Zuckerbergs Sekte: Facebooks scheinheilige Unternehmenskultur

Rankings, Leistungsdruck und ein Meinungsverbot: Ehemalige Facebook-Mitarbeiter berichten, dass das Unternehmen nicht der strahlende Arbeitgeber ist, der es gern wäre.

© pshab - Flickr, CC by 2.0

Lange galt Facebook als einer der besten und erstrebenswertesten Arbeitgeber der Welt. Eine familiäre Arbeitsatmosphäre, individuelle Förderung und haufenweise Benefits – dafür stand der Konzern einst. Doch in den letzten Jahren überschlugen sich die Skandale und zwar nicht nur über das Social Network selbst. Mitarbeiterstimmen wurden laut, die von Zwängen, Leistungsdruck und sogar sexueller Belästigung sprachen. Ein aktueller Bericht von CNBC zeigt detaillierter, was Ex-Mitarbeiter von Facebook am Arbeitsplatz erlebt haben.

Kritisieren und Hinterfragen sind unerwünscht

Nach außen hin soll es so wirken, dass Facebook als Arbeitgeber seine Mitarbeiter anregt, selbstständig zu denken, sich weiterzuentwickeln und Inspiration zu finden. Doch die Berichte der Ex-Mitarbeiter zeichnen ein anderes Bild. Entscheidungen werden über die Köpfe der Angestellten hinweg getroffen, während dabei Widerworte unerwünscht sind. Ein ehemaliger Manager erzählt, dass er bei einem Meeting im Jahr 2017 dem VP David Fischer eine skeptische Frage zum neuen Firmenprogramm stellte. Kurz darauf erhielt der Mitarbeiter wütende Anrufe von dem Team, das für jenes Programm verantwortlich war. Der Angestellte fühlte sich von Facebook nie ermutigt, seine eigene Meinung zu bilden und zu äußern. Ein weiterer Ex-Mitarbeiter sagt dazu:

What comes with scale and larger operations is you can’t afford to have too much individual voice. If you have an army, the larger the army is, the less individuals have voice. They have to follow the leader.

Negative Stimmen sind nicht nur unerwünscht, wenn sie Facebooks Arbeit selbst betreffen. Wie ein Treffen ehemaliger Mitarbeiter im letzten Oktober gezeigt hat, stieß man auch beim Thema sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz auf taube Ohren. Dies ging soweit, dass die Angestellten sich schlichtweg nicht mehr trauten, etwas zu sagen. Bei dem erwähnten Treffen sprach eine Ex-Mitarbeiterin in ihrer Rede Facebooks COO Sheryl Sandberg direkt an:

I was reticent to speak, Sheryl, because the pressure for us to act as though everything is fine and that we love working here is so great that it hurts. There shouldn’t be this pressure to pretend to love something when I don’t feel this way.

Die Arbeit bei Facebook ist wie der Beitritt in eine Sekte

Das eben genannte Zitat führt direkt zum nächsten Kritikpunkt vieler Facebook-Mitarbeiter. Der Konzern möchte als toller Arbeitgeber dastehen und diesen Spirit müssen auch die Angestellten nach außen tragen. Auch hier gibt es wenig Toleranz für Gegenmeinungen. Geht es jemandem schlecht, fühlt er sich in der Arbeitsatmosphäre unwohl, so soll er trotzdem so tun, als wäre alles großartig. Falsche Freundlichkeit und ein aufgesetztes Lächeln stehen dabei auf der Tagesordnung. Außerdem zeigen die eigenen Facebook-Profile von Mitarbeitern, dass auch dort das Unternehmen in Posts als Arbeitgeber regelmäßig in den Himmel gelobt wird. Und so ist es nicht verwunderlich, dass ehemalige Mitarbeiter das Gefühl hatten, sie seien einer Sekte beigetreten. Einer von ihnen findet klare Worte:

There’s a real culture of ‚Even if you are f—ing miserable, you need to act like you love this place‘. It is not okay to act like this is not the best place to work.

