Überstunden kosten ein Jahr Lebenszeit – einen Ausgleich gibt es trotzdem nicht

Mehr als die Hälfte aller Beschäftigten in Deutschland leistet regelmäßig Überstunden. Auf das gesamte Leben hochgerechnet, verlieren wir dadurch über 12 Monate.

© Alina Grubnyak - Unsplash

Hier noch ein Telefonat nach Feierabend, da nochmal Zuhause etwas überarbeiten – insgesamt kosten uns Überstunden ein Jahr unserer Lebenszeit. Das zeigt zumindest der Arbeitszeitmonitor 2019 der Agentur Compensation Partner. Analysiert wurden hierfür 215.000 Daten von Beschäftigten aus Deutschland. Und tatsächlich ist es für über die Hälfte der Befragten Alltag, Überstunden zu leisten.

3 Überstunden pro Woche – zumindest im Durchschnitt

Insgesamt leisten 54 Prozent der Beschäftigten in Deutschland Überstunden – unter den Führungskräften sind es sogar 83 Prozent. So konnte ein Durchschnittswert von etwa drei Überstunden pro Woche ermittelt werden. Jedoch sei dazu gesagt, dass in diese Zahl auch die Angaben von Personen mit einfließen, die keine Überstunden leisten und das Bild so etwas verzerrt wird. Ein Blick auf die einzelnen Werte gibt mehr Aufschluss. Während 46 Prozent also keine Überstunden machen, sind es bei 35 Prozent eine bis fünf Stunden pro Woche. 13 Prozent arbeiten sogar wöchentlich sechs bis zehn Stunden mehr. Mehr als zehn Überstunden verzeichnen zum Glück nur etwas mehr als fünf Prozent. Übrigens: 2009 hatte die Anzahl der Überstunden einen enormen Zuwachs, bedingt durch die Finanzkrise. Damals lag der Durchschnittswert noch bei 6,5 Stunden pro Woche.

© Compensation Partner

Fachkräfte verbringen im Leben 13 Monate mit Überstunden 

Betrachtet man die vorhandenen Werte nach Geschlecht, leisten Männer im Schnitt 1,5 Überstunden mehr als Frauen. Bei den Führungskräften ist die Spanne etwas geringer. Frauen leisten hier pro Woche durchschnittlich 6,8 Überstunden, Männer 7,9. Einen Ausgleich dafür erhält weniger als die Hälfte der Beschäftigten. Und auch hier liegen weibliche Arbeitskräfte hinten: von ihnen erhalten 41 Prozent einen Ausgleich. Unter den Männern sind es dagegen 46 Prozent.

© Compensation Partner

Die Anzahl der Überstunden steigt außerdem mit zunehmendem Alter. Während es mit unter 20 Jahren nur 1,7 Überstunden sind, verdoppelt der Wert sich ungefähr in den Vierzigern und Fünfzigern. Und auch vor dem Rentenalter kehrt keine Ruhe ein, denn: Beschäftigte über 60 leisten die meisten Überstunden pro Woche, im Gesamtdurchschnitt 3,66 Stunden. Bei den Führungskräften allein sind es die über 50-jährigen mit 8,29 Überstunden pro Woche. Während ihrer gesamten Karriere leistet eine Fachkraft 9.655 Überstunden, was etwa 13 Monaten entspricht. In den Führungsetagen sind es sogar 15.390 Stunden, also knapp 21 Monate – wohlgemerkt pro Person.

Steuerberatung erfordert weniger Überstunden als Unternehmensberatung

Betrachtet man die verschiedenen Branchen, so leisten Steuerberater die wenigsten Überstunden, lediglich 1,7 pro Woche. Knapp davor liegt die öffentliche Verwaltung mit 1,95 Stunden. Spitzenreiter der Überstunden nach Branche sind Unternehmensberatungen mit 5,18 Überstunden, gefolgt von Konsum- und Gebrauchsgütern und Logistik, Transport und Verkehr. Überraschend ist, dass sich regional kaum Unterschiede ausmachen lassen. Am meisten arbeiten die Hamburger und Berliner mit jeweils 3,31 Überstunden pro Woche. Die restlichen Bundesländer liegen nur geringfügig über, beziehungsweise unter dem Durchschnittswert von 3,03 Stunden. Und schlussendlich scheint auch das Gehalt Einfluss auf die Anzahl der Überstunden zu haben. Wer wenig verdient, leistet auch die wenigsten Überstunden. Eventuell kann daraus abgeleitet werden, dass die Bereitschaft zu Überstunden mit einem finanziellen Anreiz gekoppelt ist. Wer zwischen 110.000 und 120.000 Euro im Jahr verdient, arbeitet auch am meisten mit 7,19 Überstunden pro Woche.

© Compensation Partner

Generell spricht nichts dagegen, Überstunden zu leisten. Voraussetzung dafür sollte jedoch sein, dass ein Ausgleich von Seiten des Arbeitnehmers zugesprochen wird, sei es in Form von Vergütung oder Urlaubstagen. Außerdem sollte den Arbeitnehmern nicht das Gefühl vermittelt werden, dass Überstunden ein ungeschriebenes Gesetz sind. Ein Zwang zur Mehrarbeit führt zu Stress und Druck, die sich negativ auf die Psyche auswirken. Ebenso sollte die maximale Zahl an Überstunden pro Woche begrenzt werden. Wer zu viel leistet, ist schnell überarbeitet und neigt zu Fehlern sowie gesundheitlichen Beschwerden. Nichtsdestotrotz bleibt es für die meisten von uns Realität, länger auf der Arbeit zu bleiben oder in der Freizeit Aufgaben zu bearbeiten, weil etwas liegen geblieben ist. Jedoch ist jede halbe Stunde mehr Zeit, die uns am Ende in einem anderen Lebensbereich fehlt.

Über Michelle Winner

Michelle Winner

Nachdem Michelle Winner Erfahrungen in einer Lokalzeitung und im Eventbereich gesammelt hat, unterstützt sie nun seit 2017 die Redaktion und schreibt für das OnlineMarketing.de Karrieremagazin über Themen rund um den Büroalltag.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.