Strafe der Elternschaft: Wie stark Mütter in der Arbeitswelt benachteiligt werden

Am 12. Mai ist Muttertag zur jährlichen Anerkennung von Mamas weltweit. Am Arbeitsplatz entfällt diese jedoch komplett, wie Studien zeigen.

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Vater geht arbeiten, Mutter bleibt mit den Kindern Zuhause. Eine gesellschaftlich längst überholte Idee, gleichberechtigt sind Mann und Frau am Arbeitsplatz dadurch aber leider nicht. Vor allem Mütter scheinen mit einer enormen Diskriminierung zu kämpfen, wie neueste Studien von Dr. Yvonne Lott zeigen. Ein Problem, das offenbar besonders in Deutschland präsent ist. Die Frage ist, inwiefern man es lösen könnte.

Der Gender Pay Gap

Um nachzuvollziehen, inwiefern Mütter in der Arbeitswelt benachteiligt werden, muss man verstehen, inwiefern Frauen hierbei allgemein im Nachteil sind. Am einfachsten lässt sich dies natürlich über klare Zahlen feststellen und somit anhand von Gehältern. Zwischen diesen liegt nämlich eine unverkennbare Diskrepanz, der sogenannte Gender Pay Gap. 2017 gab das statistische Bundesamt die aktuellsten Daten zum Gehaltsunterschied bekannt, denen zufolge Frauen im Jahr 2016 einen Bruttostundenverdienst von 16,26 Euro, Männer hingegen einen von 20,71 Euro hatten. Dadurch liegt ein Unterschied von 21 Prozent in Deutschland vor. Bei diesen 21 Prozent handelt es sich allerdings nur um den unbereinigten Gender Pay Gap. Das heißt, dass lediglich Gehälter insgesamt betracht werden, unabhängig von strukturellen Unterschieden wie Differenzen bei Branche und Beruf, ob Voll- oder Teilzeit gearbeitet wird, oder – in diesem Fall besonders wichtig – Mutterschaft oder Vergleichbares. Ein Teil des Gehaltsunterschiedes kommt nämlich dadurch zustande, dass Frauen durchschnittlich mehr Zeit mit der Erziehung verbringen und demnach auch öfters Teilzeit arbeiten. Muttersein selbst ist also ein direkter Faktor für Gehaltsunterschiede zwischen Mann und Frau. Ergo beantwortet der Gender Pay Gap allerdings nicht, ob Frauen für vergleichbare Arbeit weniger Gehalt bekommen als Männer, sondern nur, ob sie insgesamt weniger verdienen.

Stetig aber langsam holen Frauen beim Gehalt auf. Der Gehaltsunterschied scheint nichtsdestotrotz konstant. © Destatis. 

Der bereinigte Gender Pay Gap, das heißt der Verdienst zwischen Mann und Frau, bei vergleichbarer Arbeit und Qualifikation, liegt zurzeit bei 6 Prozent. Das statistische Bundesamt verweist hierbei explizit darauf, dass der Pay Gap jedoch auch geringer ausfallen könnte, aufgrund von nicht messbaren Faktoren wie beispielsweise Risikobereitschaft, wodurch die 6 Prozent nicht als bloßer Sexismus zu verstehen sind. Je nachdem werfen beide Zahlen allerdings unterschiedliche Probleme auf. Die 21 Prozent sprechen für eine gewisse gesellschaftliche Erwartungshaltung, die 6 Prozent für allgemeine Diskriminierung. Mütter sind von beidem betroffen.

John und Jennifer? John!

