Karriere-Philosophie: 3 Dinge, die du von Diogenes von Sinope lernen kannst

Oftmals werden die Lehren von Philosophen für Karriere zurate gezogen. Ein besonderer Philosoph wird jedoch oftmals übersehen: Diogenes von Sinope.

© Walters Art Museum

Von allen Philosophen, deren Lehren man in Betracht ziehen könnte, wenn man einen Ratschlag zur Karriere sucht, ist Diogenes wohl die seltsamste Wahl. Bereits im antiken Griechenland galt dieser als Exzentriker in seiner reinsten Form, denn der Philosoph war in seiner Lebensphilosophie so konsequent, dass er eine Existenz führte, die es so nur einmal gab. Er lebte im Fass auf einer Straße, beschränkte sich auf das Nötigste an Hab und Gut und stand somit entgegen allem Materiellen. Stattdessen nahm er nur Grundbedürfnisse des Menschen wahr: Essen, Trinken, (Kleidung) und Sexualtrieb. Kurzum, würde Diogenes in der heutigen Zeit leben, wäre Karriere wohl das Letzte, was für ihn von Bedeutung wäre. Nicht umsonst bezeichnete man ihn als Hund. Dennoch, wie es sich so häufig verhält, können wir uns für die eigene Karriere eine Scheibe von seiner Lebensweise und aus den Anekdoten über ihn abschneiden – jedoch wirklich nur eine Scheibe. Im Folgenden zeigen wir dir drei Dinge, welche du vom wohl schrecklichsten Karriereratgeber allerzeiten lernen kannst.

1. Bescheidenheit und Bedürfnislosigkeit

In der menschlichen Historie war wohl kaum ein Mensch so bodenständig wie Diogenes. Wortwörtlich, denn schließlich war dieser seine Heimat. Eine Anekdote hierzu beschreibt die Längen, welcher dieser hierbei willig war zu gehen, überaus effektiv. Zu den wenigen Besitztümern, über welche Diogenes verfügte, gehörten eine Schale und ein Trinkbecher. Die Schale, um Nahrung zu sich zu nehmen, der Trinkbecher ist wohl selbsterklärend. Eines Tages begegnete ihm jedoch ein Kind, welches er beobachtete, während es mit seinen bloßen Händen Wasser aus einem Brunnen trank. Für Diogenes gab es hierbei nur einen konsequenten Schritt: Becher und Schale entsorgen, schließlich brauchte er diese nicht. Was lässt sich daraus nun für die eigenen Karriere mitnehmen?

Oftmals betrachten wir Berufe nur als Sprungbrett. Sie dienen als Zwischenetappe zum letztendlichen Ziel unsererseits und dienen prinzipiell nur als Mittel zum Zweck. Dennoch stellen wir oftmals einen hohen Anspruch an sie. Erwarten uns irgendeinen Luxus im Beruf, den wir nicht erwarten sollten, suchen penibel nach Macken unserer Arbeitsstelle und auch wenn man natürlich einen gewissen Anspruch haben darf, vergisst man zu häufig, dass dieser Job oftmals nichts Finales ist; dass weniger auch mehr sein kann und wir nicht viel brauchen, um unseren Beruf effektiv durchzuführen. In dieser Anekdote wäre der Job das Wasser und es wird erwartet, eine Schüssel anbei zu haben, denn sonst könne man den Durst nicht stillen – und selbstverständlich ist das falsch. Es lässt sich sagen, dass wir auf mehr Zufriedenheit im Beruf stoßen, wenn wir eine realistischere Herangehensweise an diesen pflegen. Häufig reicht es, sich auf das Mindeste zu beschränken. Eventuell gibt es Zwischenetappen, welche einem mehr Luxus und Komfort bieten – doch wenn diese den Zweck nicht am wirksamsten erfüllen, muss man sich entscheiden, ob man derartigen Luxus tatsächlich braucht. Diogenes Antwort darauf ist einfach: Nein.

2. Auch der klügste Verstand macht Fehler

Und in diesem Fall bezieht sich das nicht auf Diogenes. Eine Frage, die im antiken Griechenland häufig kursierte war, was die einfachste Möglichkeit sei, einen Menschen zu beschreiben. Die Anzahl an Tieren in der Region war damals sehr begrenzt, weshalb die einzigen weitere Wesen, welche auf zwei Beinen liefen, Hühner und dergleichen waren. Platon nahm sich dieser Frage an und definierte den Menschen folgendermaßen:

Der Mensch ist ein federloses zweifüßiges Tier.

Diese Definition erntete ihm damals Beifall, doch Diogenes war mit dieser Beschreibung nicht wirklich einverstanden. Statt einfach zu widersprechen, rupfte dieser ein Huhn, ging zu Platons Schule und warf diesem mit den Worten: „Das ist Platons Mensch!“ das gerupftes Huhn vor die Füße und verschwand sogleich wieder, wobei er einen der wohl größten Denker der geschichtlichen Laufbahn vor all seinen Schülern bloßstellte.

Die Lektion hieraus ist nicht etwa, dass man seinem Chef Hühnchen mit zur Arbeit bringen sollte, wenn auch dies eine valide Überlegung zum Mittagessen sein mag. Viel eher lernen wir daraus Folgendes: Eine schlechte Idee ist eine schlechte Idee, so genial ihr Uhrheber auch sein mag. Platon war einer der größten Denker, die jemals existierten, stellt dennoch eine derart absurde These auf. Dass die eigenen Vorgesetzten dementsprechend nicht ausschließlich gute Vorschläge machen, ist naheliegend. Ihnen bei diesen zu widersprechen ist wichtig und, wenn auch nicht immer einfach, ebenso im Interesse des Unternehmens. Sofern man also Einwände hat, sollte man diese auch kommunizieren. Nicht nur dem Unternehmen mag dies helfen, auch die eigene Karriere kann hiervon profitieren. Wichtig ist dennoch zu reflektieren, ob womöglich eine objektiv schlechte Idee vorliegt oder man sie subjektiv für schlecht befindet, da je nach Fall eine unterschiedliche Vermittlung erfolgen sollte – im Optimalfall mit etwas mehr Anstand und Manier als in der Ausführung von Diogenes.

