Erfolg geht auch leise: 7 Karriere-Tipps für Introvertierte

Großraumbüros rauben ihnen die Konzentration und in Meetings ergreifen sie kaum das Wort. Mit diesen Tipps kommen Introvertierte trotzdem beruflich voran.

So arbeiten Introvertierte am besten: alleine und ohne Unterbrechungen. © pixabay, 350543

Für viele Introvertierte ist der Büroalltag eine Herausforderung. Spontananrufe oder redefreudige Kollegen bringen sie leicht aus dem Konzept. In Team-Meetings halten sie sich zurück, weil sie das Gefühl haben, ihre Ideen seien noch nicht ausgereift genug. Und Firmenfeiern sind erst recht nicht ihr Ding.

Auf ihr Team können nach innen gewandte Kollegen schüchtern, desinteressiert oder gar unfähig wirken, auf keinen Fall aber wie jemand, dem im Job mehr Verantwortung übertragen werden sollte. Doch dieser Eindruck täuscht.

Introversion und Extroversion: Unterschiede sind angeboren

Introvertierte verhalten sich nicht so zurückhaltend, weil sie unsozial sind, sondern weil ihr Gehirn nicht dafür gemacht ist, ständig unter Menschen zu sein. Wenn zu viele Eindrücke aus der Außenwelt auf sie einprasseln, schützt sie ihr Gehirn vor weiterer Überforderung und macht zu.

Dass die Gehirne von intro- und extrovertierten Menschen unterschiedlich funktionieren, ist bislang kaum bekannt. In ihrem Buch „Intros und Extros“ zeigt Sylvia Löhken, dass bei Introvertierten eine besonders hohe elektrische Aktivität in der vorderen Großhirnrinde festzustellen ist, also dort, wo viele innere Vorgänge wie Lernen, Planen und Problemlösen stattfinden. „Intros sind messbar intensiver mit der Verarbeitung innerer Vorgänge beschäftigt, Extros stärker mit der Verarbeitung äußerer Eindrücke.“, so die Autorin, die sich seit vielen Jahren mit dem Thema beschäftigt.

Introvertierte: Problemlöser mit großem Ruhebedürfnis

Da nach innen gewandte Menschen jeden einzelnen Eindruck aus der Außenwelt in ihrem Inneren eingehend analysieren, dürfen nicht zu viele äußere Reize auf sie einstürmen, damit sie sich noch wohlfühlen. Um gut arbeiten zu können, brauchen sie vor allem eines: Ruhe.

Doch wenn sie die bekommen, sind sie zu Höchstleistungen fähig, die Extrovertierte nur selten erreichen. Introvertierte sind meist besonders gut darin, Informationen zu analysieren, Konzepte auszuarbeiten und Lösungen für komplexe Probleme zu entwickeln. Fähigkeiten, die in vielen Unternehmen dringend benötigt werden. Außerdem arbeiten sie sich problemlos tief in Themen ein und bleiben selbst dann dran, wenn positive Resultate zunächst ausbleiben.

Erfolgstipps für Introvertierte

Wenn stille Menschen es schaffen, ihre Arbeitssituation möglichst gut an ihre Bedürfnisse anzupassen und eigene Leistungen sichtbar zu machen, haben sie genauso gute Chancen auf beruflichen Erfolg wie Extrovertierte. Wir haben die Intro-Expertin Sylvia Löhken nach den besten Tipps für leise Menschen in der Berufswelt gefragt.

Tipp 1: Home-Office betreiben

Zuhause zu arbeiten, tut nach innen gewandten Menschen gut. Die gewohnte Umgebung schützt vor Reizüberflutung und es drohen keine Unterbrechungen durch spontan einberufene Meetings oder mitteilsame Kollegen. Sylvia Löhken empfiehlt, vor allem bei komplizierten Aufgaben auf das Home-Office zu setzen und Vorgesetzten gegenüber herauszustellen, welche Vorteile das mit sich bringt. Zum Beispiel, indem sie ankündigen: „Ich komme am Freitag erst gegen Mittag zur Arbeit, aber dafür bringe ich dann das fertige Konzept mit.“

Tipp 2: Eine angenehme Arbeitsumgebung schaffen

Um sich gut konzentrieren zu können, sollten sich nach innen gewandte Menschen ihren Arbeitsplatz möglichst angenehm gestalten. In ihrem neuesten Buch „Leise Menschen – gutes Leben“ rät Löhken ihnen, sich ab und zu die folgenden Fragen zu stellen:

Mögen Sie Ihren Stuhl? Die Farben und Bilder an den Wänden? Kommen Sie mit der Geräuschkulisse klar? Riecht es gut in Ihrem Büro oder privatem Zimmer?

Tipp 3: Sich in leere Konferenzräume zurückziehen

Falls Home-Office keine Option ist, gibt es eine Alternative: „Kapern Sie leere Konferenz- und Besprechungsräume“, empfiehlt Löhken. Da nur selten alle ausgebucht sind, können sie ruhebedürftigen Mitarbeitern einen Rückzugsort bieten. „Sagen Sie aber nicht: ,Ich bin Intro, ich kann so nicht arbeiten. ʼ“, fügt Löhken hinzu, „sondern: ,Da hinten ist ein Konferenzraum frei. Ich bin viel schneller fertig, wenn ich mich jetzt mal drei Stunden dorthin zurückziehe.ʼ“

Tipp 4: Alle Ablenkungen ausschalten

Da introvertierte Menschen durch Ablenkungen leicht die Konzentration verlieren, sollten sie in ihren Arbeitsalltag regelmäßig störungsfreie Zeiten einbauen. Das bedeutet: Unerreichbar sein für unerwartete Besucher, Handy aus, keine E-Mails und auch keine sozialen Medien. Löhken zufolge hilft es, E-Mails nur zweimal am Tag zu bearbeiten und Telefontermine immer nur in bestimmte Zeitfenster zu legen.

