Estland rockt die Digitalisierung – Deutschland geht gnadenlos unter

Fehlende Digitalkompetenz der Politik katapultiert Deutschland auf die letzten Plätze des Digital Life Abroad Reports – während es im Baltikum selbst WLAN im Wald gibt.

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Regelmäßig veröffentlicht InterNations, das größte Netzwerk für Expats, den Expat Insider Report, welcher unter anderem zeigt, in welchen Ländern es sich am besten leben lässt. Zusätzlich dazu wurde nun auch untersucht, wie die jeweiligen Länder in Sachen Digitalisierung abschneiden – und die Ergebnisse überraschen. Während die meisten von uns wohl nicht mit Estland auf der Pole Position gerechnet haben, bleibt Deutschland dagegen jämmerlich auf der Strecke.

Was wurde in der Studie untersucht?

Um in der Untersuchung berücksichtigt zu werden, musste das jeweilige Land eine Stichprobengröße von mindestens 75 Teilnehmern aufweisen. Insgesamt kam InterNations so auf eine Gesamtsumme von 68 Ländern weltweit. Mehr als 18.000 teilnehmende Expats konnten nun das Land, in welchem sie arbeiteten, nach folgenden Kategorien auf einer Skala von 1 bis 7 beurteilen:

  • Uneingeschränkter Zugang zu Online-Angeboten
  • Behördengänge und Verwaltungsangelegenheiten online erledigen
  • Die Einfachheit, eine lokale Handynummer zu erhalten
  • Bargeldloses Bezahlen
  • Zugang zu High Speed-Internet in den eigenen vier Wänden

Underdog auf Platz 1 in Europa und weltweit: Estland

Es ist kein großes Geheimnis, dass die skandinavischen Länder in Sachen Digitalisierung gut vorbereitet und ausgestattet sind. So erreichen auch in dieser Studie Finnland (Platz 2), Norwegen (Platz 3) und Dänemark (Platz 4) die vorderen Plätze. Doch keines dieser Länder erreicht den gleichen Status wie ihr Nachbar aus dem Baltikum: Estland schnappt sich souverän den ersten Platz. Zugegeben, den meisten kommt nicht sofort Estland in den Sinn, wenn sie das Wort Digitalisierung hören. Doch tatsächlich überzeugt der baltische Staat in puncto Zugang zu Online-Angeboten. 96 Prozent der Befragten bewerten diese Kategorie positiv, wobei 86 Prozent sogar die Bestnote vergeben. Zum Vergleich: der weltweite Durchschnitt liegt bei 58 Prozent. Zudem sind die Expats in Estland begeistert von der Modernität der Behörden. Viele lästige Angelegenheiten lassen sich online klären, wodurch diese Kategorie von 94 Prozent positiv bewertet wird.

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Und auch wenn nicht jeder Estland auf dem Schirm hat, so erregt der kleine Staat mit 1,3 Millionen Einwohnern schon seit einiger Zeit Aufsehen in Sachen Digitalisierung. Spaßhaft wird das Land sogar schon als e-Estonia bezeichnet. Doch woher stammt dieser Erfolg? Marina Vogt schreibt in einem Blogeintrag, dass Estland nach dem Zerfall der Sowjetunion trotz weniger Mittel einen Wiederaufbau schaffen musste. Und so erkannten die Esten bereits früh das Potential der Digitalisierung und investierten in diese. Heute kann sich das Land mit den folgenden Errungenschaften rühmen:

  • 99 Prozent WLAN-Abdeckung – selbst am Strand oder in Wäldern
  • Freier Internetzugang gilt als Grundrecht
  • 99 Prozent der Behördengänge sind online machbar
  • Steuererklärung und Gründung sind innerhalb weniger Minuten möglich
  • Es gibt die elektronische Bürgerschaft für Nicht-Esten
  • Einwohner können online wählen gehen
  • Die Erstellung digitaler Krankenakten
  • Die Digitalisierung beginnt bereits in der Schullaufbahn

Wenige Überraschungen im unteren Teil des Rankings

Die letzten drei Plätze des Rankings werden von Ägypten (Platz 66), China (Platz 67) und Myanmar (Platz 68) belegt. So ist letzteres noch weit davon entfernt, seinen Einwohnern ein digitales Leben zu ermöglichen. High Speed-Internet und bargeldloses Bezahlen sind für viele dort ein Traum. Einzig eine Kategorie lässt Myanmar erstrahlen: In keinem anderen Land ist es so einfach, eine lokale Handynummer zu bekommen. Dass das durch Zensur geprägte China auf dem vorletzten Platz landet, dürfte auch niemanden überraschen. 83 Prozent der Befragten beschweren sich über den eingeschränkten Zugang zu Websites und Social Media-Plattformen. Auch in den restlichen Kategorien überzeugt China nicht. Jedoch zählt das Land in puncto bargeldloses Bezahlen zu den Top 20 – ein schwacher Trost gegenüber permanenter Kontrolle und Zensur.

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Und Ägypten? Das Land ist nicht nur für seine farbenfrohen Tauch-Locations am Roten Meer bekannt, sondern ebenso berüchtigt für seine höllischen Behördengänge. Diese sind so gut wie nicht online machbar und vor Ort wird man von A nach B geschickt mit zig Formularen. Da ist es auch kein Trost, dass man leicht eine lokale Handynummer erstehen kann. Übrigens: innerhalb Europas schneidet Italien auf Platz 57 am schlechtesten ab. Den Zugang zu Online-Angeboten bewerten zwar 81 Prozent positiv, jedoch nutzt das wenig, wenn man in den eigenen vier Wänden High-Speed-Internet missen muss. Zudem seien auch Behördengänge und die Beschaffung einer Handynummer umständlich. Doch immerhin sind es noch knapp 60 Prozent, die das bargeldlose Bezahlen einfach finden – ein Wert, der immer noch weit unter dem weltweiten Durchschnitt von 78 Prozent liegt.

