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„Ausrüster für Neonazis“ – Amazon für Verbreitung brauner Produkte kritisiert

Der Zentralrat der Juden nennt gezielt Produktgruppen, die Hassrede schüren. Im Rahmen des Prime Day zwingen die Negativschlagzeilen das Unternehmen zum Reagieren.

Screenshot YouTube, © Amazon Prime

T-Shirts mit rechter Propaganda sorgen derzeit für Negativschlagzeilen beim Versandriesen Amazon. Obwohl das Unternehmen klare Richtlinien bezüglich des Amazon Marketplace hat, kommt es immer wieder dazu, dass Drittanbieter Artikel für Neo-Nazis anbieten. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, zeigt sich entsetzt und zieht die Online-Plattform zur Verantwortung.

Amazon reagiert zunächst verhalten auf Vorwürfe

In den Richtlinien für Drittanbieter hat Amazon folgendes deutlich verankert:

Verboten ist das Anbieten von Artikeln, die den Nationalsozialismus oder verfassungswidrige Organisationen verherrlichen, unterstützen, gutheißen oder verharmlosen.

Doch trotz dessen ist es nicht schwer, entsprechende Produkte schnell auf der Seite des Versandriesen zu finden, wie die Eigenrecherche zeigt. Auf die Vorwürfe des Zentralrats der Juden reagiert Amazon zunächst nicht. Erst nach einigen Tagen heißt es von Seiten des Unternehmens, dass man die angeprangerten Produkte überprüfen wolle. Sollten diese sich tatsächlich als regelwidrig herausstellen, könne den entsprechenden Händlern der Zugang zur Plattform komplett gesperrt werden. Amazon distanziert sich gleichzeitig von Nationalsozialismus und rechter Propaganda.

Um diese Produkte geht es

Für besonderes Aufsehen im negativen Sinne hatten T-Shirts mit dem Aufdruck „auch ohne sonne braun“ gesorgt. Verfechter des Produkts argumentieren damit, dass in den Spruch viel hinein interpretiert werden könne – jedoch lassen Farbe und Schriftart kaum einen Zweifel zu, dass es sich ganz klar um die politische Gesinnung handelt. Betrachtet man die Seite eines der Anbieter, BDS-Folientechnik, so lassen sich weitere Artikel in diese Richtung finden, beispielsweise Fanartikel der Rechtsrock-Band Landser sowie Parolen gegen eine bunte Gesellschaft und den deutschen Staat.

Die Aufdrucke der Kleidungsstücke lassen keinen Zweifel über eine rechte Gesinnung zu. Screenshot Amazon

Stimmen gegen solche Produkte werden laut

Wie erwähnt, zeigt sich der Präsident des Zentralrats der Juden entsetzt. Schuster kritisiert, dass sich neben den oben aufgezählten Artikeln noch viele weitere Produkte finden lassen, die „NS-Größen oder rechtes Gedankengut verherrlichen oder den Hass auf Minderheiten schüren“. Und tatsächlich lässt sich noch gefährlichere Propaganda auf Amazon finden. Hitler-Zitate, Parolen, welche Gewaltbereitschaft verkünden, und angeblich wissenschaftliche Ausarbeitungen mit Titeln wie „Der Jude als Weltparasit“ sind nur die Spitze des Eisbergs. Um gegen die Verbreitung solcher antisemitischen, fremdenfeindlichen und rückständigen Produkte vorzugehen, ruft Schuster Amazon zum Handeln auf:

Wer solche Waren auf dem Markt verbreitet, darf sich nicht darauf zurückziehen können, dass er lediglich ‚Anbieter‘ ist und damit keine Verantwortung hat […] gerade in der derzeitigen politischen und gesellschaftlichen Lage.

Auch auf der Seite der Artikel selbst beschweren sich Amazonkunden lautstark darüber, dass solche Artikel überhaupt auf der Plattform angeboten werden. Jedoch gibt es auch Verfechter der Produkte und ihres Aufdrucks, die über „Gutmenschen“ wettern:

Und auch in den Kommentaren werden Stimmen gegen rechte Propaganda laut, die auf große Zustimmung stoßen – dass die Schreiber der Kommentare das angeprangerte Produkt mit großer Wahrscheinlichkeit nicht gekauft haben, sei an dieser Stelle dahingestellt:

Über 100 Menschen fanden die erste Rezension hilfreich – über 100 Menschen, die sich gegen rechte Propaganda auf Amazon stellen.

Hassrede ist keine Meinungsfreiheit

„Amazon ist der perfekte Ausrüster für Neonazis, Hitler-Verehrer, Wehrmachtsnostalgiker – und Antisemiten“, schlussfolgert das Redaktionsnetzwerk Deutschland, das im Rahmen der Vorwürfe über Amazon mit Josef Schuster gesprochen hat. Und natürlich ist der Versandriese nicht als Anbieter der Nazi-T-Shirts zu verstehen – jedoch greift Amazon mit jedem Verkauf fleißig Provision ab. Dass etwas getan werden muss, steht außer Frage, denn: Eine politische Meinung steht jedem Menschen zu. Wer jedoch antisemitische Sticker auf dem Auto kleben hat, wer aktiv gegen die Buntheit unserer Gesellschaft vorgeht, indem er homophobe Parolen brüllt und Flüchtlingsunterkünfte anzündet, wer eine gewisse Partei wählt, die das Frauenbild der Hausfrau und Gebärmaschine propagiert – der sollte sich nicht wundern, wenn er auf heftige Gegenreaktionen stößt und durch seine unangemessenen Äußerungen eingeschränkt wird. Denn Hass hat nichts mit Meinungsfreiheit zu tun.

Gerade im Rahmen des momentan stattfindenden Prime Day dürften die Negativschlagzeilen Amazon hart treffen – jedoch auch schnellstens zum Handeln bewegen. Neben der Sperrung der entsprechenden Händler wäre es eine Maßnahme, dass sich das Unternehmen noch einmal öffentlich von jeglicher Verbindung zu Nazi-Propaganda distanziert – und gleichzeitig vielleicht auch Projekte zur Aufklärung unterstützt. Denn wie Theodor Fontane schon sagte: „Gegen eine Dummheit, die gerade in Mode ist, kommt keine Klugheit auf.“ Versuchen kann man es aber trotzdem.

Über Michelle Winner

Michelle Winner

Nachdem Michelle Winner Erfahrungen in einer Lokalzeitung und im Eventbereich gesammelt hat, unterstützt sie nun seit 2017 die Redaktion und schreibt für das OnlineMarketing.de Karrieremagazin über Themen rund um den Büroalltag.

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