Anschreiben sind out: Unternehmen müssen Bewerbungsprozesse modernisieren

Bewerber und Personaler sehnen sich nach schnelleren Bewerbungen, die nicht erst das Schreiben und Lesen von phrasenreichen Texten erfordern.

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Der ständige Wandel auf dem Arbeitsmarkt macht auch keinen Halt vor unseren klassischen Bewerbungsprozessen. Während seit Ewigkeiten Anschreiben, Lebenslauf und Zeugnisse gefordert werden, könnte es mit dem Erstgenannten nun zu Ende gehen. Recruiter, Personaler und auch viele Bewerber sind sich einig: Eigentlich hat niemand mehr Zeit für ein Anschreiben.

Studie: Das klassische Anschreiben verliert an Bedeutung

Den Trend weg von den meist phrasenreichen Texten bekräftigt auch eine Befragung von Robert Half unter 700 Arbeitgebern in Deutschland und der Schweiz. Viele Personaler empfinden das Anschreiben als überflüssig. Die Hälfte kritisiert dabei die fehlende Aussagekraft. Aneinander gereihte Phrasen erzählen nichts über den Bewerber selbst und sind nichts als eine subjektive Wahrnehmung. Praxis-Skills bleiben dabei auf der Strecke. Ein Drittel der Befragten gibt zudem an, dass ein Anschreiben auch nicht mehr preisgibt als der Lebenslauf. Einer der stärksten Kritikpunkte ist jedoch definitiv das Zeitkriterium: 20 Prozent der Personaler erklären, dass sie die Anschreiben gar nicht erst lesen. Nicht etwa aus Desinteresse, sondern einfach aufgrund von Zeitmangel.

Die Bahn und andere Unternehmen machen vor, wie es geht

Azubis, die 2019 ihre Ausbildung beginnen, sollen künftig kein Anschreiben mehr bei der Bahn vorlegen. Um den Bewerbungsprozess so einfach wie möglich zu gestalten, müssen nur noch Lebenslauf und Zeugnisse auf der Onlineplattform hochgeladen werden. Personalerin Carola Hennemann erklärt: „Für Schüler ist so ein Motivationsschreiben schon schwierig. Wir prüfen die Motivation der Bewerber sowieso nochmal in einem Gespräch ab“. Jedoch ist es fraglich, ob die Beweggründe der Bahn für diesen Schritt wirklich auf Innovation und Wandel beruhen. Viel mehr ist es so, dass der Konzern händeringend nach Ingenieuren und Lokführern sucht. Hinzu kommt, dass in den nächsten zehn Jahren die Hälfte seiner Angestellten in Pension gehen wird. Die Bahn ist dringend auf Nachwuchs angewiesen, um einen enormen Personalmangel zu vermeiden. Kein Wunder also, dass Bewerbungsprozesse vereinfacht werden und Mitarbeiter Prämien für die Anwerbung neuer Angestellter erhalten.

Infografik: Den Deutschen fällt das Motivationsschreiben schwer | Statista

Doch die Bahn ist nicht das einzige Unternehmen, das Anschreiben den Rücken kehrt. Seit einem Jahr müssen einige Bewerbergruppen bei der Drogeriemarktkette Rossmann keines mehr einreichen. Nur bei den Azubis werde noch besonders Wert darauf gelegt. Ebenso handhabt es die Lufthansa. Dort können beispielsweise Flugbegleiter und IT-Mitarbeiter sich ohne Anschreiben per Kurzbewerbung melden. Ebenfalls innovativ möchte SAP vorgehen. Dem Unternehmen ginge es um Individualität der Bewerber, nicht um die Form der Bewerbung. Deshalb seien neben dem klassischen Anschreiben und Onlinebewerbungen auch Bewerbungsvideos gern gesehen. „Wir wollen keine Barrieren schaffen, die besten Talente für uns zu gewinnen“, so Personalchef Cawa Younosi.

Besonders Startups sollten sich vom Anschreiben trennen

Luuk Houtepen, Director Business Development bei der Personalberatung SThree, hat genug davon immer dieselben Phrasen in Bewerbungen lesen zu müssen. Er beklagt vor allem den sinnlosen Zeitaufwand für beide Seiten, Bewerber und Personaler. Dabei sei das Anschreiben keinerlei Hilfe bei der Entscheidung, ob ein Bewerber die nötigen Qualifikationen mitbringt. Daher fordert Houtepen, dass besonders Startups sich den neuen Trends anpassen. Beim Kampf darum Talente für ihre Unternehmen zu gewinnen, müssen Gründer auf moderne Praktiken setzen. Speziell die folgende Aussage Houtepens, regt dabei zum Nachdenken an:

Unternehmen, die auf ein Anschreiben bestehen, haben den aktuellen Arbeitsmarkt nicht verstanden.

