Entscheidungsfreiheit: Was passiert, wenn Mitarbeiter Gehalt und Arbeitszeit selbst bestimmen?

Transparenz auf allen Ebenen und ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit – wohin führt das, wenn Arbeitnehmer diese Entscheidung in die eigene Hand nehmen?

© Victor Rodriguez - Unsplash

Das eigene Gehalt selbst bestimmen zu können klingt für die meisten Arbeitnehmer sicher reizvoll. Ebenso die Vorstellung, man könne ein Veto einlegen, wenn ein Kollege scheinbar zu viel verdient. Beim Londoner Startup Smarkets ist genau dies möglich. Laut Gründer Jason Trost geht das Prinzip sogar auf und fördert das allgemeine Arbeitsklima.

System sollte für mehr Transparenz sorgen

Trosts Ziel, als er das neue Gehaltssystem vor drei Jahren einführte, war Fairness. Transparenz sorge demnach dafür, dass sich die Mitarbeiter über ihren eigenen Wert und den Wert ihrer Stelle bewusst werden. Insgesamt ähnelt der Vorgang einer internen Gerichtsverhandlung: Ein Mitarbeiter spricht seine Gehaltvorstellungen aus und die anderen bewerten dann, ob diese zu hoch oder zu niedrig angelegt sind. Dazu gibt es auch immer Feedback und Begründungen. Trost erklärt, wie die Reaktionen zumeist ausfallen:

People scrutinize what you ask for within an internal court. Some people will think it’s about right, and some people will say that it’s too high or too low. Usually, they say it’s too high. And then they get negative and positive feedback

Das Gehalt aller Mitarbeiter wird intern offengelegt. Über den eigenen Verdienst kann jeder Mitarbeitende zweimal im Jahr neu verhandeln. Zudem ist es nicht so, dass die Kollegen ein absolutes Veto-Recht haben. Jedoch muss man sich mit ihnen auseinandersetzen, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen oder die Gehaltsvorstellungen als schlichtweg übertrieben ansehen. So kann das Ganze geblockt werden. Das System führt also automatisch zu angeregten Diskussionen, wie Angeline Mulet-Marquis erklärt, die vier Jahre für Smarkets gearbeitet hat. Rechtfertigungen und Gegenargumente müssen plausibel sein und am Ende von der breiten Masse abgesegnet werden. Durch die Transparenz werden auch ungerechte Gehaltsunterschiede thematisiert und das Arbeitsklima nachhaltig verbessert.

Es gibt jedoch auch Schattenseiten

Anfangs waren nicht alle Mitarbeiter begeistert von der Idee und versuchten absichtlich wahnsinnig hohe Gehälter zu erzwingen – als Form von Protest. Diese wurden natürlich nicht umgesetzt und waren für das Unternehmen reinste Zeitverschwendung. Zudem hatten auch viele Angst davor, transparent zu sein. Geld ist in vielen Ländern noch ein Tabu- und Konfliktthema. Doch nachdem diese Hürde erst einmal genommen ist, kann das System zu guten Ergebnissen führen. Trost sagt:

I think it lets people be human. If someone needs to buy a house and they want a few thousand more … if you can give that to people, that’s really nice.

Gleichzeitig zweifelt Trost aber auch an, dass das Modell auf jedes Unternehmen anwendbar ist. Startups sollten es seiner Meinung nach wagen, doch in großen Konzernen ließe es sich wohl kaum bis gar nicht umsetzen.

Auch deutsche Startups versuchen sich an ähnlichen Modellen

Auch hierzulande gibt es immer mehr wagemutige Unternehmen, allen voran das Team von einhorn. Das Startup punktet mit veganen Kondomen und revolutionären Arbeitsmodellen. So erzählt Mitgründer Philip Siefers im Interview mit OnlineMarketing.de, dass die Mitarbeiter nicht nur ihr Gehalt zum Teil mitbestimmen können, sondern auch ihre Arbeitszeit frei einteilen. Auf die Frage, wie das funktioniert und ob die Mitarbeiter dementsprechend nach Stunden bezahlt werden würden, antwortet Siefers:

Pro Stunde? Das wäre ja schrecklich! Dann würden viele nur mit 8,50 Euro im Monat nach Hause gehen und davon kann man nichtmal in Friedrichshain seine Miete zahlen! Es gilt: Wer manchmal kommt und dann auch kurz bleibt, bekommt sein teilweise ein bisschen selbstbestimmtes Monatsgehalt.

Und auch Urlaubstage und Arbeitsort können die Mitarbeiter bei einhorn sich aussuchen. Die Entscheidungsfreiheit in allen Bereichen, nicht nur beim Gehalt, scheint effektiv zu sein. So führe sie nicht dazu, dass die Mitarbeiter mehr Urlaub nehmen, sondern schenke jedem mehr Freiheit, was sich besonders auf mentaler Ebene bemerkbar macht. Und die anstehende Arbeit würde trotzdem rechtzeitig erledigt werden.

Das vollständige Interview mit Philip Siefers könnt ihr in unserem Artikel „Revolutionäre Arbeitsmodelle: Wie viele Stunden möchtest du heute arbeiten?“ nachlesen.

Was können Unternehmen von den Systemen lernen?

Neue Arbeitsmodelle und mehr Entscheidungsfreiheit für die Mitarbeiter müssen sich nicht negativ in den Bilanzen widerspiegeln. Im Gegenteil, oft führen sie zu einem besseren Arbeitsklima und höherer Produktivität. Der Job wird nicht mehr als einschränkendes Muss gesehen, sondern als Herzblutaufgabe, die dazu beiträgt, einen freien Lebensstil zu führen. Natürlich lässt sich nicht jedes Modell eins zu eins auf jede Firma übertragen. Doch trotzdem gilt: Chefs, lasst euch auf Experimente ein. Wenn es nicht klappt, dann zurück zum Status quo. Doch wenn sie glücken, sind die Ergebnisse vielleicht eine Bereicherung auf allen Ebenen.

Über Michelle Winner

Michelle Winner

Nachdem Michelle Winner Erfahrungen in einer Lokalzeitung und im Eventbereich gesammelt hat, unterstützt sie nun seit 2017 die Redaktion und schreibt für das OnlineMarketing.de Karrieremagazin über Themen rund um den Büroalltag.

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