Pendeln als Stressfaktor: Ist ein langer Arbeitsweg die Mühe wert?

60 Prozent der Deutschen pendeln jeden Morgen zur Arbeit. Ein Grund dafür sind die hohen Mieten in Städten. Jedoch geht damit auch oft eine sinkende Produktivität einher. Aber gibt es auch Vorteile am Pendeln?

© Adelin Preda - Unsplash

In Deutschland machen sich jeden Morgen rund 18 Millionen Pendler auf den Weg zur Arbeit. Die Länge des Arbeitsweges variiert dabei: Die einen müssen vom Land in die nächstgrößere Stadt fahren, andere legen Strecken wie Hamburg-Berlin tagtäglich zurück. Und auch Personen, die quer durch ihre eigene Stadt fahren müssen und dafür 40 Minuten und mehr benötigen, kann man sicherlich zu den Pendlern zählen. Doch auch wenn viele von ihnen die Strapazen freiwillig in Kauf nehmen, beweisen Studien, dass Pendeln sich negativ auf Arbeitsleistung und Psyche auswirkt.

Die Gründe fürs Pendeln liegen auf der Hand

Trotz der Unzuverlässigkeit der öffentlichen Verkehrsmittel und morgendlichen Staus im Berufsverkehr, ist Pendeln vor allem für Fach- und Führungskräfte üblich. Doch wieso tut man sich diesen Stress überhaupt an? Oft sind zu hohe Mieten und mangelnder Wohnraum in den Städten ein Faktor, der die Arbeitnehmer dazu bringt, sich eine Wohnung weiter außerhalb zu suchen. Hinzu kommt, dass einigen das Stadtleben nicht gefällt und vor allem Familien sich ihr Eigenheim lieber in kleineren Gemeinden errichten. Aber auch ein besseres Jobangebot ist ein Grund dafür, von einer Stadt in die andere zu Pendeln. Marc Frewert ist jeden Morgen von Ulm nach Stuttgart unterwegs. Pendeln ist für ihn ein solch großes Thema geworden, dass er einen Blog darüber gestartet hat. In diesem erklärt er auch die Vor- und Nachteile des Ganzen.

Nachteile für Pendler

1. Zeitverlust

Pendeln ist ein totaler Zeitfresser. Je länger der Arbeitsweg, desto früher muss man aufstehen. Dementsprechend gehen viele auch früher ins Bett. Abends ist man später Zuhause. Pendler fühlen sich dadurch zum Teil gehetzt und sogar die Beziehungen zu Familie und Freunden bleiben auf der Strecke. Die Wochenenden sind oft die einzige Möglichkeit, seine Freizeit wirklich zu nutzen und vielleicht sogar einem Hobby nachzugehen. Hinzu kommt mangelnde Flexibilität. Wenn die Kollegen nach der Arbeit noch etwas trinken gehen wollen, müssen Pendler zunächst überlegen, wie sich dies auf ihre Heimreise auswirkt. Freizeitplanung wird so zu einem regelrechten Stressfaktor.

2. Karrierebremse

Pendeln kann sich außerdem auch negativ auf die Karriere auswirken. Eine Studie aus den USA zeigte, dass Bewerber mit einem weitem Anfahrtsweg seltener eine Einladung zum Bewerbungsgespräch erhielten. Ob dies eins zu eins auf Deutschland übertragbar ist, bleibt fraglich. Jedoch erklärt Hannes Zacher, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie, dass Pendler häufig Probleme mit der Pünktlichkeit haben. Meistens unverschuldet. Doch trotzdem könnten Chefs das Zuspätkommen negativ auffassen und demnach Konsequenzen ziehen. So können Pendler es schwerer haben, befördert zu werden.

Infografik: Auf dem Arbeitsweg | Statista

3. Stress

Psychologe Zacher betont außerdem die negativen Folgen für Gesundheit und Psyche. Ein stressiger Arbeitsweg sorgt dafür, dass viele das Büro bereits angespannt erreichen. Dadurch sinkt nicht nur die Motivation, sondern auch die Arbeitsleistung. Und auch Frewert bestätigt die psychische und physische Belastung. Neben Rücken- und Nackenschmerzen, belastet Pendler auch der Zeitdruck. Jede Verzögerung bei der Anfahrt ist Zeit, die aufgeholt werden muss. Aber das Ganze geht auch umgekehrt: Muss ein Pendler spontan länger im Büro bleiben, ist er dementsprechend später Zuhause. So werden manchmal Absprachen nicht eingehalten, die man mit dem Partner, den Kindern oder Freunden getroffen hat. Frewert sagt: „Und diese Situationen sind sehr stressig, die mentale Belastung enorm. Man stellt niemanden zufrieden, sich selbst eingeschlossen“.

