Jobverlust und finanzielle Sorgen: So leiden Studierende und Absolventen unter Corona

Das Recruiting junger Talente bleibt durch die Krise auf der Strecke. Das bekommen vor allem Studierende und Absolventen zu spüren – sie verlieren ihre Arbeit und finden keine Einsteigerjobs.

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Die Coronakrise macht vor niemandem halt. Das bekommen momentan vor allem Studierende zu spüren. Neben der oft schwierigen Umstellung auf Online Learning haben viele von ihnen derzeit Probleme dabei, einen Job zu finden – egal ob Praktikum, Werkstudentenstelle, Aushilfstätigkeit oder Einsteigerjob. Eine aktuelle Studie der Recruiting-Plattform Job Teaser zeigt nun die Auswirkungen von Corona auf junge Talente und deren Chancen. Dazu wurden 237 Unternehmen aus acht verschiedenen Ländern und deren HR-Verantwortliche, 175 Hochschulen und Universitäten aus 14 Ländern und 7.041 Studierende europaweit online befragt. Die Ergebnisse sind deshalb so wichtig, weil wir neben allen Beschwerden über Kurzarbeit und wirtschaftliche Einbußen nicht die Arbeitnehmer von morgen vergessen dürfen.

Hochschulen stellen auf Online-Lehre um – mit Hürden

Von den befragten Hochschulen haben 90 Prozent auf die digitale Lehre umgestellt, der Rest hat seine Veranstaltungen komplett abgesagt – ohne Ersatz. Soweit eigentlich kein schlechtes Ergebnis, doch mit dem Online Learning kommen ungeahnte Hürden auf Lehrende und Studierende zu. Viele Universitäten haben nicht die benötigte digitale Infrastruktur, um einen reibungslosen Ablauf sicherzustellen. Selbst das Streamen von Vorlesungen bereitet oft schon Probleme. Hinzu kommt, dass 48 Prozent der Studierenden angeben, sie seien im Home Learning weniger Produktiv. Das liegt nicht zwingend an Faulheit, sondern an diesen drei Faktoren:

  • Die Produktivität wird durch schlechte digitale Infrastruktur und mangelndem technischen Grundwissen der Lehrenden gehemmt
  • Die Produktivität sinkt, weil Lehrende eine zu hohe Workload ansetzen und Studierende durch die Überforderung nicht wissen, wann und wo sie anfangen sollen. Hinzu kommt die psychische Belastung durch die aktuelle Lage und Isolation
  • Die Produktivität nimmt ab, weil es den Studierenden schwerfällt eine Routine zu entwickeln – ein Problem, dem auch viele Berufstätige im Home Office gegenüberstehen

Immerhin 41 Prozent der Befragten stellen keine Veränderung in ihrer Produktivität fest, während elf Prozent online sogar effizienter Arbeiten. Es zeigt sich also, dass die Online-Lehre auch funktionieren kann, wenn die Voraussetzungen stimmen. Doch neben dem Uni-Stress stehen viele Studis nun vor dem Problem der finanziellen Sicherheit:

© Job Teaser

Jobverlust und schwierige Jobsuche bereiten Studierenden Sorgen

Nicht nur viele Berufstätige leiden durch Corona derzeit an finanziellen Einbußen, sondern auch die Studenten. Besonders Aushilfen in Hotellerie und Gastronomie stehen plötzlich ohne Nebeneinkünfte da – doch nicht nur dort. Jetzt jedoch einen neuen Nebenjob zu finden, ist fast schon ein Ding der Unmöglichkeit. Deshalb hoffen 79 Prozent der Befragten auf Hilfe durch ihre Hochschule. Dieser Ruf nach Hilfe bezieht sich jedoch nicht nur auf Aushilfs- und Werkstudententätigkeit, sondern auch auf Praktika. Diese sind im Studienablauf vieler Studis verpflichtend und können sie nicht durchgeführt werden, muss das Studium meist verlängert werden – ein zusätzliches finanzielles Risiko, da es einen späteren Einstieg ins Berufsleben und gleichzeitig Dispute mit dem BAföG-Amt bezüglich der Regelstudienzeit bedeutet. Genau deshalb hoffen Studierende auf Unterstützung bei der Jobsuche und Sonderregelungen im Studienablauf.

© Job Teaser

Wie die obere Grafik zeigt, haben Hochschulen das Problem glücklicherweise erkannt. 94 Prozent von ihnen sind der Auffassung, dass die Beschäftigungsfähigkeit ihrer Studierenden auf dem Arbeitsmarkt durch Corona stark oder teilweise beeinträchtigt wird. Die Hälfte von ihnen sieht es daher als Priorität, die Studis dahingehend zu unterstützen – beispielsweise durch Jobportale und virtuelle Echtzeitberatung. Dazu sagt eine Mitarbeiterin des Career Centers der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg:

Die Studierenden sind unsicher und brauchen unsere Expertise. Wir raten ihnen, sich ganz normal zu bewerben, aber für den gesamten Bewerbungsprozess viel mehr Zeit einzuplanen.

Doch trotz aller Bemühungen fehlt derzeit noch ein klares Konzept – Schuld daran sind fehlende Informationen, um die zukünftige Lage abschätzen zu können. Deshalb sind 30 Prozent der Studierenden im letzten Studienjahr und sogar 40 Prozent der Absolventen beunruhigt, was ihre berufliche Zukunft angeht.

