Merkel, Obama & Co.: Wie Introvertierte in der Arbeitswelt punkten können

Wenn jemand über Introvertierte Bescheid weiß, dann sie. Autorin Sylvia Löhken, selbst introvertiert, verrät im Interview, mit welchen Eigenschaften ruhige Mitarbeiter im Beruf punkten können.

Sylvia Löhken ist Expertin für introvertierte Persönlichkeiten. @Sylvia Löhken

Sylvia Löhken beschäftigt sich seit langem mit den Unterschieden zwischen extro- und introvertierten Menschen. Besonders nahe stehen der Autorin die Stillen, die in der Berufswelt oft übersehen werden, weil sie zwar viel leisten, aber nur äußerst ungern darüber sprechen. Mit ihrem neuesten Buch “Leise Menschen – gutes Leben” will Löhken leisen Menschen Ideen für ein erfülltes Intro-Leben an die Hand geben. Wir haben mit ihr über die Stärken und Schwächen von Introvertierten in der Berufswelt gesprochen.

OnlineMarketing.de: Worin unterscheiden sich introvertierte von extrovertierten Menschen?

Sylvia Löhken: Intros leben eher nach innen gewandt, während Extros stärker auf Reize aus der Außenwelt reagieren. Carl Gustav Jung hat diesen Unterschied bereits vor mehr als hundert Jahren geprägt und das Spannende ist, dass wir ihn heute sogar im Gehirn nachmessen können.

Was lässt sich das im Gehirn denn genau feststellen?

Bestimmte Hirnbereiche sind bei intro- und extrovertierten Menschen jeweils aktiver als andere. Unsere Hardware ist sozusagen nach innen oder nach außen gewandt. Ein großer Unterschied zeigt sich auch im vegetativen Nervensystem, das ist unser Autopilot, mit dem die Energie in unserem Körper verteilt wird. Es gibt dort eine Art Gaspedal und eine Art Bremspedal. Wenn wir das Gaspedal treten, bedeutet das Action, wir tun etwas. Diese Funktion lässt sich zurückführen auf Angriff und Flucht in der Evolution. Das Bremspedal wird betätigt, wenn wir ausruhen müssen, um zu neuen Energien zu kommen.

Introvertierte müssen öfter bremsen, damit es ihnen gut geht. Sie brauchen mehr Ruhe und Regeneration, während Extrovertierte mehr Action brauchen. Aber Menschen sind natürlich keine Schubladen-Kategorien. Da verschiedene Stellen im Gehirn entweder nach innen oder nach außen gewandt sein können, sind wir alle Mischungen aus intro- und extrovertierten Eigenschaften. Es kann sein, dass Sie in einem Bereich nach innen und in einem anderen Bereich nach außen gewandt sind. Außerdem gibt es viele Zentrovertierte, die sich genau in der Mitte befinden.

Welche Auswirkungen hat es für Introvertierte in der Arbeitswelt, dass ihr Gehirn stärker vom Bremssystem geprägt ist?

Das hat ganz heftige Auswirkungen. Extrovertierte bringen gerade dann richtig gute Leistungen, wenn sie Dinge ausprobieren können, wenn ein Termin den nächsten jagt, wenn sie mit vielen Menschen zu tun haben und schnelle Aktionen gefordert sind. In solchen Situationen blühen sie auf. Sie sind wie Windräder, die ihre Energie von außen bekommen.

Im Gegensatz dazu machen Introvertierte zu und gehen in den Überlebensmodus, wenn viel los ist. Beste Leistungen erbringen sie, wenn sie Ruhe haben zur Reflektion, wenn sie Informationen ungestört verdauen können und wenn nicht zu viel auf einmal auf sie einprasselt. Wenn ich als Introvertierte zum Beispiel ein Konzept entwerfen soll, dann mache ich das am besten ganz alleine und wenn keine Termine anstehen. Introvertierte sind wie Akkus, die ihre Batterien in Ruhe aufladen müssen.

Mit welchen Herausforderungen haben Introvertierte im Büroalltag zu kämpfen?

Für Introvertierte ist es schwierig, wenn sie bei der Arbeit keine Alleinzeit haben. Sie sind auch leicht überstimuliert. Während Extrovertierte für Eindrücke aus der Außenwelt sehr viel Platz in ihrem Gehirn zur Verfügung haben, können nach innen gewandte Menschen nur eine begrenzte Anzahl von Eindrücken gut verarbeiten. Wenn zu viel auf sie einprasselt, haben Introvertierte irgendwann die Nase voll. Dann stellt sich bei ihnen Verstopfung ein und sie können nicht mehr gut denken.

Wenn im Meeting Brainstorming gemacht wird und dann geht’s ins Großraumbüro zurück, und rechts und links telefonieren und unterhalten sich Kolleginnen und Kollegen, ist das für Introvertierte extrem anstrengend. Deswegen ist es für sie wichtig, sich Ruheoasen zu schaffen, nicht nur zum Ausruhen, sondern auch zum Arbeiten.

Haben Introvertierte gegenüber ihren extrovertierten Kollegen auch Vorteile?

Natürlich. Eine Stärke ist Vorsicht. Introvertierte haben ein aktiveres Vorsichtszentrum. In einer Zeit, in der sich ständig alles ändert, ist es super, dass Introvertierte Dinge sagen wie: „Lasst uns mal überlegen, welche Risiken wir tragen und wie wir diese Risiken managen können, wenn wir diesen Business-Plan realisieren.“ Das ist eine sehr wesentliche Kompetenz, wenn es darum geht, ein Unternehmen zu gründen, neue Initiativen innerhalb von Konzernen zu planen oder Konkurrenz abzuwehren.