Eine interessante Studie hierzu wurde 2012 von der PNAS durchgeführt. An diverse wissenschaftliche Arbeitgeber wurden zwei identische Lebensläufe gesendet, mit Ausnahme eines kleinen Unterschiedes: die Namen. Ein Lebenslauf erfolgte unter dem Namen John, der andere unter dem Namen Jennifer. Zwei Namen, die zuvor auf Sympathie und Wiedererkennungswert getestet wurden und hierbei gleich abschnitten, um eine möglichst neutrale Auswirkung und -wertung zu garantieren. Trotz identischer Lebensläufe und Qualifikationen, schnitt John insgesamt wesentlich besser ab. Nicht nur ein höheres Gehalt wurde ihm angeboten, sondern auch mehr Karriere-Förderungsmöglichkeiten und Dergleiches.

Trotz gleicher Qualifikationen sollte John durchschnittlich 4500 US-Dollar mehr im Jahr verdienen.© PNAS 

Auf Nachfrage wurde festgestellt, dass Jennifer für weniger kompetent gehalten wurde als John, jedoch nicht nur von männlichen, sondern auch weiblichen Arbeitgebern. Es scheint dementsprechend ein gewisses soziales Stigma gegenüber Frauen in der Arbeitswelt gegeben zu sein; eine Diskriminierung anhand des Geschlechts.

Mütter trifft es am härtesten

Dass Frauen es im Beruf allgemein schwieriger haben als Männer, ist also nicht zu leugnen. Besonders Mütter geraten hierbei in Leidenschaft, da diese am stärksten von der Diskriminierung betroffen sind, wie die Studie von Dr. Yvonne Lott zeigt. Der zufolge verdienen arbeitnehmende Mütter nach einem Jahr Elternzeit zehn Prozent weniger pro Stunde als zuvor. Väter sind hiervon jedoch kaum betroffen. Die Gründe für die plötzliche Gehaltsreduktion sind dabei recht simpler Natur. Viele Mütter wechseln die Arbeitsstelle, um Arbeit und Kind besser zu vereinbaren, andere gehen in Teilzeitberufe und nochmals andere werden vom Arbeitgeber in unwichtigere Positionen versetzt wie der Sachbearbeitung. Alles Faktoren, die sich auf das letztendliche Gehalt auswirken können. Aufgrund der Arbeitspause, beziehungsweise Elternzeit, die viele Mütter in Anspruch nehmen, verlieren sie in den Augen mancher Chefs scheinbar an Qualifikation. Besonders Ärztinnen und Juristinnen sind laut Lott hiervon betroffen. Mutterschaft sei gleichzustellen mit mangelnder Karriereorientierung, wie auch die Süddeutsche berichtet.

Gibt es Gegenmaßnahmen?

Während in Schweden und den USA gleitende Arbeitszeiten eine große Hilfe für Mütter darstellen, scheint dies in Deutschland nur ein weiteres Problem darzustellen. Bei Gleitzeiten dürfen die betroffenen Mütter selbst bestimmen, wann ihr Arbeitstag beginnt und wann er endet, was eine bessere Vereinbarkeit von Kind und Arbeit ermöglichen soll. Deutsche Firmen würden Müttern, welche die Gleitzeit beanspruchen, allerdings nur noch weniger Leistung zutrauen, so Lott. Das Vorurteil gegenüber Mutterschaft wird dadurch nur verstärkt. Der Soziologin zufolge läge das an Folgendem:

Zudem könnten flexible Arbeitszeiten die Lohneinbußen von Müttern mit langer Elternzeit sogar noch verstärken. Denn Müttern wird häufig unterstellt, flexible Arbeitsarrangements für außerberufliche Angelegenheiten zu verwenden, was zu Karrierenachteilen führen kann. […] Längere Elternzeiten gelten als ein Signal für weniger Arbeitsengagement. Haben Mütter zudem Gleitzeit und damit mehr Selbstbestimmung über ihre Arbeitszeiten, scheinen sie noch stärker stigmatisiert zu werden. Denn Beschäftigte und vor allem Mütter, die ihre Flexibilität für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie nutzen oder denen eine solche Nutzung unterstellt wird, werden nicht als ideale Arbeitskräfte gesehen und erfahren daher Karrierenachteile.

