New Work ist in Deutschland noch nicht etabliert – Es fehlt ein Umdenken

Besonders fehlende Flexibilität und eingefahrene Führungsebenen sorgen dafür, dass Arbeit 4.0 sich nur langsam ausbreitet. Dabei braucht New Work auch New Management.

© Brendan Church - Unsplash

New Work ist in aller Munde und viele Unternehmen behaupten von sich selbst, dass sie die Modelle von Arbeit 4.0 bereits erfolgreich umsetzen. Doch ist das wirklich so? Oder werden Flexibilität und flache Hierarchien zwar in Unternehmensbeschreibungen genannt, aber gar nicht wirklich gelebt? Otto hat nun den Branchenvergleich gemacht und herausgefunden: New Work ist in Deutschland immer noch nicht ganz angekommen.

6 Prinzipien, die New Work ausmachen 

Der Branchenvergleich von Otto untersucht und bewertet sechs Faktoren von New Work:

  1. Flexibilität: Eine ausgewogene Work-Life-Balance soll durch flexible Arbeitszeiten und die Möglichkeit auf Home Office geschaffen werden. Dabei kommen auch neue Arbeitsmodelle, wie die 4-Tage-Woche zum Tragen.
  2. Flache Hierarchien: Die Zeiten in denen der Chef als gottgleiche Figur betrachtet wird, sind vorbei. Führungskräfte müssen lernen ihren Mitarbeitern zu vertrauen, sie zur Selbstständigkeit ermutigen und Verantwortungen abgeben.
  3. Agilität: Vor allem im Projektmanagement ist es wichtig, dass Unternehmen fähig sind, schnell auf Veränderungen zu reagieren. Und auch Lernagilität, also das Lernen aus Erfahrungen, wird hier groß geschrieben.
  4. Digitalisierung: Unternehmen müssen lernen, sich an den technischen Fortschritt anzupassen und ihre Mitarbeiter dahingehend schulen. Hinzu kommt, dass die Angst vor der Technik überwunden werden muss.
  5. Individualität: Mitarbeiter sollen die Chance auf Selbstverwirklichung erhalten. Nur so kann ihr volles Potenzial ausgeschöpft werden. Wertschätzung spielt dabei eine bedeutende Rolle, ebenso wie die Tatsache, das Arbeitsplätze immer bunter und toleranter werden.
  6. Neue Bürokonzepte: Der Arbeitsplatz soll inspirierend und ein Ort zum Wohlfühlen sein – auch wenn es um Arbeit geht. Außerdem gewinnen Coworking Spaces immer mehr Freunde.

Für den Branchenvergleich orientierte sich Otto bei der Auswertung vor allem an den ersten vier Punkten.

Die „Konservativen“ überraschen in Sachen Flexiblität

Banken und Versicherungen haben den Ruf, rückständig zu sein und zu sehr an den traditionellen Werten festzuhalten. Dabei wurde festgestellt: Home Office, Kinderbetreuung und flexible Arbeitszeiten werden genau in solchen Unternehmen besonders häufig angeboten. Die IT-Branche, die im Gegensatz dazu häufig für ihre Fortschrittlichkeit gelobt wird, schneidet hingegen nur durchschnittlich ab. Auf den letzten Plätzen landen die Automobilbranche, Telekommunikationsbranche und Handel. Schichtarbeit und der klassische Nine-to-Five Job halten sich dort hartnäckig.

Flache Hierarchien gibt es vor allem in der IT-Branche

Insgesamt sind 37 Prozent der Führungskräfte der Überzeugung, dass ihre Hierarchien eher flach sind. 32 Prozent der Fachkräfte sehen das genauso. Heruntergebrochen auf die einzelnen Branchen ergibt sich folgendes Bild: Vor allem in der IT wird auf Augenhöhe gearbeitet. So ergibt sich hier auf einer Skala von 1 bis 4 (1 = hierarchisch; 4 = flach) ein Wert von 2,45. Dahinter folgen die Telekommunikationsbranche (2,2) und Maschienen- und Anlagenbau (2,14). Auf dem letzten Platz finden sich die üblichen Verdächtigen: die Banken.

Was diese Übersicht deutlich macht, ist, dass es Führungskräften in Deutschland anscheinend immer noch schwer fällt, Verantwortungen abzugeben und auf Augenhöhe mit ihren Angestellten zu arbeiten. Dabei sind flache Hierarchien in vielerlei Hinsicht wünschenswert: Sie geben Mitarbeitern den Freiraum zur Selbstentfaltung und sie verkürzen unnötige Entscheidungswege.

Den Unternehmen fehlt es an Agilität 

Obwohl Agilität gerade in unserer schnelllebigen Welt wichtig ist, finden agile Arbeitsmethoden immer noch zu wenig Anwendung. Gerade einmal zehn Prozent der Mitarbeiter sind mit diesen vertraut. Immerhin bei den Führungskräften zeichnet sich ein anderes Bild ab. Dabei wurde vor allen Dingen die Lernagilität untersucht, also die Fähigkeit, aus Erfahrungen zu lernen und sich schnell an neue Gegebenheiten anzupassen. Hier liegen Pharmaindustrie, Technologiesektor und Handel weit über dem Durchschnitt. Auf den hinteren Plätzen befinden sich Versicherungen und die Automobilbranche, wenn auch nur mit wenig Abstand zu den vorderen Plätzen.

Während also die Führungskräfte scheinbar verstanden haben, wie wichtig Agilität vor allem im Projektmanagement ist, fehlt es an der Kommunikation mit den Mitarbeitern. Als „Ausführende“ müssen jedoch gerade sie lernen, wie man agil vorgeht und somit das Gelingen eines Projekts absichert.