Außerdem sind Introvertierte oft gute Zuhörer. In der Business-Welt sind diejenigen am erfolgreichsten, die es schaffen, Probleme der Kunden zu lösen. Wenn ich gut zuhöre, habe ich eine viel größere Chance, herauszufinden, wo der Schuh wirklich drückt.

Manchmal wissen Kunden auch gar nicht so genau, was sie eigentlich haben wollen. In solchen Fällen helfen zwei weitere Intro-Stärken: analytisches Denken und Einfühlungsvermögen. Nach innen gewandte Menschen sind gut darin, Informationen zu sammeln, zu verarbeiten und sauber zu organisieren. Zusätzlich können sie sich gut in andere hineinversetzen. Sie stellen sich ganz automatisch die Frage: „Wenn ich der Kunde wäre, wie würde es mir in dieser Situation gehen und was bräuchte ich dann?“. Auf dieser Informationsbasis schaffen sie es, dem Kunden passgenaue Vorschläge zu machen.

Gibt es Ihrer Meinung nach Berufsfelder, die besonders gut für introvertierte Menschen geeignet sind?

Im Allgemeinen fühlen sich Introvertierte besonders in solchen Berufen wohl, in denen es um analytisches Denken und beharrliches Dranbleiben geht. Typische Intro-Biotope sind zum Beispiel Buchhaltung, Controlling und die Wissenschaft. Ich stelle mal eine steile These auf: Unter den Spitzenwissenschaftlerinnen und Spitzenwissenschaftlern gibt es wahrscheinlich mehr Intro- als Extrovertierte.

Das bedeutet aber nicht, dass Introvertierte sich immer nur in Intro-Ghettos aufhalten sollten. 30 bis 50 Prozent einer jeden Bevölkerung sind introvertiert, sie sind also keine bedrohte Tierart, die geschützt werden muss. Viel wichtiger ist es, sich die Frage zu stellen: Wo möchte ich tätig sein? Spitzenpolitik zum Beispiel würde ich nicht als ein typisches Intro-Feld bezeichnen. Und trotzdem war Barack Obama – ein bekennender Introvertierter – acht Jahre lang Präsident der Vereinigten Staaten.

Und wir haben eine leise Kanzlerin. Angela Merkel macht eine ganz andere Art von Politik als ihr Vorgänger Gerhard Schröder. Extros sagen oft über sie: Warum macht die nichts? Warum macht die denn jetzt nichts? Aber die macht schon was. Nur erstens denkt sie in Ruhe nach und zweitens ist sie nicht der Meinung, dass alles sichtbar sein muss, was sie tut. Sie übt ihr Amt ganz anders aus als ein Extrovertierter, und zwar ganz souverän. Auch in Extro-Biotopen können nach innen gewandte Menschen sehr, sehr erfolgreich sein, wenn ihnen ihre Tätigkeit wichtig ist.

Denken Sie, dass Introvertierte gute Führungspersönlichkeiten sein können?

Unbedingt. Wissenschaftler aus den USA haben genau diese Frage gestellt. Sie wollten herausfinden, ob extro- oder introvertierte Menschen die besseren Führungskräfte sind und kamen zu der Antwort, dass je nach Bereich die jeweils einen oder anderen die Nase vorn haben.

Extrovertierte sind in stark hierarchischen Kontexten besser. Immer wenn es darum geht, blitzschnell Entscheidungen zu treffen, diese nach unten durchzugeben und sie von den Untergebenen ausführen zu lassen. Das ist zum Beispiel im Vertrieb der Fall, aber auch in Branchen, die immer wieder mit Krisen zu tun haben wie Wahlkampfbüros, Polizei und Militär.

Introvertierte sind dagegen die besseren Fürhrungskräfte in allen Bereichen, in denen die Mitarbeiter viel Eigenverantwortung haben müssen, damit das gut läuft. In Unternehmen mit flachen Hierarchien wie Start-ups oder IT-Unternehmen zum Beispiel, in denen die Mitarbeiter eigenständig komplexe Probleme lösen müssen. Da sind sie besser, weil sie ihren Mitarbeitern viel Raum geben und sie nicht knebeln.

Woher kommt es Ihrer Meinung nach, dass es oft als positiv angesehen wird, laut aufzutreten?

Ganz ehrlich: Ich glaube, dass es gar nicht so ist. Die Lauten fallen einfach mehr auf und werden dann auch lauter beklatscht. Aber mal ganz im Ernst. Wenn Sie im Business einen vertrauenswürdigen Introvertierten haben, der Ihnen ruhig und freundlich zuhört, sich in Sie hineinversetzt und dann mit Ihnen so zusammenarbeitet, dass ihr Problem gelöst wird: Den finden Sie doch toll. Es gibt einfach so viele erfolgreiche Introvertierte, die es schaffen, ihre Leistung sichtbar zu machen, auch ohne ein Lautsprecher zu sein.

Du bist selbst introvertiert und kannst Tipps für deinen Berufsalltag gebrauchen? Intro-gerechte Empfehlungen von Sylvia Löhken findest du hier.

Über Johanna Wild

Johanna Wild

Johanna Wild ist freie Journalistin in München. Als Consultant berät sie Medienorganisationen in Kriegs- und Krisengebieten. Außerdem ist sie in der Münchner Startup-Szene aktiv und vertieft an der Birmingham City University ihr Wissen im Bereich Online-Journalismus (MA). Für OnlineMarketing.de schreibt sie über Job- und Karrierethemen. Besonders gerne beschäftigt sie sich mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf die deutsche Arbeitswelt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.