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Zwischen Absicherung und Existenzdruck: Altersvorsorgepflicht für Selbstständige stößt auf umfassende Ablehnung

Zwischen Absicherung und Existenzdruck: Altersvorsorgepflicht für Selbstständige stößt auf umfassende Ablehnung

Marié Detlefsen | 17.09.26

Eine geplante Altersvorsorgepflicht sorgt bei vielen Selbstständigen für Unmut. Eine aktuelle Umfrage zeigt: Die Mehrheit sieht in der geplanten Regelung vor allem eine zusätzliche finanzielle Belastung. Gleichzeitig ist klar, dass ein Teil der Selbstständigen bislang überhaupt nicht fürs Alter vorsorgt.

Für Selbstständige könnte sich in den kommenden Jahren einiges ändern. Die Bundesregierung plant, Menschen, die sich künftig selbstständig machen, schrittweise zu einer Altersvorsorge zu verpflichten. Die Idee dahinter ist nachvollziehbar: Selbstständige sollen im Alter nicht ohne ausreichende Absicherung dastehen und dadurch möglicherweise auf staatliche Unterstützung angewiesen sein.

Bei denjenigen, die von einer solchen Regelung betroffen wären, kommt der Plan allerdings bislang schlecht an. Das zeigt eine aktuelle Befragung der Steuer-App Accountable unter 812 Selbstständigen. Es wurde danach gefragt, wie sie die geplante Pflicht einschätzen, welche finanziellen Folgen sie erwarten und ob sich ihre berufliche Situation dadurch verändern könnte.

Altersvorsorgepflicht als finanzielle Belastung

Das Ergebnis fällt deutlich aus: 87,4 Prozent der Befragten bewerten die geplante Altersvorsorgepflicht negativ. Für 59 Prozent ist sie sogar „sehr schlecht“. Nur 12,6 Prozent stehen dem Vorhaben positiv gegenüber. Der stärkste Einwand der Befragten ist finanzieller Art. 94,2 Prozent rechnen damit, dass verpflichtende Beiträge zur Altersvorsorge ihr Budget belasten würden, 75,6 Prozent erwarten sogar eine sehr starke finanzielle Belastung. Nur 5,8 Prozent gehen davon aus, dass die zusätzlichen Kosten für sie gering wären oder kaum ins Gewicht fallen würden.

Das Problem ist aus Sicht vieler Selbstständiger offenbar weniger die Idee, fürs Alter vorzusorgen, als vielmehr die Frage, wie sich die zusätzlichen Beiträge im Alltag stemmen lassen. Selbstständige haben schließlich häufig keine gleichmäßigen Monatseinkünfte. Gute Monate können sich mit schwächeren Phasen abwechseln. Was bei einem festen Gehalt jeden Monat relativ planbar ist, kann bei einer selbstständigen Tätigkeit deutlich stärker schwanken. Hinzu kommt: Arbeitgeber:innen, welche einen Teil der Sozialversicherungsbeiträge übernehmen, gibt es bei Selbstständigen nicht.

Die Mehrheit der befragten Selbstständigen stehen der diskutierten Altersvorsorge negativ gegenüber. Das Hauptargument liegt auf der zusätzlichen finanziellen Belastung (mit einem Klick aufs Bild gelangst du zur größeren Ansicht), © Accountable
Die Mehrheit der befragten Selbstständigen steht der diskutierten Altersvorsorge kritisch gegenüber. Das Hauptargument liegt auf der zusätzlichen finanziellen Belastung (mit einem Klick aufs Bild gelangst du zur größeren Ansicht), © Accountable

Besonders deutlich wird die Skepsis bei der Frage, was passieren würde, wenn sich Selbstständige von der Versicherungspflicht befreien lassen könnten. Laut der Studie würden 91,6 Prozent der Befragten diese Möglichkeit nutzen. 77,6 Prozent würden nach eigenen Angaben sogar „auf jeden Fall“ aussteigen. Nur 4,7 Prozent könnten sich vorstellen, in der gesetzlichen Rentenversicherung zu bleiben.

Das spricht für eine erhebliche Distanz gegenüber dem bislang diskutierten Modell. Auch eine Anpassung der Regelung dürfte diese Haltung nicht bei allen verändern. 45,2 Prozent erklären, dass sie unter keinen Umständen in der gesetzlichen Rentenversicherung bleiben wollten.

Selbstständige sehen Möglichkeiten bei der Altersvorsorgepflicht

Ganz grundsätzlich lehnen die Befragten eine verpflichtende Altersvorsorge allerdings nicht zwangsläufig ab. Sie knüpfen sie vielmehr an bestimmte Bedingungen. 36,6 Prozent könnten sich eine Pflicht vorstellen, wenn die Beiträge vom Einkommen abhängen und damit auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten tragbar bleiben.

