Human Resources
DIW: Arbeitsmarkt in fragiler Lage – Strukturwandel und gesunkene Produktivität

DIW: Arbeitsmarkt in fragiler Lage – Strukturwandel und gesunkene Produktivität

Selina Beck | 02.09.26

Der Arbeitsmarkt hat Probleme. Doch wie geht es weiter? Die Arbeitslosenquote hat ihren Höhepunkt erreicht, vermuten Expert:innen, doch mit einer Erholung rechnen sie erst im Laufe von 2027 – und das auch nur in geringem Maße. Bei der Inflation gibt es keine guten Nachrichten.

Wie geht es weiter mit der deutschen Wirtschaft und dem Arbeitsmarkt? Die Expert:innen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) haben im Pressegespräch ihre Konjunkturprognose für den Herbst vorgestellt. Arbeitsmarktexpertin Dr. Angelina Hackmann erklärt auf Nachfrage von OnlineMarketing.de, dass die Arbeitslosenquote den Höhepunkt bereits erreicht hat. Die Erwerbstätigkeit ist gesunken, Stellen wurden abgebaut und viele Beschäftigte sind früher in den Ruhestand gegangen.

Die Expertin rechnet mit einem Rückgang der Arbeitslosenquote, die zurzeit bei 6,4 Prozent liegt, aber voraussichtlich erst im Laufe des Jahres 2027. Und auch für das Jahr 2027 soll die Quote der Prognose nach noch bei 6,2 Prozent liegen. Erst 2028 soll sie auf 5,8 Prozent fallen.

Der Beschäftigtenabbau läuft aus, aber langsam,

so die DIW-Vertreter:innen. Zurzeit gibt es 45,7 Millionen Erwerbstätige, das sind 215.000 weniger als im Vorjahr (minus 0,5 Prozent). Die Erwerbstätigkeit geht in diesem Jahr um 0,4 Prozent zurück, die „Wende erwarten wir im Verlauf von 2027“. Im Moment sei es eher eine „allmähliche Belebung“.


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© Mizuno K – Pexels


DIW-Konjunkturchefin Dr. Geraldine Dany-Knedlik sieht den Arbeitsmarkt noch in einer „fragilen Lage“. Die konjunkturelle Lage habe sich zwar verbessert, aber der Arbeitsmarkt noch nicht, er hänge noch hinterher. Auch bei den strukturellen Faktoren sieht sie eine „angespannte Lage“ – vor allem durch den demografischen Wandel und den Fachkräftemangel.

Abbau im verarbeitenden Gewerbe, Anstieg bei öffentlichen Dienstleistungen

Generell sehen die Expert:innen einen „Strukturwandel statt Einbruch“, der schon lange sichtbar ist. Während das verarbeitende Gewerbe seit 2019 660.000 Beschäftigte verloren hat, gibt es bei öffentlichen Dienstleistungen und dem Gesundheitssektor ein Plus von 1,2 Millionen Angestellten. Auch die Sektoren Industrie und Bau haben Jobs abgebaut. „Die Zahlen sind ernüchternd“, kommentiert Dany-Knedlik. Der Strukturwandel im verarbeitenden Gewerbe bleibt das zentrale binnenwirtschaftliche Risiko. Dennoch zeigen die Stimmungsindikatoren eher Optimismus.

Der Strukturwandel wirkt sich auch auf die Produktivität aus, denn die ist mit einem Plus von 0,9 Prozent sehr gering im historischen Vergleich. Hier müsse Deutschland zum Potenzial zurückkommen. Da der Bau und das verarbeitende Gewerbe besonders produktiv sind und diese Jobs zurückgegangen sind, liegt die Produktivität „lange nicht dort, wo sie vor dem Beginn der Coronapandemie lag“.

Inflation wird anhalten

Doch wie geht es der Wirtschaft im Allgemeinen? Das DIW hat die Konjunkturprognose nach oben gesetzt, die Wirtschaft entwickelt sich besser als im Sommer erwartet – vor allem dank starker Exporte. Voraussichtlich gibt es 1,2 Prozent Wirtschaftswachstum in diesem Jahr, 2027 wird ein Wachstum von einem Prozent prognostiziert. Doch die Inflation liegt in diesem Jahr bei durchschnittlich 2,7 Prozent und damit über dem Ziel der EZB. Im August lag die Inflationsrate bereits bei 2,9 Prozent durch den Treiber Energie. Die Expert:innen sehen eine „energiebetriebene Teuerung“. Der Energiepreisschock ist nicht verschwunden, sondern vom Öl- zum Gasmarkt gewandert. Für 2027 wird immer noch eine Inflationsrate von 2,6 Prozent angenommen.

Die erste Jahreshälfte war dennoch besser als erwartet, denn der Energiepreisschock fiel milder als erwartet aus,

erklärt Dany-Knedlik. Die Erholung wird vor allem von öffentlicher Hand getragen, private Investitionen ziehen nur langsam nach. Wegen des Niedrigwassers im Rhein und auslaufender Sondereffekte erwarten die Expert:innen für das dritte Quartal eine Stagnation. Das Problem: „Von kräftigen Lohnabschlüssen bleibt real wenig übrig.“ Das ist auch der Kern der schwachen Konsumprognose. Die Expert:innen betonen jedoch auf Nachfrage, dass sie keine klassische Schuldenkrise sehen, weil die EZB ihre Instrumente spiele.

Diese Änderungen müssen kommen

Marcel Fratzscher, Präsident des DIW Berlin, betont, dass vor allem öffentliche Investitionen stärker getätigt werden müssen in den kommenden Jahren. Für einen nachhaltigen Aufschwung und die Wettbewerbsfähigkeit sei der Fokus auf Investitionen zentral. Privatwirtschaftlich geschieht laut dem Arbeitsmarktexperten noch zu wenig, hier müsse die Politik noch bessere Rahmenbedingungen schaffen.

Zudem benennt der Experte als wichtige Veränderungen mehr Zuwanderung, eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt und ein höheres Renteneintrittsalter. Die Bundesregierung „muss glaubwürdige Reformen umsetzen“, so Fratzscher. Er nennt als Beispiel das Rentenreformpaket, hinter dem nun Fragezeichen stünden. Es sei wichtig, Vertrauen zu schaffen – auch für die Unternehmen.


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