Recruiting der Zukunft: Wie künstliche Intelligenz Bewerbungsverfahren beeinflussen wird

Ist das klassische Bewerbungsgespräch am Ende seiner Zeit angelangt? Recruiting orientiert sich fortschreitend an digitalen Tools und setzt auf KI.

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Hat das klassische und langfristig bewährte Bewerbungsgespräch ausgedient? Unternehmen, auch in Deutschland, konzentrieren sich im Bewerbungsprozess zunehmend auf neue Methoden. Wird künstliche Intelligenz zukünftig einen festen Bestandteil im Bewerbungsverfahren darstellen?

Bewerbungstelefonat mit Spachanalyse-Software

Die Digitalisierung dringt immer weiter in den Berufsalltag vor und hält diverse Vorteile, aber auch Nachteile bereit. Auch vor Bewerbungsprozessen macht sie nicht Halt. So findet KI zunehmend Einzug in die Auswahl der Bewerbenden.

Wer sich bei dem deutschen Personaldienstleister Randstad bewirbt, muss seit 2015 zunächst ein Telefonat mit Precire führen. Dies ist eine Sprachanalyse-Software, die die Bewerbenden unabhängig zur ausgeschriebenen Stelle befragt und die Antworten mittels künstlicher Intelligenz kodiert. Lena Lammers berichtet auf Gründerszene, dass diese Ergebnisse Informationen über die Persönlichkeit, die Kommunikation sowie das Verhalten des Bewerbenden geben. Mithilfe dieser Daten könne noch schneller geprüft werden, ob der Kandidat für die ausgeschriebene Stelle geeignet sei. Andreas Bolder, Director Group Human Ressources bei Randstad, meint, dass so auch getestet werden könne, ob die Persönlichkeit der Person zu dem Jobprofil passe.

Menschliche Wahrnehmung ist fehlerhaft und rechtfertigt KI

Auch wenn Bolder einräumt, dass dieses Verfahren kein persönliches Bewerbungsgespräch ersetze, ist das Spachanalyse-System für ihn unverzichtbar. Er betont, dass der persönliche Eindruck von großer Wichtigkeit sei, doch beruft sich auf das psychologische Phänomen des Ähnlichkeitsfehlers. Das bedeutet, dass uns Personen, die uns ähnlich sind, unbewusst sympathischer erscheinen. Im Recruiting führe dieses Phänomen dazu, dass Personaler Bewerbende unbewusst als besser bewerten würden, wenn sie an einen selbst erinnerten. Die menschliche Wahrnehmung sei in diesem Sinne fehleranfällig.

Die Sprachanalyse-Software Precire gewährleistet, dass ein Bewerbungsgespräch unvoreingenommen stattfinden könne. Der Algorithmus bewertet tausende Faktoren. Dazu gehören unter anderem folgende Kennwerte:

  • Worthäufigkeiten
  • Tonfrequenzen
  • Energie
  • Souveränität
  • persönliche Balance
  • Struktur
  • Klarheit
  • Belastbarkeit

Wer trifft nun die Entscheidung? Wird sich bei Randstad eher auf die Ergebnisse des Systems verlassen oder zählt doch die Meinung der Personaler? Gegenüber Gründerszene erklärt Bolder, dass das letzte Wort immer noch bei den Recruitern liege.

E-Recruiting nimmt bei Xing immer größere Rolle ein

Das Online-Karrierenetzwerk Xing baut E-Recruiting immer weiter aus. Bewerbende können sich zum Beispiel per One-Klick-Bewerbung bei ihrem Wunschunternehmen vorstellen. Für suchende Personaler übernahm Xing die cloudbasierte Bewerbermanagement-Software Precreen. Dieses Tool übernimmt die Vorauswahl der Kandidaten und unterstützt somit die Personaler bei ihrer Arbeit. Doch wird es bei der Unterstützung bleiben oder wird es darin münden, dass diese digitalen Tools die Arbeit der Recruiter komplett übernehmen werden?

David Vitrano, Vice President Marketing & New Business Sales bei Xing E-Recruiting, meint, dass man sich diesbezüglich keine Sorgen machen müsse. Zwar würde Recruting sich zwangsläufig ändern, aber die Angst, dass Personaler komplett ersetzt werden, müsse man nicht haben.

3,5 Millionen Stellen werden von Robotern und Algorithmen übernommen

Kann man die These von Vitrano so hinnehmen? Schließlich gehen verschiedene Studien davon aus, dass KI eine Belastung für den Arbeitsmarkt darstellen wird. Eine Bitkom-Studie belegt, dass bis 2022 über alle Branchen hinweg fast 3,5 Millionen Positionen von Robotern und Algorithmen übernommen werden sollen. In Deutschland sind 33 Millionen Menschen beschäftigt. Im Rückkehrschluss würde das bedeuten, dass jeder zehnte Job wegfallen würde. Von dieser Vorhersage ist auch das HR-Wesen nicht ausgeschlossen.

Diese Zahlen sind ziemlich ernüchternd. Aber um die Zusammenhänge zu betrachten, ist es wichtig, auch die Untersuchung des Zentrums für Europäische Wirtschaftsförderung zu betrachten. Diese sieht voraus, dass Roboter zwar Arbeitsplätze ersetzen, aber gleichzeitig neue Positionen schaffen werden. Die Untersuchung prognostiziert, dass bis 2021 die Arbeitsplatzanzahl durch die Digitalisierung jährlich um 0,4 Prozent steigen wird. Diese Ergebnisse wurden mithilfe von Daten einer Befragung ermittelt. Managerinnen und Manager von mehr als 2000 deutschen Unternehmen wurden befragt, wie sie KI einsetzen, wie sich der Einsatz über die letzten fünf Jahre entwickelte und welche Pläne die Firma bezüglich der Digitalisierung verfolgen würde. Außerdem wurden zusätzlich Daten der Bundesagentur für Arbeit mit eingerechnet. So konnten für die Erhebung über 300.000 Arbeitnehmende berücksichtigt werden.

Veränderungen im HR-Wesen und auf dem Arbeitsmarkt allgemein

Ein Zuwachs von 0,4 Prozent scheint im Gegensatz zu den wegfallenden Positionen relativ gering. Ob die Voraussage der Bitkom-Studie wirklich eintreten wird, bleibt fraglich. Gewiss ist, dass Veränderungen bevorstehen und Berufsbilder einem Wandel unterliegen. Lebenslanges Lernen gewinnt laut Bolder an einer immer größer werdenen Bedeutung. So hätten Arbeitnehmende, die bereit seien, dazuzulernen einen Vorteil, indem sie sich neuen Herausforderungen stellen würden. Doch um nicht nur schwarzzumalen, sollte auch über positive Faktoren, die die Digitalisierung mit sich bringt, nachgedacht werden. Eine Infografik aus den USA hebt auch die positiven Effekte des zunehmenden Einsatzes von KI hervor.

Der Arbeitsmarkt und die Berufsbilder werden sich also unter dem Einfluss der Digitalisierung ändern. Dazu zählt auch das HR-Wesen, das mit großer Wahrscheinlichkeit immer intensiver auf KI im Bewerbungsverfahren zurückgreifen wird. Ob Personaler in der Zukunft komplett von digitalen Tools abgelöst werden, bleibt ungewiss. Die Tendenz in Richtung KI ist aber nicht von der Hand zu weisen.

Über Maja Hansen

Maja Hansen

Maja studiert an der Universität Hamburg Germanistik und schreibt seit 2017 für das OnlineMarketing.de Karriere Magazin. Sie behandelt Themen rund um den Büroalltag.

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