3. Autoritäten hinterfragen

Ein großer Bewunderer von Diogenes war Alexander der Große. Von gegenseitigem Respekt kann man hier allerdings nicht sprechen, denn Erzählungen, wie der Philosoph den König verhöhnte, gibt es reichlich. Als Alexander die Reise auf sich nahm, um Diogenes in persona anzutreffen, fand er diesen letzten Endes in seinem Fass auf einem Marktplatz vor. Alexander schritt zu ihm und bat Diogenes an, falls es irgendwas gäbe, dass er für ihn tun könne, solle dieser es ihm unverzüglich mitteilen – und Diogenes teile sich unverzüglich mit. Zu Alexander dem Großen – ein ausgezeichneter Kriegsherr, welcher eigene Familienmitglieder tötete, um den Thron zu ergattern – sagte Diogenes schlichtweg: „Ja, geh mir aus der Sonne.“ In einer weiteren Anekdote durchforstete Diogenes angeblich die knöchernen Überreste von Menschen. Alexander sah dies und fragte ihn, was er denn gerade täte. Der Philosoph entgegnete, er würde versuchen die Knochen von Alexanders Vater ausfindig zu machen, könne sie allerdings nicht von denen seiner Sklaven unterscheiden.

Wegen Anekdoten wie dieser besteht die anfängliche Klarstellung, man solle sich wirklich nur eine Scheibe abschneiden, denn auch wenn derartige Erzählungen sehr unterhaltsam sein mögen, im Arbeitsumfeld bringt einen solch ein Verhalten natürlich nicht weiter. Die Scheibe, welche man sich davon jedoch abschneiden kann, ist das Hinterfragen von Autoritäten. Man kann einen respektvollen Umgang pflegen und gleichzeitig Autoritäten infrage stellen, Späße über tote Väter sind am Arbeitsplatz generell eher unbeliebt. Wichtig ist das Hinterfragen insofern, dass man sich ansonsten oftmals blind auf diese verlässt oder genauso blind folgt, obwohl man doch eigentlich autonom sein und sich auf die eigene Kompetenz verlassen will. Dass jemand auf dem Papier mehr Einfluss als man selbst hat, ist nicht immer damit gleichzusetzen, diesen Einfluss auch über sich ergehen zu lassen. Selbstverständlich, wenn von Vorgesetzten Anweisungen folgen, sollte man diesen auch nachgehen – jedoch nur, sofern sinnvoll. Auch hier sollte man natürlich relativieren und nicht immer sind Widerworte gern gesehen, manchmal jedoch von Nöten. Wichtig ist es jedoch für sich selbst gerade zu stehen.

Aktionsphilosophie

Diogenes ist vor allem für eines bekannt: Die Umsetzung seiner Philosophie. Er stellte nicht etwa Thesen in den Raum, sondern ging diesen in Form seiner gesamten Existenz nach – nicht, weil es ihm an Intellekt mangelte, schließlich ist Diogenes in seiner Schlafgertigkeit bis dato nahezu unübertroffen, wie aus den Anekdoten wohl hervorgeht, sondern weil er von diesen überzeugt war. Und auch aus diesem Verhalten lassen sich zwei zusätzliche Lehren schlussfolgern:

  1. Wenn du etwas tust, tue es aus Überzeugung. Ideen sind schön und gut, jedoch wertlos, wenn keine Bereitschaft besteht diese umzusetzen. Selbiges gilt auch für diese drei Lektionen, denn wenn man sie nicht anwendet, dann hat man sie gar nicht erst verinnerlicht und sie werden nutzlos.
  2. Man hört dies immer wieder, doch darf man weiterhin das Gewicht dahinter nicht vergessen: Sei du selbst. Warum gibt es nur so wenige Menschen, die leben und lebten wie Diogenes? Weil es nur wenige Menschen gibt, die so sind wie Diogenes. Zu erwarten, dass jemand, der nicht so ist, denselben Lebensstil pflegen kann, wäre absurd. Dementsprechend gilt auch: Falls diese Lehren einem nicht zusagen, wäre es sinnlos sie anzuwenden – denn in dem Fall sind das keine Stärken, auf die man sich verlassen kann.

Diogenes war eine überaus exzentrische Figur und wie viel Wahrheit in diesen Anekdoten steckt, ist fraglich, doch rankten sich schon zu seiner Lebenszeit solche Legenden um ihn, bis hin zu seinem Tod. Denn einer letzten Anekdote zufolge soll Diogenes im Alter von 89 Jahren gestorben sein, als er des Lebens müde wurde und seinen Atem anhielt, bis er tot umfiel. Die Lektion daraus? Keine. Es zeigt nur nochmal, was für ein Mensch Diogenes war: ein grotesker.

Über Toni Gau

Toni Gau

Toni Gau ist freischaffender Blogger, wobei sein Augenmerk auf Popkultur, Literatur und Storytelling liegt, mit eigens geschriebenen Geschichten zwischendrin. Nach dazugehörigem Studium setzt er hier nun seine Arbeit fort und schreibt seit März 2019 für OnlineMarketing.de

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