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Fünf Totgesagte und ein neuer Anfang – Erkenntnisse von der Next Conference

„It’s me, your digital ego“, war das Motto der Next Conference auf der Reeperbahn in Hamburg – was konnten wir dort lernen? Ralf Scharnhorst berichtet.

© Flickr / NEXTConf, CC BY 2.0

14. September 2016 auf der DMEXCO in Köln. 52% der Messebesucher sagen, Online könnte ein Werbemedium werden. Zur Ehrenrettung des Publikums sei gesagt, dass die Frage suggestiv gestellt war und die anderen Antwortmöglichkeiten noch weniger attraktiv waren.

Fortschritt eine Woche später in Hamburg: Hier sind die Unternehmen, für die Online schon Realität ist – und zwar seit Jahren. Und was kommt als nächstes? Vor 10 Jahren gründete die Internet-Agentur SinnerSchrader die NEXT Conference, um das zu diskutieren. Inzwischen macht die PR-Agentur Faktor 3 mit und das Reeperbahn-Musikfestival stellt das Abendprogramm.

Wo auf der DMEXCO über nächstes Jahr gesprochen wird, blickt die Next 10 Jahre voraus. Blogs waren hier 2006 Thema, Twitter wurde 2007 vorgestellt und genutzt.

Augmented Reality war eines der größten Themen der DMEXCO 2016. Auf der Next konnte man Google Glass 2013 schon ausprobieren. Sein Evangelist Robert Scoble trug es auch auf der Herrentoilette. Inzwischen ist er darüber hinweg und sprach darüber am 22.9. auf der DIGILITY 2016, einer Virtual-Reality-Konferenz der Photokina auf der Messe Köln. Auf der Next konnte man die meisten aktuellen Technologien live ausprobieren.

Was konnten die 1.300 Next-Besucher lernen in zwei Tagen Konferenz?

1. Das Ende der Bildschirme

Screens seien nur eine Brückentechnologie, die Ära neige sich dem Ende. Es muss unterschieden werden zwischen UX – User Experience und UI – User Interface Design. Beispiel Türschloss: Schlüssel und Schloss sind ausgereifte, gelernte Alltagswerkzeuge. Um sie abzulösen, hilft kein noch so gutes App Design. Es bliebe zu kompliziert, jedes Mal das Smartphone zu entsperren. Aber wenn die Tür ohne jegliches Interface per Bluetooth öffnet, ist das Fortschritt – und Experience Design.

2. Das Ende der Werbung

Werbung wurde auf der Bühne mehrfach totgesagt. Was mich beruhigt, denn wir wissen ja: totgesagte Leben länger (den Banner hatte ich deshalb vor 15 Jahren totgesagt).

Der Konsument ist durch Werbung beeinflussbar. Auch wenn diese Werbung nervt, er klickt darauf und shoppt auf Websites und in Apps. Aber was, wenn den Einkauf der digitale Assistent, das digitale Ego übernimmt? Ist Siri unbestechlich – das iPhone war ja teuer genug in der Anschaffung? Und was ist mit Google Now und dem neuen Google Trips und Allo?

Was machen Internet-Agenturen und Marken, wenn der Konsument nicht online bestellen will, sondern im Messenger-Dialog – wie es z.B. bei WeChat in China häufig vorkommt? Dafür müssen Chat-Bots entwickelt werden.

© Flickr / NEXTConf, CC BY 2.0

Diskussionen standen im Vordergrund – aber auch die Tweets im Hintergrund waren wichtig, © Flickr / NEXTConf , CC BY 2.0

3. Das Ende der Automobile

Und dann ist da noch die Autoindustrie. Besteht den Blech-Ikonen das gleiche Schicksal bevor wie den Bildschirmen? Audi, neuer Kunde von SinnerSchrader, war als Next-Sponsor omnipräsent. Ein selbstfahrendes Auto habe man, aber natürlich würden selbstfahrende Autos irgendwann ganz anders aussehen. Womöglich so unemotional wie Busse und niemand will sie dann besitzen, sondern nur fahren? Audi scheint davor zu flüchten in die Emotionalisierung der Marke. Die möglicherweise unemotionalste Automarke zeigt ihre Rennsport-Erlebnisse in virtuellen und augmentierten Realitäten. Materielle Statussymbole wie Autos werde ersetzt durch Erlebnisse wie Rennsport.