Hierzulande stellt Gleitzeit also keine Option da, um Müttern mehr Karrierechancen zu bieten. Dr. Yvonne Lott zufolge gäbe es anhand von internationalen Studien andere Möglichkeiten. Zunächst wäre eine Abschaffung des Ehegattensplittings möglich. Das Splitting würde nämlich für Mütter den Fehlanreiz setzen, entweder dem Arbeitsmarkt fernzubleiben oder die Arbeitszeit deutlich zu reduzieren. Würde man Gehälter individuell besteuern, wäre Vollzeitarbeit auch für verheiratete Mütter attraktiver. Die Verlängerung der Partnermonate in der Elternzeit sei ebenso möglich, um langfristig das Engagement von Vätern bei der Kinderbetreuung zu steigern. Dies könnte ebenfalls dem sozialen Stigma der Mutterschaft entgegenwirken und somit einen positiven Effekt auf die Gleichberechtigung der Mutter haben. Die Logik dabei ist folgende: Sofern Männer, welcher von dieser Diskriminierung nicht betroffen sind, mehr die an Frauen gestellte Erwartungshaltung besetzen, wäre dies ein allgemein anerkanntes Verhalten, statt einen speziell von Frauen praktizierten, das Grund zur Benachteiligung bietet. Zuletzt schlägt Lott ein Recht auf Familienarbeitszeit vor. Diese sieht eine kürzere Arbeitszeit für beide Elternteile vor, um so eine partnerschaftliche Arbeitsteilung zu fördern und somit auch progressive Geschlechterbilder.

Ein langer Weg

Im Ranking der Gleichstellung von Müttern schneidet Deutschland außergewöhnlich schlecht ab und statuiert ein Armutszeugnis der Gleichberechtigung – in einem Land, in dem diese per Gesetz verordnet ist. Es existiert weiterhin eine gesellschaftliche Erwartungshaltung, dass Frauen mit Kindern Zuhause bleiben – und diese wird letztendlich gestraft. Man muss sich als Gesellschaft weiterentwickeln, um den entgegenzuwirken, eventuell unter Anwendung von Lotts Vorschlägen. Bis dahin dauert es allerdings.

Ökonomieprofessor Josef Zweimüller spricht von einer Kinder-Strafe. Als die Süddeutsche ihn fragte, ob dies als Begriff nicht ein wenig hart sei, erwiderte er dazu Folgendes:

Leider muss man das tatsächlich so sehen: Für Frauen sind Kinder beim Gehalt eine Strafe. Mütter verdienen auch dann noch erheblich weniger als Männer, wenn das erste Kind fünf bis zehn Jahre alt ist. In Deutschland verdienen Mütter zehn Jahre nach der Geburt des ersten Kindes im Schnitt 61 Prozent weniger als im letzten Jahr vor der Geburt! […] Aus meiner Sicht zeigt unsere Studie: Mit Kindergeld und Krippenplätzen alleine lassen sich nicht alle Unterschiede aufheben. Wir sehen nämlich auch, dass die Gehaltseinbußen mit den gesellschaftlichen Erwartungen und sozialen Normen einhergehen.

Das mag zynisch klingen, doch auch wenn der Muttertag eine gut gemeinte Geste ist, hilft sie Müttern nicht bei der dahinterstehenden Problematik. Sicherlich freut das weibliche Elternteil sich über die Pralinen und Blumen am für sie bestimmten Tag, aber laut Lott bräuchten Mütter eigentlich was ganz anderes. Denn, so aufmerksam die Geschenke auch sein mögen, kompensiert der eine Tag im Jahr nicht die 364 weiteren der Benachteiligung.

Über Toni Gau

Toni Gau

Toni Gau ist freischaffender Blogger, wobei sein Augenmerk auf Popkultur, Literatur und Storytelling liegt, mit eigens geschriebenen Geschichten zwischendrin. Nach dazugehörigem Studium setzt er hier nun seine Arbeit fort und schreibt seit März 2019 für OnlineMarketing.de

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