IT geht nicht ohne Digitalisierung

Um sich der Digitalisierung anzupassen und mit dieser zu leben, braucht es Strategien. Eine große Hürde dabei scheint für knapp die Hälfte aller Unternehmen die IT-Sicherheit darzustellen. Wenig überraschend ist jedoch, dass in der Informations- und Telekommunikationstechnologie fast 90 Prozent der Unternehmen eine fest verankerte Digitalisierungsstrategie haben. Dicht darauf folgen Chemie- und Pharmaindustrie und Maschinen- und Anlagenbau mit jeweils 82 Prozent. Grund dafür ist, dass es in diesen Bereichen zu vielen Automatisierungsprozessen gekommen ist, beziehungsweise kommen wird. Auf dem letzten Plätzen finden sich erneut Banken und Versicherungen (73 Prozent) und die Automobilbranche (72 Prozent).

Die hinteren Platzierungen bedeuten nicht, dass es in diesen Bereichen wenig Digitalisierung gibt, sondern dass es keine konkreten Strategien zur Verankerung dieser in den Unternehmen gibt. Dabei sollten gerade Banken und Versicherungen in Sachen IT-Sicherheit auf dem neuesten Stand sein. Und auch die Automobilbranche kann sich nicht vor der Automatisierung schützen und sollte daher Arbeitskräfte, deren Arbeit vielleicht durch Maschinen ersetzt wird, anderweitig schulen.

Was lässt sich also über New Work in Deutschland sagen?

Ganz klar ist Deutschland in Sachen Digitalisierung gut aufgestellt und viele Unternehmen arbeiten bereits aktiv daran, diese als Chance zur Weiterentwicklung zu nutzen. Doch New Work bedeutet eben nicht nur Digitalisierung. Viele Unternehmen scheinen die Bedeutung von Agilität noch nicht begriffen zu haben. Und auch an der Flexibilität mangelt es in vielen Branchen. Ein Grund dafür könnte unter anderem sein, dass viele Führungsebenen eine ausgeglichene Work-Life-Balance mit Faulheit verwechseln. Schließlich hält sich in Deutschland immer noch der Aberglaube, dass man nur hart arbeitet, wenn man am Ende des Tages todeserschöpft ins Bett fällt.

Und auch die Führungskräfte selbst müssen noch viel dazulernen. Ein Großteil von ihnen hat immer noch Angst davor, ihre Macht zu verlieren. Dabei erfordert New Work auch New Management. Natürlich muss auch immer bedacht werden, dass die Prinzipien von New Work sich nicht in jedem Job Eins zu Eins umsetzen lassen. Doch gerade wenn es möglich ist, sollte dem Ganzen eine Chance gegeben werden. Denn was bringt es einem Unternehmen, an alten Traditionen festzuhalten und gestresste, frustrierte und ungenügend geschulte Mitarbeiter zu erzeugen, anstatt sich den neuen Herausforderungen zu stellen? New Work zu etablieren ist nicht einfach – aber es ist machbar, wenn sowohl Führungskräfte und Mitarbeiter Hand in Hand arbeiten. Wer also nochmal die wichtigsten Prinzipien von New Work zusammengefasst haben möchte, kann auf die folgende Infografik von Otto schauen:

Über Michelle Winner

Michelle Winner

Nachdem Michelle Winner Erfahrungen in einer Lokalzeitung und im Eventbereich gesammelt hat, unterstützt sie nun seit 2017 die Redaktion und schreibt für das OnlineMarketing.de Karrieremagazin über Themen rund um den Büroalltag.

3 Gedanken zu „New Work ist in Deutschland noch nicht etabliert – Es fehlt ein Umdenken

  1. Hansi

    Zwei meiner Freunde haben sich als Consultant selbstständig gemacht und leben mehr als gut davon. Grund dafür ist, dass in vielen Unternehmen die Führungskräfte ihren eigenen Mitarbeitern misstrauen und sich lieber von einem aussenstehenden beraten lassen. Offenbar befürchten sie einen Ansehens- und Machtverlusst wenn sie sich den Vorschlägen ihrer eigenen Mitarbeiter anschließen. Oft gibt es auch Konflikte zwischen den neu hinzugekommenen, jungen und dynamischen Chefs und älteren Mitarbeitern. Die jungen schimpfen weil die alten so stur sind und sich nicht willig den Ideen und Visionen der jungen Generation unterordnen wollen, die alten befürchten mit Recht das der Jungspund das Unternehmen ruiniert und sie ihren Arbeitsplatz verlieren. Das ist ein Konflikt der schwer aufzulösen ist und der Geduld und Fingerspitzengefühl erfordert, Eigenschaften die nicht sehr weit verbreitet sind.

    Hansi

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  2. David

    Hi,
    New Work ist meiner Meinung nach ein wichtiger Bestandteil in der heutigen Gesellschaft. Unternehmen verschiedener Branchen könnten im gleichen Atemzug der Digitalisierung und optimierung von Geschäftsprozessen New Work mit einbauen.

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  3. Ruedi Wunderlin

    Hallo, habe selbst vier Jahre in NewYork gelebt und für einen Pharmariesen gearbeitet. Zum Thema flache Hierachien folgendes: Die Hierachien sind vorhanden, doch bleiben sie solange im Hintergrund bis sie benötigt werden. CEOs von Großkonzernen werden agebetet wie heilige Kühe und das Board oder auch mittlere Management, glaubt den Herzschlag dieser Damen und Herren zu hören. Dies wird genutzt um die eigene Hierachieebene zu stärken. Manager der oberen Ebene werden oftmals dazu missbraucht, die eigenen Ideen als deren Ideen zu verkaufen.
    Gruß
    Manhattan

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