Tipp 5: Auf Meetings vorbereiten

Nach innen gewandten Menschen fällt es oft schwer, ihre Arbeitsleistungen sichtbar zu machen. Sie haben sich meist tiefer in Themen eingearbeitet als alle anderen im Team, doch da sie in Meetings nur wenig sagen, bekommt das keiner mit. Dabei sind sie nicht aus Schüchternheit still, sondern weil es ihnen schwerfällt, Gedanken auszusprechen, die sie für unausgegoren halten.

Als Gegenstrategie rät Löhken, sich bereits vorab zu überlegen, welche Punkte sie bei dem Treffen einbringen möchten. „Statt im Meeting zu versuchen, möglichst viel zu sagen, lieber nur ein- oder zweimal was sagen, und zwar zu den Sachen, die ich vorbereitet habe. Vorbereiten ist etwas, das Introvertierten enorm hilft.“, betont die Autorin.

In ihrem Buch weist sie zudem darauf hin, dass Studien die Effektivität von Teamarbeit grundsätzlich infrage stellen, da Leistungen mit steigender Gruppengröße immer weiter abnehmen. Wer Bestleistungen erzielen will, sollte Löhken zufolge also sowieso immer darauf achten, auch alleine zu arbeiten.

Tipp 6: Networking durch Einzelgespräche

Insgesamt ist Sylvia Löhken, die selbst introvertiert ist, davon überzeugt, dass nach innen gewandte Personen vor allem auf Einzelgespräche setzen sollten, um Ideen einzubringen und auf ihre Leistungen aufmerksam zu machen.

In ihrem Buch „Leise Menschen – gutes Leben“ erklärt sie, dass Introvertierten genau wie Extrovertierten ein Leben in Gemeinschaft wichtig ist, dass sie Gemeinschaft aber anders definieren:

Intros haben bevorzugt mit wenigen Menschen tief gehende Kontakte und einen vertrauensvollen Austausch, anstatt mit vielen Menschen einen weniger verbindlichen Austausch zu pflegen.

Ihr zufolge kann diese Vorliebe auch für das Networking genutzt werden. Einerseits rät Löhken, sich regelmäßig mit einzelnen Kollegen oder Vorgesetzten zum Essen zu verabreden und dabei gezielt über die eigene Arbeit zu sprechen.

Andererseits schlägt sie vor, auch bei Konferenzen auf Zweiergespräche zu setzen, anstatt sich vor Ort in die Menschenmenge zu stürzen und aufgrund von Reizüberflutung kurz darauf schon wieder nachhause zu gehen:

Überlegen Sie sich im Vorfeld, wen sie bei der Veranstaltung kennenlernen möchten und schicken einfach vorab eine E-Mail, in der Sie um einen Termin bitten. Das ist was ganz anderes, als wenn sie die Person zwischen Kaffee und dem nächsten Vortrag von der Seite anhauen.

Der Autorin zufolge schont dieses Vorgehen nicht nur die Energiereserven des Introvertierten, sondern hinterlässt beim Angeschriebenen auch noch einen besonders positiven Eindruck. Löhken ist der Meinung, dass die erfolgversprechendsten Gespräche – also jene, durch die eine konkrete berufliche Zusammenarbeit zustande kommt – auf Konferenzen sowieso immer in kleinem Kreis abgehalten werden.

Tipp 7: Mit Extrovertierten zusammenarbeiten

Schließlich sieht es Löhken als Erfolgsrezept für nach innen gewandte Menschen an, mit Extrovertierten zusammenzuarbeiten. Dabei sei es wichtig, zu überlegen, wie die Stärken beider Partner am besten kombiniert werden können.

Wenn zum Beispiel ein Kunde durch eine Präsentation von der Arbeit des eigenen Unternehmens überzeugt werden soll, „lässt man den Extro präsentieren und die introvertierte Kollegin steht hinterher für die Nachfragen zur Verfügung, die in die Tiefe gehen.“ Sylvia Löhken ist sich sicher, dass die Kombination aus einem dynamisch gehaltenen Vortrag und ruhig zur Schau gestelltem Expertenwissen die besten Erfolge erzielt.

Wer mehr wissen will: Ein Interview mit Sylvia Löhken über die Stärken und Schwächen von Introvertierten gibt es hier.

Über Johanna Wild

Johanna Wild

Johanna Wild ist freie Journalistin in München. Als Consultant berät sie Medienorganisationen in Kriegs- und Krisengebieten. Außerdem ist sie in der Münchner Startup-Szene aktiv und vertieft an der Birmingham City University ihr Wissen im Bereich Online-Journalismus (MA). Für OnlineMarketing.de schreibt sie über Job- und Karrierethemen. Besonders gerne beschäftigt sie sich mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf die deutsche Arbeitswelt.

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