Anschreiben sind nicht tot – sie müssen nur persönlicher werden

Wer auf dem Jobmarkt glänzen will, muss herausstechen. Am besten gelingt dies mit deiner Geschichte. Aber: Arbeitgeber müssen offener für die kreativen Anschreiben sein.

© Toa Heftiba - Unsplash

Anschreiben sind wohl der umstrittenste Teil einer Bewerbung. Während der Lebenslauf immer mehr an Bedeutung gewinnt, wird das oftmals standardisierte Schreiben am Anfang als „out“ oder „tot“ bezeichnet. Und tatsächlich: In einer Studie von Robert Half gaben 20 Prozent der Arbeitgeber an, dass sie Anschreiben gar nicht erst lesen würden. Grund hierfür ist der extreme Zeitmangel, unter welchem Personaler leiden. Hinzu kommt, dass sich auf eine Stelle auch gern 20, 30 oder mehr Bewerber melden. Doch trotz dieses Trends stirbt das Anschreiben anscheinend nicht aus. Umso wichtiger ist es, dass Personaler dessen Wert wieder erkennen – und Bewerber es zu ihrem Vorteil nutzen.

Die Zauberformel: Disruptive Cover Letter

Auf dem heutigen Jobmarkt musst du als Bewerber herausstechen und schon mit deiner schriftlichen Bewerbung Eindruck hinterlassen. Vielen stellt sich da die Frage: wie geht das überhaupt? Gerade Online-Bewerbungsverfahren wirken oft unpersönlich und standardisiert. Kann dein Anschreiben da überhaupt glänzen? Die Antwort lautet: ja. Du musst nur wissen wie. Gründerin J.T. O’Donnell rät zum „Disrupuptive Cover Letter“, zu deutsch in etwa „revolutionäres Anschreiben“. Und der Name ist Programm, denn in diese Art von Anschreiben gehören keine Floskeln, keine Wiedergabe des Lebenslaufs und keine 0815-Erklärung, wieso du den Job willst.

Bei einem Disruptive Cover Letter geht es darum, deine Geschichte zu erzählen. Unternehmen sind bemüht darum, Employer Branding zu betreiben und den eigenen Betrieb so ansprechend wie möglich für potentielle Talents darzustellen. Wieso diesen Weg nicht auch als Bewerber einschlagen? Erkläre, wieso du zum Unternehmen passt, wieso du diesen Job unbedingt willst und was du erwartest. Klingt nicht viel anders als in einem „normalen“ Anschreiben, doch du darfst hier kreativ werden. Denn das Ziel des Disruptive Cover Letters ist es, im Gedächtnis zu bleiben und den Arbeitgeber zu berühren. Dein Anschreiben weckt im besten Fall direkt Sympathien, die zu deinem Vorteil ausfallen. O’Donnell erklärt:

After all, when we like someone, we are more flexible with our expectations. We go to bat for them. That includes explaining to the hiring manager why, in spite of the candidate’s not being an exact match for the role, she or he is worth talking to.

Vorteile eines solchen Cover Letters

Auf einem Arbeitsmarkt, auf welchem Unternehmen teilweise nach eierlegenden Wollmilchsäuen suchen, kann ein kreatives Anschreiben die Möglichkeit zum Durchbruch sein. Denn selbst wenn du nicht alle der gewünschten Kriterien erfüllst, kannst du mit deinen Ausführungen, die Motivation und Ambitionen zeigen, punkten. O’Donnell erzählt hierbei von einem Fall, in der ein Bewerber durch seinen Disruptive Cover Letter sogar den Sprung in eine ganz andere Branche schaffte. Der Geschäftsführer eines Ladens für Malerbedarf wurde zum Finanzplaner, indem er im Anschreiben seine Geschichte erzählte. Dabei scheute er sich nicht davor, eine persönliche Ebene einzuschlagen und von dem Schuldenberg zu schreiben, mit welchem sein Vater die Familie nach seinem Tod fast in den Ruin trieb. Im Alleingang brachte sich der Bewerber Skills rund um die Finanzplanung bei und rettete so seine Familie vor dem Bankrott. Am Ende erhielt er mehrere Jobangebote.

