Motivationsschreiben in der Bewerbung: No-Go oder Chance?

Kann ein Motivationsschreiben dir helfen, aus der Masse an Bewerbern hervorzustechen? Oder sehen Personaler es als Zeitverschwendung? Ein Selbstexperiment gibt Aufschluss.

© Kaitlyn Baker - unsplash

Personalabteilungen erhalten meist unzählige Bewerbungen. In dieser Masse herauszustechen ist nicht einfach, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass die Personaler selbst sich meist nur wenige Sekunden Zeit pro Bewerbung nehmen. Da muss der erste Eindruck sitzen und meist ist der Lebenslauf das, was zählt. Daher stellt sich die Frage, ob sich ein Motivationsschreiben – auch Dritte Seite genannt – überhaupt lohnt.

Zeit ist ein knappes Gut im Personalwesen

Ein Unternehmen schreibt eine Stelle aus und schon nach kurzer Zeit erhält es zig Bewerbungen. Kein seltener Fall. Die Annahme, dass all diese aufmerksam gelesen werden, ist falsch. Dafür haben die meisten Personaler einfach keine Zeit. Dabei wird vor allem das Anschreiben außen vor gelassen – 20 Prozent lesen dieses gar nicht erst. Grund dafür ist neben dem Zeitmangel vor allem die oftmals fehlende Aussagekraft. Doch wenn schon die erste Seite der Bewerbung kaum Beachtung findet, wozu dann eine Dritte hinzufügen?

Berechtigter Einwand. Eigentlich soll das Motivationsschreiben interessante Punkte in deinem Lebenslauf genauer erläutern und, wie der Name suggeriert, deine Motivation und Eignung für den Job noch einmal hervorheben. Das Problem ist, dass die Dritte Seite oft mit Phrasen vollgestopft wird, anstatt mit kreativen Attention Grabbern. Zudem wiederholen die meisten Bewerber einfach Punkte, die bereits im Anschreiben genannt wurden. Personaler sind davon eher genervt und anstatt für Mehrwert sorgt das Motivationsschreiben am Ende für eine Absage. Ein Recruiter der Techniker Krankenkasse sagt dazu:

Kompetenzprofile sind im Kommen. Aber weder sie noch die ‚Dritte Seite‘ ist für unsere Entscheidung ausschlaggebend. Für diese zusätzlichen Informationen bleibt bei der großen Anzahl an Bewerbungen oft kaum Zeit. Wir entscheiden im Wesentlichen nach harten Kriterien wie der Passgenauigkeit zwischen Bewerber und Stelle. Das, was Bewerber auf der ‚Dritten Seite‘ schreiben, wird in der Regel ohnehin im Vorstellungsgespräch thematisiert.

Motivationsschreiben im Test – Bringt es Vorteile?

Text- und Soziolingutinstin Selma Junele stellt sich oft die Frage, wie ein Text beim Adressaten ankommt. So eben auch ein Motivationsschreiben. Also verfasste sie eines und schickte dieses an etwa 100 Unternehmen. Dabei betont sie, dass diese Bewerbungen durchaus ernstgemeint waren. Wieso muss sie dies betonen? Naja, ihr Schreiben beginnt wie folgt:

Diese Motivationsschreiben ist scheisse. Es ist vielleicht besser, wenn Sie gleich die nächste Bewerbung zur Hand nehmen und die vorliegende auf den C-Haufen packen. Sie haben ja wahrscheinlich noch 200 andere Bewerbungen zu sichten.

Mehr als gewagt und sehr experimentell. Junele erklärt, dass sie drei Tatsachen auf die Probe stellen wollte, mit denen sie bei der Jobsuche oft konfrontiert wurde:

  1. Redaktionen suchen Bewerber die „lesenswert“ sind. Würde ihre kreative Formulierung Anklang finden?
  2. Personaler haben nur Sekunden pro Bewerbung. Würde trotzdem jemand ihr Schreiben lesen?
  3. Unternehmen erhalten 50, 100 oder mehr Bewerbungen. Würde sie herausstechen?