Automobile mit Lenkrad kann das gleiche Schicksal ereilen wie vor 100 Jahren die Pferde – vom Alltags-Werkzeug zum reinen Hobby. Verbannt auf die Rennstrecke und abgesperrte Gelände. Audis Vorbereitung scheint zu sein: das virtuelle Cockpit – Bildschirm statt Zeiger im Tacho. Und der zaghafte Einstieg ins Carsharing: an Business-Kunden als Leasing-Alternative, die günstiger sein kann, weil der Leasingnehmer sein Auto per App weitervermieten darf. Oder teurer, weil irgendjemand das Auto reinigen muss.

4. Das Ende der Banken

Im Vergleich zu den Banken hat es die Autoindustrie allerdings noch leicht. Die Finance-Branche verliert gerade eine ganze Generation an Kunden in Asien und Afrika. Sie hatten noch nie ein Bankkonto und wickeln jetzt Überweisungen über ihre Prepaid- und Mobilfunkkonten ab wie beispielsweise M-PESA in Kenia.

5. Das Ende der Arbeit

Wie wird sich die Arbeitswelt verändern? Es wird chaotischer – und das ist gut so. Claire Burge gibt auf der Bühne einen Tipp ihres Mountainbike-Lehrers weiter: Es geht um so leichter, um so schneller Du fährst – nur nicht als Anfänger. Und vor allem bleiben wir als menschliche Arbeitskraft unersetzlich, wenn wir visuell denken können, Wissen vermitteln können, die richtigen Fragen stellen, Empathie und Moral zeigen.

6. Der Beginn der künstlichen Intelligenz

Dazu sind Experten von IBM-Watson und von Ray Kurzweils Singularity University auf der Bühne – meine Gelegenheit, zu fragen, wie es mit dem Moore’schen Gesetz weitergeht. Zur Erinnerung: Seit vielen Jahrzehnten verdoppelt sich die Leistung von Computern alle 18 Monate – aber wie lange noch? Ein Supercomputer kann heute bereits in Echtzeit das Gehirn einer Schlange simulieren – verbraucht dabei aber 20 Megawatt Strom. Die Antworten: Prozessoren aus Silikon sind nicht der letzte Schritt – wie es Disketten ja auch nicht waren. Was kommen wird: Neuromorphic Computing, Optical und Biological. Einer Kakerlake sei bereits ein Computer mit der Leistung eines Commodore 64 eingesetzt worden. In 25 Jahren können wir unser Smartphone in uns tragen. Aber was, wenn das dann jemand hackt?

Was gab es sonst noch zu sehen?

Die Blockchain kann Verträge und Geldströme abbilden – und das ohne ein zentrales Unternehmen im Zentrum des Spinnennetzes. Die Fahrer von Uber könnten es also auch ohne Uber, zumindest in der Theorie.

Ein neues VC-Geschäftsmodell: “Chinaccelerator” ebnet StartUps den Weg in den asiatischen Markt, setzt nur auf Geschäftsmodelle mit einer “unfair Advantage” und liefert seinen StartUps die User im Austausch gegen Anteile an der Firma.

Jede Menge Briten auf der Bühne, die sich für ihre Regierung und den Brexit entschuldigten. Kaum Deutsche – das wäre ein Motto für die #NEXT17: next Germany!

Befangenheits-Mitteilung: Autor Ralf Scharnhorst hat 1998-2006 bei SinnerSchrader gearbeitet und findet immer noch fast alles toll, was dort entsteht.

Über Ralf Scharnhorst

Ralf Scharnhorst

Scharnhorst Media leistet Marketing-Strategie-Beratung und begleitet die Umsetzung je nach Bedarf auch in Mediaplanung, Einkauf, Analyse und Optimierung. Schwerpunkt ist das datengetriebene Programmatic Advertising. Seit 1996 ist Ralf Scharnhorst Online-Mediaplaner, 2008 hat er Scharnhorst Media gegründet. Er lehrt an der Macromedia Hochschule. Testen Sie mit seinem Online-Marketing-Check ihr Optimierungspotential und folgen Sie Ralf Scharnhorst auf Xing und LinkedIn für die nächsten Artikel.

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