nicht kommen und da das Thema Diskriminierung vom Frauen immer öfter Teil öffentlicher Debatten ist, wird auch eher ein Bewusstsein dafür geschaffen.

Und so bleibt für die Zukunft zu hoffen, dass traditionelle Erwartungshaltungen und diskriminierende Denkweisen immer weiter abnehmen und unsere Gesellschaft offener und diverser wird – sowohl im Privatleben, als auch am Arbeitsplatz.