Deutschland: Ein Trauerspiel der Digitalisierung

Nur wenige Plätze entfernt von Italien liegt Deutschland im Ranking – auf Platz 53 weltweit. Für ein Land, dass sich selbst oft als so fortschrittlich beschreibt, ist diese Bewertung erschreckend – aber keine Überraschung. Tatsächlich landet Deutschland in zwei Kategorien sogar unter den letzten zehn: Zum einen haben Expats Probleme, hier eine lokale Handynummer zu erhalten. Zum anderen bewertet nur knapp die Hälfte es als einfach, bargeldlos zu bezahlen. Und dass, obwohl fast jeder von uns EC- und Kreditkarte im Portemonnaie trägt. Zugegeben: Der Zugang zu Online-Angeboten wird von 85 Prozent positiv eingestuft. Jedoch ist Deutschland in Sachen High Speed-Internet immer noch eine Servicewüste. In ländlichen Regionen können viele Bewohner nur von Glasfaserleitungen träumen und selbst in den Städten muss zum Teil mehrere Minuten gewartet werden, bis eine Website vollständig geladen oder ein Bild versendet wurde. Vom Empfang auf deutschen Autobahnen und Internet auf dem Streckennetz der Deutschen Bahn ganz zu schweigen.

Der Politik in Deutschland fehlt digitale Kompetenz

Doch wieso verschläft Deutschland die Digitalisierung dermaßen, obwohl die Politik doch ach so bemüht darum erscheint? In einer Untersuchung wurden folgende vier Faktoren als Begründung genannt:

  • Fehlende erfolgsversprechende Pilotprojekte
  • Ausbremsung durch Arbeitsteilung
  • Kleine statt große Programme und Maßnahmen
  • Fehlende Kompetenz bei den Verantwortlichen

Gerade der letzten Punkt wird häufig betont, so auch von Sascha Lobo. Dieser stellte Anfang Mai in seiner Kolumne ausführlich dar, wie Politiker durch wohlklingende Worte verschleiern, dass sie keine Ahnung vom Internet, beziehungsweise der Digitalisierung generell haben. Bezug nimmt er dabei vor allem auf Politiker wie Axel Voss und Manfred Weber (beide CDU/CSU), die während der Debatten um Artikel 13 und Uploadfilter im Netz für Aufruhr sorgten. Aufruhr deshalb, weil sie eine Reform durchsetzen wollen, die das gesamte freie Internet in Gefahr bringt – obwohl sie sich mit irrwitzigen, falschen Aussagen immer wieder ins Aus katapultieren. So ging Voss unter anderem in die Geschichte ein als der Politiker, der Uploadfilter auch bei Live-Streams anwenden möchte, ohne überhaupt Plattformen wie Twitch zu kennen. Oder derjenige, der die sagenumwobene Meme-Rubrik bei Google gefunden hat.

Deutschland muss aufholen – jetzt oder nie

Spätestens diese traurigen Rankingergebnisse sollten Deutschland in Sachen Digitalisierung wachrütteln. Denn selbst im Alltag bemerkt man die Defizite des Landes immer wieder. So kommen deutsche Touristen aus dem Urlaub zurück und berichten beeindruckt, dass sie in ihrer Destination an jeder Ecke einen WLAN-Hotspot hatten. Umgekehrt sind Besucher von Deutschland eher schockiert, dass Kartenzahlung und Co. unnötig kompliziert erscheinen. Doch trotz all des Bashings gegen Axel Voss und Freunde, erklärt Lobo:

Es handelt sich hier nicht allein um das Versagen einzelner Figuren, sondern um ein systemisches Problem. Weil Digitalisierung komplex und diffus zugleich ist und für die große, nichtfachliche Öffentlichkeit im Detail nur schwer nachzuvollziehen – wird das Thema politisch zuerst inszenatorisch betrachtet: Was hört sich gut an? Was kann man medial gut verkaufen? Die Schamlosigkeit, digitales Unwissen offensiv zu zeigen und stolz drauf zu sein, bildet aber auch ein perfektes Einfallstor für Lobbyismus.

Wie löst man also Deutschlands Dilemma? Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Es muss ein großes Umdenken stattfinden, doch wie dieses Aussehen soll, da hat wohl jeder seine eigenen Vorstellungen. Eines steht jedoch fest: Soll Deutschland digital vorangebracht werden – und das muss es, um nicht irgendwann als digitales Dritte-Welt-Land zu gelten – müssen Entscheider her, die ein Verständnis vom technischen Fortschritt haben, offen für innovative Ideen sind, das Gemeinwohl über Lobbyismus stellen – und es nicht nötig haben, ihre Followerzahl in Twitter-Diskussionen als Totschlagargument zu bringen. Wir haben also offensichtlich noch einen langen Weg vor uns…

Als Heribert Hirte Unwissenheit in Sachen Internet nachgesagt wurde, konterte er so. Screenshot Twitter

Über Michelle Winner

Michelle Winner

Nachdem Michelle Winner Erfahrungen in einer Lokalzeitung und im Eventbereich gesammelt hat, unterstützt sie nun seit 2017 die Redaktion und schreibt für das OnlineMarketing.de Karrieremagazin über Themen rund um den Büroalltag.

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