4. Verkehrschaos

Ein relativ offensichtlicher Nachteil des Pendelns ist die Abhängigkeit von der aktuellen Verkehrslage. Wer morgens mit dem Auto in die Stadt fährt, sollte sich auf Staus einstellen und dementsprechend mehr Zeit einplanen. Und leider werden Pendler auch oft von den öffentlichen Verkehrsmitteln im Stich gelassen. Neben Verspätungen durch höhere Gewalten wie Sturm und Schnee, gibt es häufig Betriebsstörungen und Zugausfälle – natürlich immer zur Rush Hour. Selbst wenn man einen Zeitpuffer für solche Fälle einbaut: unverhofft kommt oft. Und verkehrt ein Zug nur stündlich, dann bleibt dem Pendler nichts weiter übrig, als auf den nächsten zu warten.

Vorteile für Pendler

Doch Pendeln muss nicht unglücklich machen. Frewert erklärt zum Beispiel in seinem Blog, dass Pendler meist exzellente Organisationstalente sind. Außerdem gelingt es ihnen „besser Feierabend zu machen“. Heißt, da sie auf die Abfahrtzeiten von S-Bahn und Co. angewiesen sind, machen sie meist pünktlich Schluss mit der Arbeit und haben anschließend auf der Fahrt Zeit dafür den Tag Revue passieren zu lassen. So gelingt es ihnen oft, Abstand zu den Ärgernissen und dem Stress des Tages zu gewinnen, ehe sie Zuhause angekommen sind. Pendler haben so nicht nur physisch, sondern auch mental Feierabend und können sich auf die verbliebene Freizeit konzentrieren.

Im Umkehrschluss können sie sich aber auch während der Anfahrt zur Arbeit schon auf diese vorbereiten. Zum Beispiel lassen sich Abläufe im Kopf schon einmal abspielen und man kann die Fahrt nutzen, sich Notizen und To-do-Listen zu schreiben. Abgesehen davon können die Fahrten aber auch für Beschäftigungen genutzt werden, die sonst zu kurz kämen. Viele Pendler lesen ein Buch, hören Podcasts und Hörbücher oder schauen sogar eine Serie auf Smartphone oder Tablet. Oder sie blenden die Außenwelt komplett aus und holen etwas Schlaf nach.

Die Rolle der Arbeitgeber beim Pendeln

Hannes Zacher betont des Weiteren, dass auch Chefs den Pendlern entgegen kommen können. Dies beginnt mit Kleinigkeiten, wie dem Aufstellen von Fahrradständern, und reicht bis hin zur Installation von Duschen. Zudem könnten intern auch Fahrgemeinschaften gebildet werden, um somit nicht nur die Arbeitnehmer, sondern auch die Umwelt zu schonen. Ist der Arbeitsplatz schlecht mit den Öffentlichen zu erreichen, können Arbeitgeber sich dafür einsetzen, dies zu ändern. Und auch Frewert betont die Rolle von Arbeitgebern und Kollegen. So habe er mit eben diesen abgesprochen, dass Meetings, wenn möglich, nicht direkt am Morgen oder erst kurz vor Feierabend stattfinden. Zudem sagt er, dass die Zeit in Bus und Bahn auch produktiv genutzt werden kann.

Tatsächlich gab es jüngst Diskussionen darüber, ob das Pendeln nicht als Arbeitszeit gelten könne. Natürlich nur dann, wenn in dieser Zeit auch Aufgaben für die Arbeit erledigt werden. Doch genau dies versucht ein Großteil der Pendler bereits. Aufgehalten werden sie jedoch meist durch fehlende WLAN Hotspots. Dabei wäre das Arbeiten auf dem Weg zur Arbeit nicht zwingend anders als die Option Home Office. Dafür muss sich jedoch erst noch einiges an Deutschlands digitaler Infrastruktur ändern, die der von anderen Ländern gefühlt um Lichtjahre hinterherhinkt. Nichtsdestotrotz sollten Pendler versuchen, die Zeit auf dem Weg zur Arbeit zu nutzen – egal ob für Freizeit oder Berufliches. So werden unerwartete Fahrplanänderungen entspannter hingenommen und der allgemeine Stresspegel gesenkt.

Über Michelle Winner

Michelle Winner

Nachdem Michelle Winner Erfahrungen in einer Lokalzeitung und im Eventbereich gesammelt hat, unterstützt sie nun seit 2017 die Redaktion und schreibt für das OnlineMarketing.de Karrieremagazin über Themen rund um den Büroalltag.

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