Ohne diese Geschichte hätte sich der Branchenwechsel vermutlich schwieriger dargestellt. Schließlich kann diese im Lebenslauf nicht nachvollzogen werden. Daran kannst du also erkennen, dass ein kreatives, persönliches, fesselndes Anschreiben unendlich wertvoll für deine Karriere sein kann. Und bevor du jetzt skeptisch wirst: Du musst keinen kompletten Seelen-Striptease hinlegen und alle kleinen Geheimnisse deines Lebenswegs offenbaren. Du sollst in einem solchen Anschreiben auch nicht versuchen, die Mitleidskarte auszuspielen. Auch wenn deine Geschichte persönlich sein soll, geht es vor allem darum, deine Motivation, dein Engagement und deine Begeisterung für die Tätigkeit darzustellen. Vergiss das beim Formulieren nicht.

Das große Aber

Das größte Hindernis für diese Art von Anschreiben sind die Arbeitgeber selbst. Damit das Konzept aufgeht, müssen sie offen dafür sein – heißt, auch wieder beginnen, Anschreiben aufmerksam zu lesen. Gerade in großen Unternehmen mit einer Vielzahl von Bewerbern wird dies kaum umsetzbar sein und der Trend tatsächlich in Richtung Tod des Anschreibens laufen. Außerdem kommt hinzu, dass besonders in Deutschland  oft noch viele konservative Meinungen über Bewerbungen und Arbeit generell vorherrschen. Bei diesem Mindset kann ein persönliches, kreatives Anschreiben auch schlichtweg „unprofessionell“ wirken und daher abgelehnt werden. Wenn Personalabteilungen also weiterhin darauf achten, dass bestimmte Zeilenabstände im Anschreiben eingehalten werden und Bewerbern wegen eines kleinen Fehlers, der nichts über die Qualifikation aussagt, eine Absage erteilen, kann dieses Konzept  nicht aufgehen.

Daher also ein kleiner Appell an die Arbeitgeber: Lasst zu, dass Bewerber euch mit ihren Geschichten beeindrucken. Qualifikation zeichnet sich nicht immer durch einen glänzenden Lebenslauf aus. Selbst wenn einem Bewerber noch Skills fehlen, kann er diese durch Weiterbildungen erreichen. Wer einzig und allein danach geht, in welchen renommierten Unternehmen jemand zuvor gearbeitet hat, übersieht dabei vielleicht ein Talent, dass der eigenen Firma zu einem Sprung verholfen hätte. Deshalb plädiert auch O’Donnell dafür, dass Unternehmen in ihren Ausschreibungen klar formulieren sollen, dass sie offen sind für kreative Bewerbungen, die den Willen und die Motivation des Bewerbers widerspiegeln:

Recruiters, the more guidance you give job seekers in terms of the types of stories you want to hear, the better. I recently posted a job on Indeed and was very specific about the type of disruptive cover letter I wanted. The quality of candidates who applied to my jobs increased enormously. […] Turns out, when you tell job seekers the stories you want to hear, they deliver!

Und mit diesem Ratschlag liegt die Gründerin vermutlich gar nicht so verkehrt, oder? Lasst uns gern in den Kommentaren wissen, was ihr von einem kreativen Anschreiben haltet und ob ihr dieses überhaupt noch als zeitgemäß empfindet – oder als längst ausgestorbene Praxis.

Über Michelle Winner

Michelle Winner

Nachdem Michelle Winner Erfahrungen in einer Lokalzeitung und im Eventbereich gesammelt hat, unterstützt sie nun seit 2017 die Redaktion und schreibt für das OnlineMarketing.de Karrieremagazin über Themen rund um den Büroalltag.

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