Für 26,8 Prozent wäre eine garantierte Rente ohne Anlagerisiko entscheidend. Weitere 18,7 Prozent nennen zusätzliche Leistungen wie eine Absicherung bei Erwerbsminderung, Rehaleistungen oder einen Schutz für Hinterbliebene. Die Antworten zeigen damit ein differenzierteres Bild als ein simples Pflicht oder keine Pflicht. Viele Befragte scheinen durchaus konkrete Vorstellungen davon zu haben, wie eine verpflichtende Vorsorge aussehen müsste, damit sie akzeptabler wäre.


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13 Prozent würden ihre Selbstständigkeit aufgeben

Die Befragung beschäftigt sich nicht nur mit der finanziellen Bewertung der geplanten Regelung, sondern fragt auch danach, was die Betroffenen tatsächlich tun würden, sollte die Pflicht kommen. So würden 49 Prozent der Befragten ihre Selbstständigkeit grundsätzlich überdenken. Fast ein Viertel (22,8 Prozent) würde die selbstständige Tätigkeit reduzieren und zusätzlich eine Beschäftigung aufnehmen. 12,7 Prozent würden sogar vollständig mit der Selbstständigkeit aufhören.

Andere würden versuchen, die zusätzlichen Kosten an ihre Kund:innen weiterzugeben: 42,4 Prozent geben an, ihre Preise erhöhen zu wollen. 36 Prozent würden zudem anderen Menschen von einer Selbstständigkeit abraten und lediglich 9,4 Prozent erwarten keine Veränderungen für ihre berufliche Situation. Eine Altersvorsorgepflicht könnte aus Sicht der Befragten also Auswirkungen auf die Frage haben, ob und in welchem Umfang sich eine selbstständige Tätigkeit künftig noch lohnt. Ob diese in der Umfrage genannten Absichten später allerdings tatsächlich zu entsprechenden Entscheidungen führen würden, lässt sich daraus nicht ableiten.

Fast jede:r Fünfte hat bislang gar keine Altersvorsorge

Dennoch ist die Altersvorsorge unter Selbstständigen keineswegs durchgehend geregelt. 60,8 Prozent der Befragten geben an, privat für das Alter vorzusorgen. Genannt werden unter anderem Modelle wie die Rürup-Rente, private Rentenversicherungen, ETFs oder Immobilien. 20,7 Prozent zahlen über eine hauptberufliche Anstellung in die gesetzliche Rentenversicherung ein. Weitere 10,7 Prozent sind über die Künstlersozialkasse abgesichert.

Auf der anderen Seite stehen 18,6 Prozent, die nach eigenen Angaben derzeit überhaupt keine Altersvorsorge haben. Das entspricht fast jeder fünften befragten Person. Damit zeigt die Studie zwei Seiten des Problems: Ein großer Teil der Befragten sorgt bereits auf unterschiedliche Weise fürs Alter vor. Gleichzeitig gibt es eine nicht unerhebliche Gruppe ohne aktuelle Altersvorsorge. Tino Keller, Mitgründer von Accountable, sagt hierzu:

Die Befragten sagen ziemlich genau, was es bräuchte: einkommensabhängige Beiträge, die in schlechten Monaten mitatmen, echte Wahlfreiheit zwischen gesetzlicher und privater Vorsorge sowie eine unbürokratische Abwicklung. Stattdessen droht jedoch ein Vorhaben, das fast jeden Zweiten dazu bringt, die eigene Selbstständigkeit grundsätzlich infragezustellen. Das wäre nicht nur für die Betroffenen problematisch, sondern auch ein schlechtes Signal für alle, die überlegen, sich künftig selbstständig zu machen. Wer den Schritt in die Selbstständigkeit plant, schaut sehr genau darauf, welche Belastungen damit verbunden sind und ob andere Länder attraktivere Bedingungen bieten.

Parallel zur Diskussion über eine mögliche verpflichtende Altersvorsorge soll ein weiteres Instrument an den Start gehen. Ab dem 1. Januar 2027 soll mit dem Altersvorsorgedepot eine staatlich geförderte Form der privaten Altersvorsorge zur Verfügung stehen, die auch Selbstständigen offenstehen soll. Damit steht neben der Frage nach einer möglichen Pflicht auch ein freiwilliger Ansatz im Raum. Für Selbstständige könnte damit eine Alternative interessant werden, die stärker auf private Vorsorge und staatliche Förderung setzt. Welche Bedeutung ein solches Modell tatsächlich bekommt, dürfte allerdings auch davon abhängen, wie attraktiv die konkrete Ausgestaltung am Ende ist und welche Kosten, Förderungen und Anlagebedingungen damit verbunden sind.


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