Einstellungsstopps als Hürde für junge Talente

Insgesamt haben 70 Prozent der befragten Unternehmen die Einstellung von jungen Talenten teilweise oder gar ganz gestoppt. Bei den Werkstudenten verschiebt sich bei 44 Prozent das Einstellungsverfahren auf einen späteren Zeitpunkt. Ein Grund hierfür ist, dass Unternehmen aufgrund der Lage ihre finanziellen Ressourcen anders verteilen müssen. Und so beklagen 35 Prozent der befragten Personaler Kürzungen des Recruiting-Budgets, bei 23 Prozent ist es sogar komplett eingefroren worden. Trotz allem Verständnis für die Maßnahmen der Unternehmen warnt Jérémy Lamri, Intiator der Studie, vor voreiligen Handlungen:

Während der Finanzkrise 2008 haben viele Unternehmen ihre Bemühungen und Employer-Branding-Maßnahmen für junge Talente eingestellt. Es hat viele Jahre gedauert, diese Bindung zu Studierenden und Hochschulabsolventen zurückzuerlangen.

Direkt für Deutschland lässt sich ähnliches wie in ganz Europa erkennen. Ganze 60 Prozent der Unternehmen gaben an, die Rekrutierung junger Talente ganz oder teilweise eingestellt zu haben. 43 Prozent verschieben die Einstellung von Praktikanten und Werkstudenten in eine spätere Phase des Geschäftsjahres und bei der Hälfte der Unternehmen wurde das HR-Budget gekürzt oder sogar ganz gestrichen. Besonders betroffen sind natürlich die Branchen Gastronomie, Tourismus und Handel. Gute Chancen auf eine Einstellung bestehen hingegen in der Logistik, im Transportwesen, in der Agrarwirtschaft und der Digitaltechnik.

Die Grafik zeigt, dass Personalabteilungen derzeit vor allem damit beschäftigt sind, schon die Arbeitsabläufe im Unternehmen auf Home Office vertraut zu machen. Dabei bleibt das Recruiting auf der Strecke, © Job Teaser

Positive Beispiele ändern nichts an rückgängigen Zahlen

Einige Unternehmen schaffen es trotz Corona junge Talente einzustellen – Bewerbung und Onboarding erfolgen hier digital. So setzt die Deutsche Bahn auf Online-Kurse und -Exkursionen, um das Unternehmen so Schülern und Studierenden näherzubringen, und stellt weiterhin digital ein. Ähnliches lässt sich auch bei Vodafone beobachten. So erklärt Anna Seidel, die HR-Expertin des Unternehmens:

Vodafone stellt auch in der aktuellen Zeit weiterhin ein und hat seinen gesamten Recruiting-Prozess auf virtuelle Formate umgestellt. Das reicht vom ersten Interview bis zum Start und der Einführung am ersten Arbeitstag der neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Positive Beispiele wie diese können anderen Unternehmen als Vorbild dienen. Gleichzeitig täuschen sie aber nicht darüber hinweg, dass junge Talente ebenfalls in eine finanzielle Notlage geraten. 30 Prozent der Studierenden mussten feststellen, dass ihr Angebot für ein Praktikum oder einen Nebendienst verschoben oder zurückgezogen wurde. 19 Prozent haben sogar ihren Praktikumsplatz, ihren unbefristeten Arbeitsvertrag oder ihren Studentenjob verloren. Insgesamt gaben 37 Prozent der jungen Talente an, sie würden sich aufgrund der Krise beruflich umorientieren.

Die Suche nach Lösungen läuft – aber benötigt Zeit

Die Hochschulen sind vor allem darum bemüht, neben Beratungen auch die Durchführung von Praktika zu gewährleisten, damit der Studienlauf nicht beeinträchtigt wird. Dabei wird versucht, bestehende Verträge auf Home Office umzuschreiben. Die Studierenden reagieren auf die Krise damit, dass sie die Zeit nutzen, um ihre Berufung zu finden oder eine Tätigkeit aufnehmen, die zur Bewältigung der Krise beiträgt. Die Hälfte von ihnen bringt zusätzlich mehr Zeit für die Jobsuche auf:

© Job Teaser

Schlussendlich bleibt jedoch zu sagen, dass die Studierenden und Absolventen in Zeiten der Krise nicht vergessen werden dürfen. Den Unternehmen selbst, die selbst mit finanziellen und personellen Problemen zu kämpfen haben, kann dabei nicht mal ein großer Vorwurf gemacht werden. Hier muss von Seiten des Staats Hilfe kommen. Zwar gibt es bereits das Angebot für Studierende, die unter finanziellen Problemen durch Corona leiden, zinslose Darlehen zu erhalten, jedoch sind diese nur bedingt zweckdienlich. Denn viele Studis nehmen die Doppelbelastung von Studium und Beruf auf sich, damit sie sich eben nicht verschulden müssen.

Hinzu kommt, dass einige von ihnen bereits BAföG oder einen Studienkredit erhalten – neben ihrem Nebenjob. Sich hier noch einmal zusätzlich zu verschulden, weil die Nebentätigkeit wegfällt, kann ein direkter Weg in die Schuldenfalle sein. Deshalb müssen schnell effizientere Lösungen her. Doch trotz aller Sorgen und Ängste sehen 63 Prozent der Studierenden eher positiv bis sehr positiv ihrer Zukunft entgegen. Dieser Optimismus ist zumindest eine gute Möglichkeit, während der weiterbestehenden Krise nicht die Nerven zu verlieren.

Über Michelle Winner

Michelle Winner

Nachdem Michelle Winner Erfahrungen in einer Lokalzeitung und im Eventbereich gesammelt hat, unterstützt sie nun seit 2017 die Redaktion und schreibt für das OnlineMarketing.de Karrieremagazin über Themen rund um den Büroalltag.

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