Facebooks Image als Top-Arbeitgeber hat Risse bekommen. Einige Ex-Mitarbeiter gehen soweit zu sagen, dass diese Kultur der Unterdrückung Schuld an anderen Skandalen des Unternehmens wäre. Datenleaks, Wahlmanipulationen und die Verbreitung von Fake News hätten schon früher aufgehalten werden können, wenn Facebook auf das ehrliche Feedback seiner Angestellten gesetzt hätte. Doch nun muss der Konzern sich mit einem um 30 Prozent gefallenen Aktienkurs und Verlusten im Börsenwert herumschlagen. Ein weiterer Ex-Mitarbeiter spricht mit großem Respekt von Sheryl Sandman und ihren Predigten von ehrlichem Feedback. Jedoch krisitiert er:

I’m pretty disappointed  […] All the things we were preaching, we weren’t doing enough of them. We weren’t having enough hard conversations. They need to realize that. They need to reflect and ask if they’re having hard conversations or just being echo chambers of themselves

Leistungsdruck entsteht, weil die Mitarbeiter einander evaluieren

Um die Leistung ihrer Mitarbeiter im Auge zu behalten, wird bei Facebook zweimal im Jahr ein sogenanntes Stack Ranking durchgeführt. Dabei werden die Angestellten dazu aufgefordert, Feedback ihrer Kollegen einzuholen. Die Ex-Mitarbeiter beschreiben das ganze als Beliebtheitswettbewerb. Es wird versucht sich mit allen Arbeitskollegen gut zu stellen und Freundschaften aufzubauen, um dadurch eine gute Bewertung zu erhalten. Die Reviews werden anonym an den zuständigen Manager geleitet und können nicht angefochten werden. Dementsprechend kam es auch zu verfälschten Bewertungen, die darauf basierten, dass man einen Kollegen nicht mochte.

You have invisible charges against you, and that figures mightily into your review. Your negative feedback can haunt you for all your days at Facebook.

Am Ende der Bewertung werden die Mitarbeiter „benotet“ indem sie in eine von sieben Kategorien gesteckt werden. Jedoch kann es allem Anschein nach nur eine bestimmte Anzahl Mitarbeiter pro Kategorie geben, wodurch der Konkurrenzkampf noch verstärkt wird und sich Kritikpunkte ausgedacht werden. Die Benotung könne man sich wie folgt vorstellen:

  • Redefine, the highest grade, is given to fewer than 5 percent of employees
  • Greatly exceeds expectations: 10 percent
  • Exceeds: 35 percent
  • Meets all: 35 to 40 percent
  • Meets most, a low grade that puts future employment at risk, goes to most of the remaining 10 to 15 percent
  • Meets some grades are extremely rare and are seen as an indication that you’re probably getting fired, according to multiple employees.
  • Does not meet are exceptionally rare, as most employees are fired before they get to that level

Facebook versucht sich gegen Vorwürfe zu verteidigen

Das Unternehmen selbst beschreibt die Kategorien als Richtlinie, an der Manager sich orientieren können. Zudem sei die Methode im Silicon Valley üblich, wobei besonders Microsoft damit im Interesse der Öffentlichkeit landete. Bill Gates‘ Unternehmen schaffte das Stack Ranking 2013 jedoch ab, nachdem es auch dort zu Beschwerden der Mitarbeiter gekommen war. Dies sollte Facebook ebenso zu denken geben.

Natürlich sind Berichte und Beschwerden ehemaliger Mitarbeiter nicht immer für bare Münze zu nehmen. Ein Groll gegen den Arbeitgeber könnte Meinungen immer verfälschen. Jedoch sind Beschwerden mit einem Ausmaß wie es bei Facebook geschieht durchaus repräsentativ. Zudem gibt es Filme wie „The Circle“, die genau diese Problematik aufgreifen und zeigen, wohin es führen kann, wenn ein Tech-Unternehmen seine Mitarbeiter unterdrückt, beeinflusst und in ein sektenartiges Arbeitsumfeld drängt. Zwischen dem Film und Facebook gibt es viele Parallelen. Facebook hat momentan ein enormes Imageproblem – sowohl auf Seiten des Datenschutzes als auch im internen Miteinander.

Über Michelle Winner

Michelle Winner

Nachdem Michelle Winner Erfahrungen in einer Lokalzeitung und im Eventbereich gesammelt hat, unterstützt sie nun seit 2017 die Redaktion und schreibt für das OnlineMarketing.de Karrieremagazin über Themen rund um den Büroalltag.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.