Schnell war Juneles Motivationsschreiben verfasst und ihren Bewerbungen beigefügt. Darin schreibt sie unter anderem: „Aber es gehört eine ordentliche Portion Selbstüberschätzung dazu, wenn man sich auf eine Stelle bewirbt, auf welche sich noch mehrere hundert, mindestens genauso gut qualifizierte Bewerber*innen bewerben.“ Anstatt ihre Skills ausdrücklich zu betonen und ihre Person in den Himmel zu loben, spricht Junele die Probleme des Personalwesens an – auf eine durchaus unterhaltsame Art. So wie hier zum Beispiel:

Was, Sie sind immer noch dabei? Dies sagt mehr über Sie und Ihre Arbeitsweise aus als Ihnen lieb ist: Sie haben eine Schwäche fürs Unterhaltsame. Denn sonst hätten Sie die vorliegende Bewerbung schon längst weggelegt. Es macht ja nun auch wirklich keinen Sinn, eine Person einzustellen, die einen verarscht, noch ehe man sie kennengelernt hat.

Wer das gesamte Schreiben lesen möchte, kann das hier auf Juneles Website tun.

Welche Resonanz bekam das gewagte Motivationsschreiben?

An dieser Stelle sei kurz angemerkt, dass dieses Schreiben nicht als Dritte Seite eingefügt wurde, sondern als Erste. Danach folgte das konventionelle Anschreiben. Heute ist es oft so, dass Unternehmen ein Motivationsschreiben anstelle des klassischen Anschreibens verlangen. Was genau du beifügen sollst, geht meist aus der Ausschreibung hervor. Aber erstmal zurück zu Junele. Tatsächlich erhielt sie im Wochentakt Einladungen zu Bewerbungsgesprächen und viele positive Rückmeldungen – selbst bei Absagen. Denn in diesen Ablehnungsschreiben wurde oft direkt Bezug auf ihre Bewerbung genommen und die Kreativität gelobt. Keine Selbstverständlichkeit heutzutage, wo Absagen meist im Copy-Paste-Verfahren versendet werden. So schreib eine NGO aus dem Bereich Bern:

Ich komme nicht umhin, Ihnen zu Ihrer sehr gelungenen und packenden Bewerbung zu gratulieren. Ich bin sicher, dass Ihre Stellensuche von Erfolg gekrönt sein wird, und wünsche Ihnen alles Gute.

Natürlich gab es vereinzelt auch negatives Feedback. Eine Firma berücksichtigte die Bewerbung gar nicht erst mit der Begründung: „Da Ihre Wortwahl im ersten Satz nicht zu unserer Kultur passt, werde ich die Bewerbung nicht berücksichtigen“. Andere nannten das Schreiben „schreierisch“. Junele selbst erklärt zudem, dass sie zwar zahlreiche Bewerbungsgespräche geführt hätte, dort dann aber meist nicht mit der Erfahrung ihrer Mitbewerber mithalten konnte. Das Angebot zum Traumjob blieb aus.

Motivationsschreiben: ja oder nein?

Juneles Experiment zeigt, dass ein ungefragtes Motivationsschreiben als Attention Grabber durchaus funktionieren kann. Formuliert man diesen vielleicht ein kleines bisschen weniger gewagt und wird etwas spezifischer (Juneles wurde oft als zu unspezifisch abgelehnt), dann kann es durchaus gelingen, aus der Masse an Bewerbern hervorzustechen. Gleichzeitig besteht jedoch auch das Risiko, dass Personaler es als Zeitverschwendung betrachten oder nicht offen für innovative Bewerbungen sind. Außerdem kommt es oft auch auf die Branche an: Im Kreativsektor punktet man damit vermutlich mehr, als bei den Finanzdienstleistungen – wobei auch hier nicht pauschalisiert werden kann. Am besten wirft man vorher einen Blick auf die Unternehmenskultur.

Ganz anders sieht der Fall aus, wenn in der Ausschreibung des Unternehmens explizit nach einem Motivationsschreiben gefragt wird. Dieses ersetzt, wie erwähnt, oft das klassische Anschreiben oder wird neben diesem als Zusatz verlangt. Hier liegt nun deine Chance, einen kompetenten, aber auch erinnerungswürdigen Eindruck zu hinterlassen. Verzichte auf Vorlagen aus dem Internet und abgedroschene Phrasen. Vertraue lieber auf dein Bauchgefühl und drücke dich so aus, wie du es für richtig hältst. Wichtig ist nur, dass du deine Motivation für die ausgeschriebene Stelle und deine Berufsgruppe im Allgemeinen herausstellst – und dich damit von der Masse abhebst. Und wenn das nicht durch deine Qualifikation möglich ist, dann vielleicht durch eine frische, kreative Formulierung.

Über Michelle Winner

Michelle Winner

Nachdem Michelle Winner Erfahrungen in einer Lokalzeitung und im Eventbereich gesammelt hat, unterstützt sie nun seit 2017 die Redaktion und schreibt für das OnlineMarketing.de Karrieremagazin über Themen rund um den Büroalltag.

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