Formale Fehler sagen nichts über die Qualifikationen aus

Grammatikalische und orthografische Fehler in der Bewerbung gelten meist als direktes Auschlusskriterium. Dabei kann sich selbst nach mehrfacher Kontrolle noch ein Fehler einschleichen, wie sich in Büchern und Zeitungen immer wieder zeigt. Über die fachliche Kompetenz eines Bewerbers sagt das gar nichts aus, erklärt Houtepen. Talente werden abgelehnt, weil sie einen kleinen Fehler im Anschreiben haben oder eben der Sprachstil dem Personaler nicht gefällt. Dabei gingen Unternehmen potenzielle Mitarbeiter verloren, die von den Qualifikationen her perfekt in die Stelle gepasst hätten.

Gleichzeitig sollte an dieser Stelle gesagt sein, dass Fehler im Anschreiben auch ein Zeichen mangelnder Motivation und Sorgfalt sein können. Und in manchen Berufsgruppen, wie Journalismus, Verlags- oder Öffentlichkeitsarbeit, sind Rechtschreibung und Sprachstil zu Recht ausschlaggebende Kriterien. Dennoch ist Houtepens Einwand nicht von der Hand zu weisen. Personaler sollten einen Bewerber nicht wegen ein oder zwei kleinen Fehlern ablehnen, vor allem nicht, wenn die Qualifikationen passen. Ein Anschreiben, das hingegen von schlechter Grammatik und Rechtschreibung durchzogen ist, kann durchaus ein Ablehnungsgrund sein.

Machtwechsel auf dem Arbeitsmarkt

Die Jobbörse Monster.de hat ebenfalls festgestellt, dass auch die Bewerber sich neu orientieren. Bewerbungen per App gewinnen an Beliebtheit, weil es schnell geht und man Zeugnisse und  Lebenslauf mobil immer dabei haben kann. Anschreiben würden dabei nur unnötige Zeit kosten. Natürlich wollen einige sich mit dem Schreiben präsentieren und sich von den Konkurrenten abheben. Doch die richtigen Formulierungen zu finden, ist aufwendig und wirklich kreativ sind dabei die Wenigsten. Und noch etwas anderes hat den Markt für Bewerber enorm verändert, erklärt Marketingdirektorin Katrin Luzer:

Das Machtverhältnis zwischen Bewerbern und Unternehmen hat sich mittlerweile auch verschoben. Die Kandidaten wissen sehr gut, wie viel sie wert sind – sie werden passiver.

Damit gemeint ist, dass früher auf eine Stelle fünf Bewerber kamen. Diese mussten sich beweisen und den Arbeitgeber mit allen Mitteln von sich überzeugen. Heute ist es umgekehrt. Auf ein Talent kommen fünf Unternehmen, die es haben wollen. Besonders im Ingenieurwesen und im IT-Bereich, wo Fachkräftemangel besteht, müssen die Unternehmen Initiative ergreifen. Mittels des sogenannten Reverse Recruitings müssen sie einen qualifizierten Bewerber dazu bringen, bei sich anzufangen und das über alle Kanäle – auch über einen vereinfachten Bewerbungsprozess ohne scheinbar lästiges Anschreiben.

Wie steht es also um die Zukunft des Anschreibens?

Viele Unternehmen halten trotz allem noch an der klassischen Bewerbung fest. Zu den Befürwortern des Anschreibens gehören unter anderem Daimler, Fresenius und die Post. Ihr Argument ist, dass Motivation und Kreativität sich im Anschreiben besser ausdrücken lassen als im Lebenslauf. Es solle das Bild des Bewerbers abrunden und auch zeigen, dass dieser sich mit dem Unternehmen auseinandergesetzt hat. Doch gerade Aussagen darüber, dass Anschreiben aufgrund von Zeitmangel nicht gründlich gelesen werden, lässt an der Bedeutung des Schriftstücks zweifeln. Houtepen empfiehlt deshalb den Fokus auf einen aussagekräftigen, phrasenlosen Lebenslauf zu legen. Dieser soll Projekte und Erfolge in den Vordergrund stellen, anhand derer sich die fachliche Kompetenz eines Bewerbers einschätzen lässt. Gekoppelt wird dies mit einem intensiven Vorstellungsgespräch, bei dem Soft Skills, Motivation und Co. festgestellt werden können.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass in Zeiten von KI-basierter Personalsuche und Onlinebewerbungen, das Anschreiben vielleicht wirklich bald ausgedient hat. Trotzdessen sollten Bewerber vorerst auf der sicheren Seite bleiben und auch das klassische Bewerbungsdokument beifügen – außer natürlich, dass Unternehmen erklärt ganz klar, dass dieses nicht benötigt wird.

Über Michelle Winner

Michelle Winner

Nachdem Michelle Winner Erfahrungen in einer Lokalzeitung und im Eventbereich gesammelt hat, unterstützt sie nun seit 2017 die Redaktion und schreibt für das OnlineMarketing.de Karrieremagazin über Themen rund um den Büroalltag.

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